Kurzkritiken: Kinoschnelldurchlauf #4

A Serious Man

Mit ihrer rabenschwarzen Tragikomödie A Serious Man besinnen sich Joel und Ethan Coen nach Filmen wie No Country For Old Men oder Burn After Reading zurück auf ihre jüdischen Wurzeln. Im Mittelpunkt des Films steht Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg), ein Physikprofessor im Amerika der späten 60er  Jahre. Sein idyllisches Leben kommt auf einmal ins Bröckeln, als seine Frau (Sari Lennick) ihm eröffnet, eine Affäre mit seinem verwitweten Nachbarn Sy Ableman (Fred Melamed) zu haben, seine Kinder statt Schule lieber Kiffen und Stehlen, sein Bruder Arthur (Richard Kind) sich auf Grund privater Probleme bei ihm einnistet und zu guter letzt ein Student ihn mit einer Stange Geld zu bestechen versucht. Wie ein Kartenhaus fällt sein Leben zusammen. Eine Kettenreaktion tritt in Gang, an deren Ende der geschasste Larry Hilfe bei den Rabbis der Gemeinde sucht. Die Coens bedienen sich offensichtlich der Geschichte von Ijob aus dem Tanach, der hebräischen Bibel. Ijobs Glaube wurde von Satan schwer geprüft – Prüfungen und Schicksalsschläge sollten Gott zeigen, dass sein Glaube nur so lange besteht, wie Gott eine schützende Hand über seinen Besitz hält. Larry, der sich fragt, welche abscheulichen Taten er begangen haben muss, um so bestraft zu werden, fällt nicht vom Glauben ab. Bei den Rabbis wähnt er seelischen Beistand, sucht Antworten, die er jedoch nicht erhalten wird. Anders als Ijob erliegt er schließlich am Ende des Films der satanischen Versuchung und wird prompt bestraft. Wie, zeigen die Coens nicht. Sie blenden einfach ab. Die Coens überlassen ihre Figuren dem Schicksal, etwas, was nur sie mit ihrem tiefschwarzen und zynischen Stil zu vermögen können. A Serious Man ist ein Kuriosum, ein Sammelsurium mysteriöser Ereignisse, eine wundervolle Parabel mit einer echten Neuentdeckung in der Hauptrolle. (7.5/10)

It’s Complicated (Wenn Liebe So Einfach Wäre)

Im Pool der zahlreichen RomComs, die jedes Jahr das Licht der Welt erblicken, ist es manchmal nicht leicht, kleine Perlen zu entdecken. Zu durchwachsen ist meist die Qualität, zu kommerziell ihre Ausrichtung. Mit It’s Complicated jedoch vermag endlich mal wieder eine RomCom zu gefallen. Als Glücksgriff erweisen sich dabei zwei Dinge: das Drehbuch und der Cast. Nancy Meyers gelingt der schwierige Spagat zwischen gekonntem Witz und übertriebener Gefühlsduselei und präsentiert einen Film, der 120 Minuten Spaß macht. Jane Adler (Meryl Streep) ist eine typisch moderne Frau. Als dreifache Mutter und erfolgreiche Inhaberin einer Bäckerei führt sie ein geregeltes Leben, auch ohne Mann, denn vor zehn Jahren ließ sich ihr Ehemann Jake (Alec Baldwin) für eine jüngere Frau scheiden. Auf einer Familienfeier jedoch landen Jane und Jake nach genügend Drinks wieder gemeinsam im Bett. Es entwickelt sich eine Affäre, die sie auch vor ihren Kindern geheim halten. Als zusätzlich der bodenständige Innenarchitekt Adam (Steve Martin) in Janes Leben tritt, ist das Chaos perfekt. Meyers treibt ihre Figuren durch allerlei komische und pointierte Situationen, nimmt sich jedoch zwischendurch immer wieder Zeit, mit zurückgenommenem Tempo in sie hineinzuschauen. It’s Complicated lebt so unter anderem von seinem Abwechslungsreichtum, seinen lustigen wie auch dramatischen Momenten. Einen erheblichen Anteil daran hat der blendend aufgelegte Cast, dem man den Spaß am Drehen ansieht. Meryl Streep liefert eine Performance ab, die zwar subtiler und ruhiger als die in Julie & Julia, aber gerade deswegen um einiges stärker ist. Es ist schon erstaunlich, wie man der mittlerweile 60-Jährigen die Hauptrolle in einer romantischen Komödie immer noch abnimmt. It’s Complicated dürfte jetzt schon ein Anwärter auf die Komödie des Jahres sein, so rund, wie sich der Film präsentiert. (7/10)

