Slumdog Millionaire
Filmkritik

Mit acht Oscars ist Danny Boyles Slumdog Millionär DER Abräumer der diesjährigen Award-Saison. Acht Oscars, die den Film quantitativ auf eine Stufe mit Klassikern wie Die Besten Jahre Unseres Lebens, My Fair Lady oder Die Faust im Nacken heben, die auch allesamt acht Trophäen gewinnen konnten. Doch kann das Indien-Drama mit den genannten überhaupt qualitativ mithalten? Oder ist die enorme Anzahl der Oscars der diesjährigen schwachen Konkurrenz geschuldet? Die Antwort ist irgendwo in der Mitte anzusiedeln. Slumdog Millionär ist auf der einen Seite ein wunderbares, audiovisuell opulentes Drama, das ganz klar zu den Highlights des Kinojahres zählen dürfte. Auf der anderen Seite sind acht Oscars wohl einige zu viel, denn alleine im letzten Jahr hätte der Film in vielen Kategorien wohl wenige Chancen gehabt.
Danny Boyle erzählt die Geschichte des 18-jährigen Vollwaisen Jamal (Dev Patel), der in der indischen Version von „Wer wird Millionär?“ nur noch eine Frage von dem Gewinn von 20 Millionen Rupien entfernt ist. Er, ein ungebildeter junger Mann aus den Slums von Mumbai. Das macht ihn verdächtigt, er kann eigentlich nur betrogen haben. Es folgt ein Schnitt: Jamal ist gefesselt, zwei üble Polizisten wollen seine Betrugsmethoden aus ihm herausfoltern. Es gibt jedoch keine Methoden. Jamal hat alle Fragen ehrlich gewusst. Der leitende Inspektor spielt ihm die Aufzeichnung der Sendung vor. Zu jeder gestellten Frage soll Jamal erklären, wie er zu der Antwort gekommen ist. Und zu jeder gestellten Frage hat Jamal eine Geschichte aus seinem Leben parat, die plausibel erscheint. so In Rückblenden erzählt Boyle so eine coming of age-Story, angefangen in Jamals (nun: Ayush Mahesh Khedekar) Kindheit, in der er und sein Bruder Salim (Azharuddin Mohammed Ismail) Zeuge der Massenhinrichtung der Bewohner ihres Dorfes, einschließlich ihrer Mutter, werden. Zusammen mit der gleichaltrigen Latika (Rubiana Ali) ziehen sie daraufhin durch die Slums und hausieren auf einer Müllkippe. Dort geraten sie in die Fänge eines Gangsters, der Straßenkinder als Bettler missbraucht und auch vor Zerstümmelungen nicht zurückschreckt. Gemeinsam können die Brüder fliehen, Latikas Fluchtversuch scheitert. Fortan schlagen sich die Brüder (nun: Tanay Chheda und Ashutosh Lobo Gajiwala) mit Kleinganoverei quer durch Indien. Jamal aber hat nur ein Ziel: die Rückkehr nach Mumbai und Rettung von Latika.
Slumdog Millionär als reines Drama herunter zu stilisieren wäre verkehrt. Vielmehr vereint der Film Zutaten aus mehreren Genres, die ihn zu einem modernen Märchen werden lassen. Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Junge aus dem Slums von Mumbai, arm, perspektivlos, auf sich alleine gestellt. Lediglich die Liebe zu einem Mädchen gibt ihm Antrieb, zu leben und zu überleben. Gut und Böse sind in dem Film klar getrennt. Jamal ist die Sympathiefigur, der scheinbar chancenlose Held, der sich gegen die Bösen behaupten muss. Jamal muss sich von ganz unten herankämpfen, um Latika überhaupt noch einmal wiedersehen zu können. Slumdog Millionär ist quasi der amerikanische Traum in seiner reinsten Form, eine Geschichte, in der sich ein Individuum durch steten Willen und Krafteinsatz die Chancen erkämpft, seine Träume wahr zu machen. Das starke Drehbuch verhilft dem Film dabei, niemals ins pathetische abzurutschen. Vielmehr glänzt es durch eine unerwartete Vielseitigkeit, die der Geschichte eine enorme Abwechslung, und damit Leben einhaucht. Slumdog Millionär ist vor allem in der Anfangsszene urkomisch und beinhaltet auch im weiteren Verlauf Dialoge mit Wortwitz und Charme, doch verkommt niemals zu einer lächerlichen Geschichte. Slumdog Millionär ist hoch tragisch, zum Beispiel wenn Jamals Dorf überfallen wird und Fundamentalisten die ganze Bevölkerung abschlachten, doch niemals wehleidig und anklagend. Slumdog Millionär ist spannend und actionreich, wenn sich die Brüder im Mittelteil als Kleinganoven durch die Slums schlagen, doch niemals aufgesetzt und unglaubwürdig. Slumdog Millionär beinhaltet eine Liebesgeschichte, die stets die Gefahr läuft, kitschig zu werden, doch niemals wird. Die Elemente im Film halten sich stets die Waage und sorgen für eine Vielschichtigkeit, die in den letzten Jahren nur sehr wenige Filme erreicht haben.
