Am Ende Kommen Touristen

[DVD]-Review

“Zeigen sie den Touristen doch Schindlers Liste, das macht mehr Eindruck”, sagt in einer prägenden Szene der ehemalige Auschwitz-Häftling Stanislaw Krzeminski (Ryszard Ronczewski) zu Sven (Alexander Fehling),  einem Zivildienstleistenden in der Jugendbegegnungsstätte Auschwitz und Hauptfigur von Am Ende Kommen Touristen. Das ist kein Satz, der nur mal so fällt in dem Film, sondern dessen Konzept als Kontrastprogramm gegen die melodramatisch verkitschte Konkurrenz aus Hollywood. Am Ende Kommen Touristen ist kein Film über Auschwitz, sondern ein Film nach Auschwitz und taucht ein in das alltägliche Leben der polnischen Stadt Oswiecim, Ort des ehemaligen Konzentrationslagers, zwischen Gedenkstättentourismus und der Normalität in der Heimat von 40.000 Einwohnern.

Eigentlich hatte Sven sich seinen Zivildienst ganz anders vorgestellt. In Amsterdam wollte er die Freiheit des Lebens genießen und als Hilfskraft in einem Jugendzentrum etwas sinnvolles tun. Leider bekam er aber im letzten Moment eine Absage, so dass er sich neu orientieren musste. So findet er sich nun in der polnischen Stadt Oswiecim wieder, um seinen Dienst in einem Jugendbegegnungsheim der dortigen KZ Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau anzutreten. Von seinem Vorgesetzten Klaus Herold (Rainer Sellien) erhält er den Auftrag, sich dort um den ehemaligen Häftling Krzeminski zu kümmern, der immer noch in der alten deutschen Kommandantur neben der Gedenkstätte wohnt. Die Eingewöhnungsphase fällt Sven sehr schwer, ist Krzeminski doch ein alter Sturkopf, der den deutschen Zivi nicht an sich heran lässt. Auch privat läuft es für ihn alles andere als rosig, denn auf Grund von Sprachproblemen und seiner deutschen Staatsangehörigkeit machen sich die Jugendlichen im Ort eher über ihn lustig, als ihn näher kennenlernen zu wollen. Erst als Sven auf Grund der Probleme mit Krzeminski bei der Dolmetscherin Ania (Barbara Wysocka) einzieht, taucht er immer mehr ein das Leben abseits der Gedenkstätte. Er lernt die Normalität der Stadt kennen und verliebt sich in die attraktive Polin. Mit ihrer Hilfe und seinen neuen Eindrücken schafft es Sven, auch Krzeminski  Stück für Stück zu verstehen und näher zu kommen.

Regisseur Robert Thalheim weiß, wovon er bei Am Ende Kommen Touristen berichtet. Er selber trat seinen Zivildienst in einer Begegnungsstätte in Oswiecim an und hatte so früh die Idee, seine Eindrücke in einem Filme zu verarbeiten. Dem ehemaligen Filmstudenten, der mit seinem Erstling Netto 2005 viel Lob erntete, war diese Thematik jedoch zu heiß. Erst als er den Film Hiroshima, Mon Amour sah, der ihm Kraft für das Projekt gab, wandte er sich wieder der Thematik zu. Er begann, das Drehbuch zu schreiben, welches zwar nicht autobiografisch ist, aber viele persönliche Einflüsse und Gedanken trägt. Das Skript war so außergewöhnlich, voller inhaltlicher Tiefe und moralischen und gesellschaftlichen Fragen, dass er mit dem ZDF und dem Regisseur Hans-Christian Schmid (Requiem, Crazy) Produzenten fand, die ihm alle künstlerischen Freiheiten für eine Umsetzung boten.