Sherlock Holmes

Nach mehr als zehn Jahren im Filmgeschäft wagt Regisseur Guy Ritchie nun den Sprung nach Hollywood – mit einer typisch englischen Geschichte im Gepäck und einem für seine Verhältnisse bombastischen Budget. Regietechnisch macht Ritchie dabei auch alles richtig, er transformiert die etwas angestaubte Figur Sherlock Holmes in die Moderne. Zwar spielt die Geschichte immer noch Ende des 19. Jahrhunderts, doch der Detektiv wirkt in Ritchies Version wie aus einem Superheldencomic entsprungen, modern, hip und trendig. Robert Downey Jr. brilliert in der Rolle mit purem Zynismus und sichtlichem Spaß, darf sich austoben wie sich Darsteller nur bei Ritchies Filmen austoben dürfen. Selbst Jude Law spielt seinen Part als Dr. Watson ohne größere negative Auffälligkeiten. Doch so gut Ritchie auch gegen das mangelhafte Drehbuch ankämpft, ausmerzen kann er dessen Probleme nicht ganz. Die Geschichte plätschert nur so vor sich hin, der Plot ist alles andere als spannend und vorhersehbar. Für eine Laufzeit von mehr als zwei Stunden passiert zu wenig, um den Zuschauer wirklich zu begeistern.  Zwar wird das Geschehen durch einige gute vor allem komödiantische Einfälle aufgelockert, doch wahres Krimi-Feeling kommt nie auf. Zu unentschlossen ist das Drehbuch, ob es nun Komödie, Kriminal-/, Abenteuer-/ oder Actionfilm sein will. Guy Ritchies Version von Sherlock Holmes hinterlässt einen zwiegespaltenen Eindruck. Auf der technischen Seite überragend, kommt die inhaltliche Komponente viel zu kurz. Auf das sichere Sequel darf man sich trotzdem freuen, denn als Start in ein neues Franchise taugt der Film allemal. (5/10)

Friendship!

Ein Roadmovie aus Deutschland hat es bisher noch nicht oft gegeben. Ein gutes Roadmovie aus Deutschland war noch seltener. Umso erfrischender kommt Friendship! daher, ein Film, der die beiden Freunde Veit (Friedrich Mücke) und Tom (Matthias Schweighöfer) auf ihrer Reise quer durch die USA begleitet. Es ist 1989, die Mauer ist gerade gefallen. Veit und Tom wollen endlich die große weite Welt sehen – am besten in Form der Golden Gate Bridge, dem westlichsten Punkt der Erde. Danach kommt bekanntlich schon Asien. Ihr Geld reicht jedoch nur für einen Flug nach New York. Ohne Geld in der Tasche trampen sich die beiden durch Amerika und begegnen dabei den unterschiedlichsten Charakteren. Ob verkiffte Cartoon-Zeichner, dumme Südstaaten-Blondchen oder eine Rockergang – Friendship! lebt von seinen Figuren, die glücklicherweise nicht ins Unerträgliche überspitzt sind, sondern mit einem kleinen Augenzwinkern die große weite Welt aus der Sicht der zwei Ex-DDR-Bürger zeigen. Sowieso, der Comedy-Faktor kommt zwar nicht zu kurz, doch Friendship! als reine Komödie zu bezeichnen, wäre schlichtweg falsch. Dafür sorgen schon die zwei großen Neuentdeckungen des Films. Friedrich Mücke liefert neben den gewohnt aufgeregten Matthias Schweighöfer ein ruhiges und pointiertes Spiel ab, das gerade im Hinblick auf das Ende, welches vielleicht nicht jedem gefallen dürfte, sich aber vollends in das Gesamtbild fügt, eine große Bereicherung für die Geschichte darstellt. Regiedebütant Markus Goller hingegen besinnt sich auf seine Wurzeln als Werbefilmer und legt einen technisch einwandfreien Film mit teilweise wunderschönen Fotografien vor. Friendship! ist, gerade nach dem verulkten Trailer, eine der größten Überraschungen des noch jungen Kinojahres. Ein Film über Freundschaft und Abenteuer, aber auch ein Film über die große Freiheit in einem weiten Land. (7/10)