Dass die Vielschichtigkeit des Drehbuchs auch im Film erhalten bleibt, dafür sorgt Danny Boyles großartige Regie. Erst seine spritzige Inszenierung macht Slumdog Millionär trotz seines doch ernsten Themas zu einem Feel-Good-Movie. Er taucht den Film in knallige Farben und gibt so Referenzen an das Bollywood-Kino, ohne es jedoch blind zu kopieren. Vielmehr vermischt sich der westliche Inszenierungsstil mit dem indischen und ergibt so eine einzigartige Symbiose, die für unser Auge nicht nur erträglich, sondern auch erfrischend anders ist. Die Schnelllebigkeit der Metropole Mumbai und deren Menschen fängt er wunderbar mit dynamischen Handkameras ein, deren Wirkung durch die harten Schnitte noch weiter verstärkt ist. Die Optik ist wenig konventionell, nicht nur von den Farben her, sondern auch von den Einstellungen. Boyle hat sichtlich Spaß dabei, mit ungewöhnlichen Kameraeinstellungen zu experimentieren. Passend zu den schnellen Schnitten kreiert A.R. Rahman einen Score mit treibenden Drums, der mehrheitlich indisch geprägt ist, doch auch Anleihen aus der westlichen Musikszene, zum Beispiel dem Rap, besitzt. Die Musik Rahmans unterstreicht perfekt Boyles Inszenierung und verschmilzt mit den Bildern zu einer homogenen Einheit.
Das I-Tüpfelchen ist die großartige Besetzung, mit der Boyle ein Kunststück gelungen ist. Quasi von der Straße weg castete er die meisten Darsteller, was dem Film kein Abbruch verleiht, sondern ein großes Stück authentischer macht. Es ist schon erstaunlich, was für eine schauspielerische Leistung vor allem die kleinen Akteure zeigen, die einen großen Teil des Films allein auf ihren Schultern stemmen, was manch ein Kollege aus Hollywood nicht bewältigt hätte. Neben den Laien gefallen aber auch Dev Patel und die bezaubernde Freida Pinto, die sich mit ihrer Performance nach Hollywood gespielt haben und demnächst für Projekte von Woody Allen und M. Night Shyamalan vor der Kamera stehen. Boyle lässt aber auch Bollywood-Prominenz ran, erspart uns dabei glücklicherweise aber das Gesicht von Shahrukh Khan. Am besten gefällt der indische Superstar Anil Kapoor als schmieriger Moderator der indischen Version von „Wer wird Millionär“. Es kommt einfach alles zusammen bei Slumdog Millionär, ein starkes Drehbuch, risikofreudige Produzenten, ein innovativer und experimentierfreudiger Regisseur, eine Komponist in Hochform und unverbrauchte, bissige Schauspieler. Slumdog Millionär ist ein starker Film, ein Film, der die Gradwanderung zwischen Entertainment und „Ghetto-Sight-Seeing“ perfekt meistert. Slumdog Millionär ist auch ein Film, der mit seiner positiven Art und Weise mitten ins Mark einer von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krisen erschütterten westlichen Welt trifft. Vielleicht ist Slumdog Millionär in diesen Zeit gerade deshalb so ein Ausnahmefilm und vielleicht ist das auch ein Grund dafür, warum der Film letztlich so viele Preise abräumen konnte. (9/10)










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