Thalheim verzichtet in seinem Film völlig auf Mittel, die die Melodramatik dieses besonderen Ortes aufzeigen. Vielmehr lässt er andere Bilder wirken, um einen Film zu zeigen, der klare Fragen aufwirft: wie weit dürfen Menschen gehen, einem solchen Ort, an dem schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen ermordet wurden, und seinen Opfern zu gedenken? Wird der Massentourismus, das kollektive Trauern der Unbeteiligten den Taten überhaupt gerecht? Wie müssen vor allem wir jungen Deutschen in dritter Generation nach den Tätern zu diesem Thema stehen? Thalheim stellt aber nicht nur Fragen, sondern bietet auch Lösungsansätze in seinem kammerspielartig anmutenden Film.

Als Sven in der Gedenkstätte ankommt, ist das, was er da sieht, ein Schock. Düstere und traurige Aufnahmen aus Geschichtsbüchern vor Augen, bietet sich dem jungen Zivi ein völlig anderes Bild. Vor dem Eingangstor mit dem berühmten Worten “Arbeit macht frei” tummeln sich zahlreiche Touristengruppen, Schulklassen und Familienväter mit ihren Kameras und Camcordern, die nur auf einen schicken Schnappschuss aus sind. Verkaufsstände werben mit Ansichtskarten, auf denen düstere Motive des Krematoriums die Touristen einstimmen sollen. Dazu bieten sie Eis, Hot Dogs und Schokoriegel, um die Besucher möglichst lange bei der Stange zu halten. Draußen auf dem Parkplatz tummeln sich die Reisebusse, die eine Massenabfertigung an Menschen aus den großen Städten und Urlaubsgebieten garantieren. Die Gedenkstätte wirkt eher wie ein Freizeitpark als eine Stätte zum stillen Gedenken. Irritiert von seinen Eindrücken, beginnt er seinen Zivildienst. Im Laufe der Zeit merkt er, dass es einen ganz großen Unterschied gibt in der Art und Weise des Gedenkens zwischen den Touristen, den Einheimischen und den tatsächlichen Opfern. Er merkt, dass vor allem diese, die aktiv Auschwitz miterlebt haben, nur für die kollektive Trauer und Bewältigung der Menschen herhalten müssen. Es gibt zwei Szenen, die das im Film sehr anschaulich und eindringlich verdeutlichen. In der ersten ist Krzeminski eingeladen, vor Azubis eines in Oswiecim ansässigen deutschen Chemie-Unternehmens einen kleinen Vortrag zu halten. Er erzählt über seine persönliche Geschichte und das damalige Leid, nicht traurig, aber bestimmend, immer darauf bedacht, dass Menschen ihn verstehen und die Vergangenheit nicht vergessen. Die Azubis aber quälen den Mann mit melodramatischen und unrelevanten Fragen nach der Essensnot und seiner tättowierten Häftlingsnummer, blind vor Augen, nur bedacht auf den eigenen Wissensdurst, ohne Rücksicht auf das wahre Opfer. In einer zweiten Szene soll Krzeminski eine Rede anlässlich des Baus eines kleinen Mahnmals halten. Mitten in seinem Vortrag wird er aber unterbrochen und vom Rednerpult verdrängt. Er musste als schmückendes Beiwerk nur für die Presse herhalten und für die Veranstalter als Gewissenserleichterer, ohne das seine Worte überhaupt Gewicht hätten. Hauptsache, man hat mit dem Mahnmal etwas gegen das gänzlich unbekannte Grauen erschaffen.