Oscars 2010: Die Nominierten

Erst vor wenigen Minuten in einer Pressekonferenz bekanntgegeben, haben die Kollegen von den Fünf Filmfreunden schon die komplette Liste der Oscar-Nominierten am Start. Erfreulich sind vor allen Dingen die nicht allzu überraschende Nominierung von Christoph Waltz als Bester Nebendarsteller sowie die Nominierungen für Das Weiße Band als Bester Fremdsprachiger Film und Beste Kamera (Christian Berger). Eine ausführlichere Wertung der Nominierungen folgt in ein paar Tagen.

Actor in a Leading Role
Jeff Bridges in “Crazy Heart”
George Clooney in “Up in the Air”
Colin Firth in “A Single Man”
Morgan Freeman in “Invictus”
Jeremy Renner in “The Hurt Locker”

Actor in a Supporting Role
Matt Damon in “Invictus”
Woody Harrelson in “The Messenger”
Christopher Plummer in “The Last Station”
Stanley Tucci in “The Lovely Bones”
Christoph Waltz in “Inglourious Basterds”

Actress in a Leading Role
Sandra Bullock in “The Blind Side”
Helen Mirren in “The Last Station”
Carey Mulligan in “An Education”
Gabourey Sidibe in “Precious: Based on the Novel ‘Push’ by Sapphire”
Meryl Streep in “Julie & Julia”

Actress in a Supporting Role
Penélope Cruz in “Nine”
Vera Farmiga in “Up in the Air”
Maggie Gyllenhaal in “Crazy Heart”
Anna Kendrick in “Up in the Air”
Mo’Nique in “Precious: Based on the Novel ‘Push’ by Sapphire”

Animated Feature Film
“Coraline” Henry Selick
“Fantastic Mr. Fox” Wes Anderson
“The Princess and the Frog” John Musker and Ron Clements
“The Secret of Kells” Tomm Moore
“Up” Pete Docter

Art Direction
“Avatar” Art Direction: Rick Carter and Robert Stromberg; Set Decoration: Kim Sinclair
“The Imaginarium of Doctor Parnassus” Art Direction: Dave Warren and Anastasia Masaro; Set Decoration: Caroline Smith
“Nine” Art Direction: John Myhre; Set Decoration: Gordon Sim
“Sherlock Holmes” Art Direction: Sarah Greenwood; Set Decoration: Katie Spencer
“The Young Victoria” Art Direction: Patrice Vermette; Set Decoration: Maggie Gray

Cinematography
“Avatar” Mauro Fiore
“Harry Potter and the Half-Blood Prince” Bruno Delbonnel
“The Hurt Locker” Barry Ackroyd
“Inglourious Basterds” Robert Richardson
“The White Ribbon” Christian Berger

Costume Design
“Bright Star” Janet Patterson
“Coco before Chanel” Catherine Leterrier
“The Imaginarium of Doctor Parnassus” Monique Prudhomme
“Nine” Colleen Atwood
“The Young Victoria” Sandy Powell

Directing
“Avatar” James Cameron
“The Hurt Locker” Kathryn Bigelow
“Inglourious Basterds” Quentin Tarantino
“Precious: Based on the Novel ‘Push’ by Sapphire” Lee Daniels
“Up in the Air” Jason Reitman

Documentary (Feature)
“Burma VJ” Anders Østergaard and Lise Lense-Møller
“The Cove” Nominees to be determined
“Food, Inc.” Robert Kenner and Elise Pearlstein
“The Most Dangerous Man in America: Daniel Ellsberg and the Pentagon Papers” Judith Ehrlich and Rick Goldsmith
“Which Way Home” Rebecca Cammisa

