Martyrs

Filmkritik
martyrs

Mit Saw und Hostel hat sie 2004 beziehungsweise 2005 angefangen, die Welle von Folterfilmen, die sich zum ersten Mal so richtig traute, explizite und realitätsnahe Gewaltdarstellungen geradeheraus auf Zelluloid zu bannen. Doch wo US-Produktionen sich orientiert am Zielmarkt eine persönliche Gewaltgrenze setzten, legten die französischen Filmemacher so richtig los. Ob Alexandre Aja mit Haute Tension, ob Filme wie Inside oder Frontier(s), der neue französische Horrorfilm befriedigte gorehounds in aller Welt und startete so einen unvorstellbaren Siegeszug. Dass es aber noch weitaus härter gehen kann, beweist der neuste Streich unserer Nachbarn. Mit Martyrs werfen sie einen Film auf den Markt, der alle bisherigen Werke übertrifft. Dieser Film überschreitet die nächste Grenze und trifft den Zuschauer erstmals da, wo man meinte, schon unzählige male getroffen worden zu sein. Dieser Film ist wirklich ein Schlag in die Magengrube, ein Schlag so hart, dass er noch weit nach der Sichtung nachhallt und bei manchen Zuschauern Spuren hinterlassen dürfte.

Dabei ist Martyrs seinen Kollegen nicht nur splattertechnisch um einiges voraus, sondern glänzt vor allem durch eine gut konstruierte Geschichte mit wirklichen Twists, die neben dem physischen endlich auch mal wieder den psychischen Faktor in einen aktuellen Horrorfilm bringt. Das größte Manko der Folterwelle, und damit sein allergrößter Kritikpunkt, war bisher die Tatsache, dass die Gewalt in den Filmen nur der Gewalt wegen gezeigt wurde und das eine Story de facto nicht existent war. Und genau hier setzt Martyrs clever an. Der Film bietet eine Geschichte, die nicht nur wegen der realen Bezüge (ich sage nur Österreich) schockiert, sondern durch erfrischende Ansätze von Anfang an fesselt. Martyrs vermischt gekonnt Realität und Fiktion, Kunst und Wissenschaft, Schock und Spannung und präsentiert sich dadurch in einem Gewand, das man dem Film so nicht zugetraut hätte. Schon in der ersten Viertelstunde wird das Feld weitestgehend abgesteckt und der Zuschauer bekommt einen ersten Ausblick auf die schiere Erbarmungslosigkeit der Handlung. Wer aber denkt, nach den ersten Minuten den Ausgang der Geschichte vorhersagen zu können, der irrt. Das Drehbuch besticht durch einen Twist nach dem anderen, so geschickt platziert, dass die Story zum Ende hin eine komplett andere Richtung einschlägt als anfangs vermutet.

Bei aller Lobhudelei für die Story, ein zentraler und für Fans wichtigster Bestandteil des Films sind natürlich die Splatterszenen, und diese Übertreffen alles bisher gesehene. Martyrs besticht durch eine krasse, schonungslose und rigorose Härte, die von der Kamera unverblümt und schonungslos dokumentiert wird. Man wird sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, was Regisseur Pascal Laugier geritten hat, Szenen in solch sorgfältiger Perversion zu drehen. Sicherlich, er wollte provozieren um so nicht zuletzt sich und seinen Film pushen, was ja auch gelungen ist. Andererseits ist die Gewalt in der Form, wie sie dargestellt wird, ein unabdingbarer Teil in Wechselwirkung mit der Geschichte, vergleichbar mit den Vergewaltigungsszenen in Irreversible und Der freie Wille. Sie macht die Story für den Zuschauer erst greifbar, indem sie ihn eiskalt und unnachgiebig mitten ins Mark trifft. Laugier macht so den Schmerz der Figuren greifbar, in dem er den Zuschauer zwingt, hinzusehen, dessen psychische Schmerzensgrenze bis ins letzte ausreizt und sogar übersteigt. Dass diese Brutalität für den einen oder anderen schwerlich zu ertragen ist, ist eine logische Konsequenz. Martyrs ist sicherlich kein Film für jedermann, ein Film, an dem sich die Geister scheiden werden. Er wird für großen Diskussionsstoff sorgen, vor allem in den deutschen Medien. Martyrs ist quasi kontroverses Kino in seiner reinsten Form, schockierend, ja sogar ekelhaft, doch niemals auf seine exzessiven Darstellungen reduziert.

Dafür sorgen auch die überraschend stark aufspielenden Darsteller. Allen voran Mylène Jampanoï trägt mit ihrer wuchtigen Performance die komplette erste Hälfte des Films quasi allein. Sie zeichnet einen hoch ambivalenten Charakter zwischen Labilität und unabdingbarer Grausamkeit, glaubwürdig und erschreckend. Auch ihre Filmpartnerin Morjana Aloui besticht durch ein intensives Spiel, das genreunüblig nuancenreich und tiefgründig daherkommt. Die beiden Darstellerinnen sind ein Glücksfall für den Film, da sie den bei dieser Thematik so schwierigen Spagat zwischen glaubhaftem Spiel und over acting souverän meistern. Dadurch entwickeln sie sich zu einer echten Identifikationsbasis für den Zuschauer, was für den psychologischen Schrecken des Films ein elementarer Bestandteil ist. Aber auch Regisseur Laugier hat seine Hausaufgaben gemacht und dem Film durch seine stimmige Inszenierung den letzten Schliff gegeben. Er taucht die Bilder in kühle, sterile Farben, die zusammen mit dem guten Soundtrack die atmosphärische Grundlage des Films ausmachen. Auch sonst beweist er ein gutes Händchen für clevere Schnitte und spannende Einstellungen.

Martyrs ist also ein Film, der trotz seiner Zugehörigkeit zur aktuellen Folterwelle ein überraschend erfrischendes Erlebnis für Fans des Genres ist. Nicht zuletzt die interessante Geschichte macht Martyrs zu etwas ganz besonderen und hebt ihn ab vom uninspirierten Einheitsbrei. Ob der Film nun wie beworben der rein von seiner physischen Härte Krasseste aller Zeiten ist, kann vielleicht bezweifelt werden. Fakt ist aber, dass die schonungslosen Gewaltdarstellungen in Verbindung mit der depressiven Unerträglichkeit des Drehbuchs und der eindringlichen Atmosphäre ein grausames Endprodukt ergeben, das den Zuschauer in einer nie dagewesenen Form direkt und nachhaltig ins Mark trifft. Martyrs ist überraschend vielseitig, überraschend clever, überraschend inspiriert – einfach überraschend stark. Und da verzeiht man dem Film auch einen kurzen Leerlauf vor dem großen Finale. Jetzt darf man im Hinblick auf die französische Szene gespannt sein, wie man diesen Film zu toppen versuchen will. Eines steht fest: härter geht immer. Und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis man wieder von DEM Überfilm spricht und mit Superlativen um sich wirft. Bis dahin ist Martyrs eine kleine Referenz, an die sich zukünftige Produktionen hoffentlich ein gutes Beispiel nehmen. (8/10)

★★★★★★★★☆☆