Am Ende Kommen Touristen beleuchtet aber auch das Verhältnis zweier Länder und dessen Menschen zueinander. Deutsche und Polen, dass sind aus der Geschichte heraus schier unüberwindbare Gegensätze, die eigentlich doch mehr gemeinsam haben, als ihnen vielleicht sogar recht ist. Auffallend ist die Konsequenz, in der Thalheim die Unterschiede in den Generationen der Menschen aufzeichnet. Hier sind es vor allem die jungen Erwachsenen, die am wenigsten mit der Geschichte zu tun haben aber die größten Vorurteile hegen. Die jungen Polen machen es Sven so zum Beispiel nicht leicht, Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Sie stempeln ihn ab, machen Witze über den “deutschen (Zivil)soldaten in Auschwitz”. Sie tuscheln hinter seinem Rücken, wollen den Deutschen nicht in ihren eigenen Reihen wissen. Krzeminski hingegen hegt gegen Sven keinerlei Vorurteile. Sicherlich ist für den Mann der Umgang mit einem deutschen nach wie vor schwerer als der Umgang mit einem Landsmann, aber er hat im Verlauf seines Lebens gemerkt, dass nicht alle Deutschen Verbrecher waren und dass nachfolgende Generationen für Auschwitz nicht verantwortlich sind. Vielmehr witzelt er genüsslich im Beisein seiner Skatfreunde über Svens Opa, der “vielleicht auch schon in Auschwitz gearbeitet hat”.

Am Ende Kommen Touristen ist aber kein Film, der permanent die Zustände in Oswiecim anprangert, sondern auch eine Liebesgeschichte beinhaltet, die den Film nicht nur auflockert, sondern auch zeigt, dass junge Polen und junge Deutschen gar nicht mal so verschieden sind, wenn sie sich näher kennen lernen. Beide, Sven und Ania, haben die selben Wünsche, die selben Träume nach der Ferne, nach einem Leben an einem anderen Ort. Sie wollen beide die Geschichte hinter sich lassen und den Blick in eine unbeschwerte Zukunft richten. Dabei merkt Sven, dass das Leben der Bevölkerung Oswiecims in keinster Weise derart von dem KZ geprägt ist, wie man dies in Deutschland annehmen würde. Oswiecim und seine Menschen sind normal, es gibt Diskos, Bars und Rockbands. Vor allem aber gibt es dort keine Massentrauer, keine in Selbstmitleid zerfressenen Menschen.

Mit der Besetzung hat Regisseur Thalheim alles richtig gemacht. Mit Alexander Fehling fand er den perfekten Sven, ein unverbrauchtes, aber talentiertes Gesicht. Die Figur Sven ist der Mittelpunkt des Films, von dem alle Handlungsstränge und Dialoge ausgehen. Der Film begleitet quasi fast dokumentarisch den Dienst Svens. Fehling schafft es, durch ein unbeschwertes Spiel seiner Figur das nötige Leben einzuhauchen, um sie als treibenden Punkt der Geschichte so gut wie möglich zu gestalten. Sven steht dabei für eine ganze Generation, die Fehling bestens vertritt. Auch Barbara Wysocka glänzt als Ania, einer junge Polin mit Fernweh. Sie ist der sympathische Aufhänger des Films, die als aufgeklärte Polin einen interessanten Aspekt in die Geschichte einbaut. Am besten gefallen hat mir aber Ryszard Ronczweski. Ihm nimmt man mit seiner gehörigen Leinwandpräsenz den alten KZ-Insassen ab, seine aufs Minimale eingeschränkte Mimik und Gestik reichen, um sich Gedanken über die Geschichte und seine Opfer zu machen.

Mein Fazit:

Am Ende Kommen Touristen ist ein großartiger Film über das hier und jetzt von Oswiecim, der polnischen Stadt, die besser bekannt ist als Auschwitz. Der Film setzt sich auseinander mit dem Massentourismus in der Gedenkstätte und den Opfer-/ beziehungsweise Täterkomplexen von völlig unbeteiligten Generationen. Eingebettet darin findet sich eine Liebesgeschichte wieder, die tiefgründig Gemeinsamkeiten und Unterschiede von jungen Deutschen und Polen beleuchtet. Meiner Meinung nach sollte der Film zum Pflichtkanon in europäischen Schulen gehören, denn er zeigt nüchtern die Missstände auf und regt zum Nachdenken an. Auch wer Schindlers Liste für einen großartigen Holocaust-Film hält, sollte hier mal reinschauen. (9,5/10)

★★★★★★★★★½