Documentary (Short Subject)
“China’s Unnatural Disaster: The Tears of Sichuan Province” Jon Alpert and Matthew O’Neill
“The Last Campaign of Governor Booth Gardner” Daniel Junge and Henry Ansbacher
“The Last Truck: Closing of a GM Plant” Steven Bognar and Julia Reichert
“Music by Prudence” Roger Ross Williams and Elinor Burkett
“Rabbit à la Berlin” Bartek Konopka and Anna Wydra

Film Editing
“Avatar” Stephen Rivkin, John Refoua and James Cameron
“District 9” Julian Clarke
“The Hurt Locker” Bob Murawski and Chris Innis
“Inglourious Basterds” Sally Menke
“Precious: Based on the Novel ‘Push’ by Sapphire” Joe Klotz

Foreign Language Film
“Ajami” Israel
“El Secreto de Sus Ojos” Argentina
“The Milk of Sorrow” Peru
“Un Prophète” France
“The White Ribbon” Germany

Makeup
“Il Divo” Aldo Signoretti and Vittorio Sodano
“Star Trek” Barney Burman, Mindy Hall and Joel Harlow
“The Young Victoria” Jon Henry Gordon and Jenny Shircore

Music (Original Score)
“Avatar” James Horner
“Fantastic Mr. Fox” Alexandre Desplat
“The Hurt Locker” Marco Beltrami and Buck Sanders
“Sherlock Holmes” Hans Zimmer
“Up” Michael Giacchino

Music (Original Song)
“Almost There” from “The Princess and the Frog” Music and Lyric by Randy Newman
“Down in New Orleans” from “The Princess and the Frog” Music and Lyric by Randy Newman
“Loin de Paname” from “Paris 36” Music by Reinhardt Wagner Lyric by Frank Thomas
“Take It All” from “Nine” Music and Lyric by Maury Yeston
“The Weary Kind (Theme from Crazy Heart)” from “Crazy Heart” Music and Lyric by Ryan Bingham and T Bone Burnett

Best Picture
“Avatar” James Cameron and Jon Landau, Producers
“The Blind Side” Nominees to be determined
“District 9” Peter Jackson and Carolynne Cunningham, Producers
“An Education” Finola Dwyer and Amanda Posey, Producers
“The Hurt Locker” Nominees to be determined
“Inglourious Basterds” Lawrence Bender, Producer
“Precious: Based on the Novel ‘Push’ by Sapphire” Lee Daniels, Sarah Siegel-Magness and Gary Magness, Producers
“A Serious Man” Joel Coen and Ethan Coen, Producers
“Up” Jonas Rivera, Producer
“Up in the Air” Daniel Dubiecki, Ivan Reitman and Jason Reitman, Producers

Short Film (Animated)
“French Roast” Fabrice O. Joubert
“Granny O’Grimm’s Sleeping Beauty” Nicky Phelan and Darragh O’Connell
“The Lady and the Reaper (La Dama y la Muerte)” Javier Recio Gracia
“Logorama” Nicolas Schmerkin
“A Matter of Loaf and Death” Nick Park

Short Film (Live Action)
“The Door” Juanita Wilson and James Flynn
“Instead of Abracadabra” Patrik Eklund and Mathias Fjellström
“Kavi” Gregg Helvey
“Miracle Fish” Luke Doolan and Drew Bailey
“The New Tenants” Joachim Back and Tivi Magnusson

Sound Editing
“Avatar” Christopher Boyes and Gwendolyn Yates Whittle
“The Hurt Locker” Paul N.J. Ottosson
“Inglourious Basterds” Wylie Stateman
“Star Trek” Mark Stoeckinger and Alan Rankin
“Up” Michael Silvers and Tom Myers

Sound Mixing
“Avatar” Christopher Boyes, Gary Summers, Andy Nelson and Tony Johnson
“The Hurt Locker” Paul N.J. Ottosson and Ray Beckett
“Inglourious Basterds” Michael Minkler, Tony Lamberti and Mark Ulano
“Star Trek” Anna Behlmer, Andy Nelson and Peter J. Devlin
“Transformers: Revenge of the Fallen” Greg P. Russell, Gary Summers and Geoffrey Patterson

