Bad Lieutenant – Cop Ohne Gewissen

Kurzkritik

Das Geschrei im Vorfeld war groß. Werner Herzog, ausgerechnet der eigenwillige deutsche Regisseur, vergreife sich an Abel Ferraras Kriminaldrama Bad Lieutenant von 1992 mit Harvey Keitel in der Hauptrolle. Und wenn das nicht schon schlimm genug wäre, castet Herzog auch noch Schauspieler wie Nicolas Cage, Eva Mendes, Val Kilmer und Xzibit. Die Fachwelt prophezeite einen Megaflop – und Ferrara setzte noch einen drauf. In einem Interview in Cannes wünschte er allen Beteiligten am Remake einen grausamen Tod, am besten per Autounfall. Doch nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird, und als der Film beim Filmfestival in Venedig vorgestellt wurde, war alles auf einmal halb so schlimm. Die Fachpresse jubelte und überschlug sich mit Lobpreisungen auf Herzog und vor allem auf Cage, der nach Jahren mittelmäßiger Leistungen in mittelmäßigen Filmen endlich mal wieder zeigen darf, was er schauspielerisch so alles auf dem Kasten hat. Ein Grund für den schnellen Meinungsumschwung war letztlich auch die Tatsache, dass Bad Lieutenant – Port Of Call New Orleans mit Ferraras Vorlage fast gar nichts zu tun hat. Wie auch, denn Herzog erklärte als Reaktion auf Ferraras Drohungen, das Original wie auch den Regisseur überhaupt nicht zu kennen. Sowieso, der Regisseur versuchte mehrmals vergeblich, den Titel seines Films ändern zu lassen. Doch seine Produzenten bestanden darauf, ihn bei Bad Lieutenant zu belassen. Was für die Promotion des Films sicherlich auch besser ist, für die Rezeption aber hinderlich sein kann, weil viele Kritiker trotz alledem den Vergleich zum Film von 1992 heranziehen. Doch dieser Vergleich hinkt in jeder Hinsicht, denn wer sich in Herzogs Œuvre auskennt, erkennt in nahezu jeder Szene die Handschrift des Regisseurs und weiß Bad Lieutenant sofort einzuordnen. Es lassen sich zahlreiche Parallelen zu Altwerken Herzogs ausmachen, und inszenatorisch wie auch inhaltlich scheint er an seine großen Filme aus den 70ern und 80ern anknüpfen zu wollen. Herzog baut seinen Film um die Figur des abgefuckten Lieutenants McDonagh (Cage) auf, konzentriert sich nicht vordergründig auf den Krimiplot, sondern präsentiert eine zweistündige Charakterstudie eines Mannes, der wie eine Mischung aus Hauptfiguren Herzogs Klassiker erscheint. McDonagh ist exzentrisch, gar wahnsinnig, aber auch voller Melancholie und juveniler Quirligkeit. Herzog deutet gar nicht mit dem erhobenen Zeigefinger auf McDonagh, nimmt keinerlei Wertung seiner Drogen-/ und Gewaltexzesse vor, sondern dringt tief in die Persönlichkeit seines Protagonisten ein, um dem Zuschauer den Rest zu überlassen. Hier liegt eine große Stärke des Films, der Freiheiten lässt für eigene Gedanken und Wertungen – als wäre Bad Lieutenant ein letztes Relikt aus großartigen Zeiten des Neuen Deutschen Films. Dass das letztlich funktioniert, liegt an der grandiosen Performance von Nicolas Cage, der seine beste Leistung seit Leaving Las Vegas abliefert. Cage formt den Charakter mit explosivem, für Herzogs Filme typischen overacting, ohne jemals lächerlich oder aufgesetzt zu wirken. Sein McDonagh bleibt stets, trotz aller Ausbrüche, verschlossen. Und aus dieser Verschlossenheit, diesem an den richtigen Stellen nuancierten Einsatz expressiver Mimik, resultiert die Bedrohung, die der Zuschauer empfindet, eine Bedrohung McDonaghs gegenüber seiner Umwelt, vor allem aber gegenüber sich selbst. Diesen tiefen Blick in die Figur McDonaghs bricht Herzog regelmäßig auf, wenn er, wohl dosiert, groteske und humorvolle Szenen einbaut. Bad Lieutenant ist deshalb kein runder Film, aber das war noch kein Werk von Werner Herzog. Bad Lieutenant ist sperrig von der ersten Sekunde an. Man darf dankbar sein, dass Produzenten heutzutage Regisseuren wie Herzog noch die Chance geben, derartige Filme zu drehen, die sich von ihrer Machart her von vornherein ausschließen für den Massenmarkt. Und man darf den Regisseuren wie Herzog schließlich dankbar sein, wenn sie derartig großartige Arthaus-Perlen in die Kinos bringen wie Bad Lieutenant. (8/10)

★★★★★★★★☆☆