Visual Effects
“Avatar” Joe Letteri, Stephen Rosenbaum, Richard Baneham and Andrew R. Jones
“District 9” Dan Kaufman, Peter Muyzers, Robert Habros and Matt Aitken
“Star Trek” Roger Guyett, Russell Earl, Paul Kavanagh and Burt Dalton

Writing (Adapted Screenplay)
“District 9” Written by Neill Blomkamp and Terri Tatchell
“An Education” Screenplay by Nick Hornby
“In the Loop” Screenplay by Jesse Armstrong, Simon Blackwell, Armando Iannucci, Tony Roche
“Precious: Based on the Novel ‘Push’ by Sapphire” Screenplay by Geoffrey Fletcher
“Up in the Air” Screenplay by Jason Reitman and Sheldon Turner

Writing (Original Screenplay)
“The Hurt Locker” Written by Mark Boal
“Inglourious Basterds” Written by Quentin Tarantino
“The Messenger” Written by Alessandro Camon & Oren Moverman
“A Serious Man” Written by Joel Coen & Ethan Coen
“Up” Screenplay by Bob Peterson, Pete Docter, Story by Pete Docter, Bob Peterson, Tom McCarthy

Glaubensfrage – Doubt

Filmkitik

doubt

Pädophilie und Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche. Ein brisantes Thema, welches nicht zuletzt auf Grund der publik gewordenen Skandale in den Vereinigten Staaten topaktuell ist. Dort spricht man von landesweit mindestens 10.000 Opfern von Übergriffen durch katholische Geistliche. Fast zwei Milliarden Dollar haben die Diözesen schon als Entschädigung gezahlt, um medienwirksame Prozesse zu verhindern. Doch der Ruf eilt der Kirche voraus. Ein vielfach preisgekröntes und gefeiertes Bühnenstück zu dieser heiklen Thematik lieferte 2004 der Regisseur und Autor John Patrick Shanley ab. Darin porträtiert er eine katholische Schule im Jahr 1964, die mit harter Hand von der Ordensschwester Aloysius Beauvier geführt wird. Ein Dorn im Auge ist ihr der junge liberale Pfarrer Brendan Flynn, der frischen Wind in die moralisch angestaubte Schule bringt.

Shanley selbst übernahm bei der Verfilmung seines Stückes die Regie. Eine Entscheidung, die sich in positiver wie auch negativer Weise auf den Film auswirkt. Niemand kennt die Geschichte besser als er, dementsprechend weiß Shanley genau, worauf er seinen Fokus legt. Es sind die Figuren, die Glaubensfrage so besonders machen, die Gegensätze, der Konflikt zweier schier gänzlich verschiedener Generationen. Shanley steckt am Anfang des Films die Grenzen zwischen den Charakteren genau ab, manipuliert den Zuschauer gar mit einer offensichtlichen Schwarz-Weiß-Malerei. Auf der einen Seite steht die erzkonservative und strenge Schwester Aloysius (Meryl Streep), die nicht nur ihren Schülern mit allen Mitteln Zucht, Disziplin und Ordnung einflößt, sondern genau eben diese konsequent in ihrem Orden durchsetzt. Sie steht für das alte System, das Amerika vor den großen gesellschaftlichen Umbrüchen der späten 60er Jahre und für die Kirche vor dem richtungweisenden Zweiten Vatikanischen Konzil. Ihr gegenüber steht der junge Pfarrer Brendan Flynn (Philip Seymour Hoffman), ein Freigeist, der trotz seines Berufes sein Leben abseits der Kirche genießt. Für ihn zählen keine Hautfarbe oder Herkunft, er behandelt alle gleich, gutmütig und gerecht. Umso erschreckender ist es für den Zuschauer, als Schwester James (Amy Adams), eine unerfahrene, aber gutmütige Frau, Indizien für einen möglichen Missbrauch des farbigen Jungen Donald Miller durch Pfarrer Flynn findet. Als Schwester Aloysius von den Befürchtungen erfährt, sieht sie ihre Chance gekommen, den von ihr so verhassten Pfarrer den Garaus zu machen. Sie konfrontiert ihn in ihrem Büro, doch er hat nur fadenscheinige Erklärungen zu bieten. Hier kommen dem Zuschauer erste Zweifel (Doubt, englischer Originaltitel), ob Flynn nicht doch vielleicht etwas mit einem Missbrauch zu tun haben könnte. Doch im weiteren Verlauf des Films gelingt es Shanley immer wieder, durch geschickt gesetzte Wendungen und Ereignisse, wie zum Beispiel einer beherzten Predigt des Pfarrers mit einer Parabel auf das Streuen falscher Tatsachen, mit den Gedanken der Zuschauer zu spielen. Es ist ein stetes Auf und Ab und es sind die Zweifel, die den Zuschauer noch weit nach Ende des Films beschäftigen. Mit einfachen Mitteln gelingt Shanley so eine Berg-und-Talfahrt der Gefühle, Kino mit Anspruch und Verstand. Doch vor allem inszenatorisch merkt man dem Film seine fehlende Kinoerfahrung an. Shanley experimentiert zwar viel, zum Beispiel mit außergewöhnlichen Kameraperspektiven aus der Schräge, doch Glaubensfrage ähnelt mehr einem Kammerspiel denn einer Kinoproduktion. Dies fällt auf Grund der starken schauspielerischen Leistungen zwar kaum ins Gewicht, doch ein wenig mehr Offenheit in manchen Szenen hätte dem Film nicht geschadet.

Es sind sowieso die Schauspieler, der Glaubensfrage zu einem einzigartigen Erlebnis machen. Allen voran Philip Seymour Hoffman, der in den letzten zwei Jahren bei seiner Rollenauswahl nicht einen Fehler gemacht hat. Hoffman geht förmlich auf in der Rolle des sympathischen Pfarrers, entdeckt im Spiel mit den Kindern sogar eine juvenile Seite und passt von seiner ganzen Person her sowieso als Kleriker. Die größten Momente im Film, in denen er sein schauspielerisches Können am meisten offenbaren kann, sind die Auseinandersetzungen mit Schwester Aloysius. Der Zuschauer fühlt in diesen Szenen förmlich den Hass der beiden Charaktere aufeinander, den eisigen Wind, der sinnbildlich durch die Schule bläst. Ein bisschen enttäuschend ist Meryl Streep, die ihre Rolle zwar gut und routiniert herunterspielt (und eine gute Meryl Streep ist immer noch besser als die meisten weiblichen Kolleginnen), doch ein facettenreicheres mimisches Spiel vermissen lässt. Viel besser macht es da Amy Adams, die den neutralen Ruhepol der Geschichte darstellt. Ihr Spiel ist zurückhaltend, aber eindringlich. Die Rolle der naiven Schwester James, die zwischen ihrer Mutter Oberin und dem Pfarrer hin und hergerissen ist, interpretiert sie stark und glaubwürdig.

Mein Fazit:

Glaubensfrage ist Schauspielerkino par excellence, ein starker Film und ein wichtiger dazu. Regisseur und Autor Shanley präsentiert verzichtet auf jeglichen inszenatorischen Schnickschnack und legt den Fokus auf die brodelnde Figurenkonstellation. Mit einem starken Drehbuch im Rücken laufen die Hauptdarsteller, allen voran Philip Seymour Hoffman, in Hochform auf und sorgen so dafür, dass die Geschichte auch noch lange nach Ende des Films nachwirkt. Shanley hält die wichtigste Frage des Films offen, so dass der Zuschauer gezwungen wird, eine eigene finale Wertung vorzunehmen. Eines steht zweifelsfrei fest: Glaubensfrage dürfte einer der interessantesten Filme des Jahres werden. (8/10)

★★★★★★★★☆☆

BLOGSPIEGEL

Symparanekronemoi: 7.5/10

Marcus kleine Filmseite: 7.5/10

MoviezKult: 8/10

Durchschnittwertung: 7.7/10

Oscars 2009: Die Nominierten

oscars

Nun sind sie da, die heiß erwarteten Nominierungen für die 81. Academy Awards, die am 22. Februar vergeben werden. Der größte Gewinner der Vorauswahl ist David Finchers The Curious Case Of Benjamin Button mit satten 13 (!) Nominierungen (unter anderem für den besten Film, die beste Regie und den besten Hauptdarsteller). 10 mal nominiert wurde Danny Boyles Golden Globes-Abräumer Slumdog Millionär. Mit 8 Nominierungen folgen Gus Van Sants Biopic Milk über den homosexuellen Politiker Harvey Milk und Christopher Nolans The Dark Knight. Aus deutscher Sicht erfreulich sind die Nominierungungen des Baader Meinhof Komplexes als bester nichtenglischsprachiger Film und Spielzeugland sowie Auf Der Strecke als beste Kurzfilme . Auch Werner Herzog könnte sich mit seiner Dokumentation Encounters At The End Of The World auf einen Oscar freuen. Erfreulich ist auch die Nominierung von Michael Shannon für seine brilliante Leistung in Revolutionary Road, auch wenn er gegen Heath Ledger keine Chance haben dürfte. Neben Ledger als besten Nebendarsteller dürften mit Mickey Rourke, der nicht nur mich mit seiner Performance in The Wrestler weggehauen hat, und Wall-E (bester Animationsfilm) auch schon einige andere Gewinner feststehen. Übrigens eine Schande, dass Bruce Springsteen für “The Wrestler” mit keiner Nominierung bedacht wurde. Eine komplette Liste der Nominierten gibt es hier.

Golden Globes 2009: Die Nominierten

Die diesjährige Award-Saison wurde heute mit der Bekanntgabe der Nominierungen für die “Golden Globes” eingeleutet. Mit jeweils fünf Nennungen gehen David Fichers The Curious Case Of Benjamin Button, Frost/Nixon und Doubt ins Rennen. Vier Nominierungen erhielten das Drama Revolutionary Road, Der Vorleser, Slumdog Millionaire und Vicky Cristina Barcelona. Christopher Nolans diesjähriger Kassenschlager The Dark Knight wurde außer bei der Nebendarstellerkategorie (Heath Ledger) überraschend völlig übergangen. Eine weitere Überraschung sind die Nominierungen von Robert Downey Jr. und Tom Cruise für ihre Rollen in Ben Stillers Tropic Thunder. Klar, Downey Jr. war in der Rolle des afroamerikanischen Superstars Kirk Lazarus kongenial – aber Cruise? Gab es mit Josh Brolin (Milk) oder Ralph Fiennes (Der Vorleser) keine besseren Alternativen? Aus deutscher Sicht ist die Nominierung für Der Baader Meinhof Komplex als bester nichtenglischsprachiger Film besonders erfreulich. Eine komplette Liste mit den Nominierten gibt es bei Ropeofsilicon.

P.S.: In letzter Zeit war aus Zeitgründen (2 Klausuren) tote Hose auf diesem Blog. Ab nächster Woche gibt es wie gewohnt wieder frische Reviews (unter anderem von Tunnel Rats, The Strangers, Vicky Cristina Barcelona, Factory Girl, Bangkok Dangerous, Anonyma & Krabat) und News.

Mamma Mia!

[Kino]-Review
mammamia.jpg

Wer kennt sie nicht, die Welthits der schwedischen Pop-Band Abba? Bei jeder Feier entzücken die Lieder die Massen, ob Jung oder Alt, und jeder kann die Refrains mitgrölen. So war es eine logische Konsequenz, dass 1999 das passende Musical dazu in London uraufgeführt wurde. Verpackt in einer Geschichte um ein Mädchen, welches ihren Vater finden will, avancierte sich das Bühnenstück zu einem Besuchermagneten mit über 30 Millionen Zuschauern. Hollywood erkannte das Potential einer möglichen Verfilmung und machte mehr als 50 Millionen Dollar locker, damit Regisseurin Phyllida Lloyd einen dem Musical würdigen Film mit einem Star-Aufgebot kreieren konnte.

Donna (Meryl Streep) ist allein erziehende Mutter und Hotelbesitzerin auf einer kleinen griechischen Insel. Ihre Tochter Sophie (Amanda Seyfried) steht kurz vor der Heirat und hat einen großen Traum. Sie möchte, dass ihr Vater sie zum Traualtar führt. Leider hat Donna ihr immer verheimlicht, wer ihr Erzeuger ist. Zufällig findet Sophie aber ein altes Tagebuch ihrer Mutter und kann 3 Männer ausfindig machen, die als Vater in Betracht kommen. Sie läd diese Männer ohne Wissen ihrer Mutter auf die Insel ein. Es folgen so allerlei Streitereien und Verwechslungen und ein Gefühlschaos ist vorprogrammiert…

Die Frage bei Musical-Verfilmungen ist immer, wie das Bühnenstück auf die Leinwand transformiert wird und dies ist allzu oft eine Gradwanderung. Wer bei Mamma Mia! ein ähnlich tiefgründigen Film wie zum Beispiel Sweeney Todd erwartet, der ist enttäuscht. Nicht umsonst wurde auch die Regisseurin des Musicals, Phyllida Lloyd, als Regisseurin des Films engagiert. Es geht hier nicht um eine große Geschichte mit enormen Einsatz von filmischen Stilmitteln, sondern es geht genau darum, das Feeling des Originals auf Zelluloid zu bannen und vor allem die großartigen Lieder von ABBA in den Mittelpunkt zu rücken. Genau diese Tatsache spaltet aber die Lager. Wer mit den Songs überhaupt nichts anfangen kann, wird den Kinosaal sowieso meiden. Wer aber auch kitschige Filme nicht leiden kann, der wird kotzen. Abseits der Lieder bietet Mamma Mia! nämlich genau das. The-Duke beschrieb es treffend als Kitschkanone. Mamma Mia! ist ein Gute-Laune-Film, voller Liebe, Schmerz und Heiterkeit. Passend dazu ist der Film in hellen und grellen Farben gedreht, mit kunterbunten Kostümen und Karibik-Feeling.

Getragen wird der Film dabei hauptsächlich von der sympathischen Darstellerriege. Die 14-fach nominierte und 2-fach ausgezeichnete Oscar-Gewinnerin Meryl Streep gibt dabei die beste Figur ab und ist der Eckpfeiler des Films. Die immerhin schon 59-Jährige versprüht mit ihrem Auftritt so viel Kraft und Energie, dass sie glatt 20 Jahre jünger wirkt. Sie nimmt sich außerdem in ihrem Blaumann selbst nicht ernst und gibt ihrer Figur durch ein leicht ironisches Spiel einen besonderen Touch. Überraschend auch, wie gut sie hinter dem Mikrofon agierte. Ihre Songs sind stark, gefühlvoll und voller Aussagekraft. In zweiter Reihe glänzt Amanda Seyfried, die nicht nur ein optischer Leckerbissen in ihrem knappen Badeanzug ist, sondern genau so wie ihre Film-Mama richtig gut singen kann. Auch die 3 potentiellen Väter, allen voran Pierce Brosnan, geben einen luftig leichten Sommer-Auftritt ab. Ihre 3 Charaktere ergänzen sich gegenseitig prima und sorgen so für den einen oder anderen Lacher. Lacher gibt es spätestens dann auch, wenn Brosnan singen darf. Das klingt so schief und so schlecht, dass es den Ex-Bond gleich noch ein bisschen sympathischer macht. Nervig sind nur die 2 sidekicks von Meryl Streep, Julie Walters (bekannt als Molly Weasly aus Harry Potter) und Christine Baranski. Die beiden kann man sich vorstellen wie die 4 Weiber aus Sex And The City, nur vielfach schlimmer.

Mein Fazit:

Mit Mamma Mia! ist den Machern ein luftig-leichter Sommerfilm gelungen, der die Lager spalten wird. Während die einen spätestens bei der cartoonhaften Überspitzung der Story mit dem Kopf schütteln, sind die anderen einfach begeistert von den grandiosen Darstellern und den guten Songs. Es ist halt ein Film, der lediglich den Anspruch hat, gute Laune zu verbreiten – und das ist ihm bei mir gelungen. Nicht umsonst fungiert Tom Hanks als ausführender Produzent, denn auch er hat schon früh das Potential dieses Films erkannt. (7/10)

★★★★★★★☆☆☆

BLOGSPIEGEL

Dukes Movieblog: 7,5/10

From Beyond: 8/10

MoviezKult: 7/10

Durchschnittwertung: 7,5/10