Der Seltsame Fall Des Benjamin Button

Filmkritik

Die Idee des amerikanischen Schriftstellers F. Scott Fitzgerald aus dem Jahr 1922, die Geschichte eines Mannes zu erzählen, der als Greis geboren wird und rückwärts altert, ist geradezu prädestiniert für eine filmische Umsetzung. Umso gespannter waren Cineasten auf aller Welt, als David Fincher, seines Zeichens einer der talentiertesten Filmemacher der Gegenwart, auf dem Regiestuhl für Der Seltsame Fall Des Benjamin Button Platz nahm und die Hauptrollen mit seinem Busenfreund Brad Pitt und den Oscargewinnerinnen Cate Blanchett sowie Tilda Swinton besetzte. Beste Voraussetzungen also für einen großen Film. Trotzdem blieb das verhoffte Meisterwerk aus. Schlimmer noch, die ganze Inszenierung riecht nach einem Bewerbungsvideo für die Academy. Auf formaler Ebene ist Der Seltsame Fall Des Benjamin Button zwar state of art, aber inhaltlich wirkt der Film wie ein krampfhaft aus allen möglichen Bereichen zusammengeschustertes Epos.

Dabei zieht der Film in der ersten Stunde aus der originellen Story alle Register und zeigt, was mit einem besseren Drehbuch eigentlich alles möglich gewesen wäre. Benjamin (Brad Pitt) wächst bei seiner Ziehmutter, der Altenpflegerin Queenie (Taraji P. Henson) in einem Seniorenstift auf. Hier ist er zwar isoliert von Gleichaltrigen, doch mit seinen körperlichen Gebrechen ist er ein vollwertig akzeptiertes Mitglied in der Gemeinschaft der Alten. Benjamin, geistig entwickelt wie ein Kind, zieht es jedoch nach draußen zu den Kindern, die ihre Freizeit vor dem Haus mit Ballspielen genießen. Umso mehr genießt er das erste Zusammentreffen mit der jungen Daisy (Elle Fanning), die ihn in eine scheinbar ungreifbare Welt entführt. Die Beziehung der beiden findet ein jähes Ende, als Daisys Großmutter, die bei dem scheinbar greisen Benjamin pädophile Interessen befürchtet, jeden Kontakt unterbindet. In diesen Situationen, den kleinen, aber intensiven Momenten schöpft der Film aus den Vollen, ist mal hoch dramatisch, mal traurig, mal lustig. Es ist die Vielfalt, die die erste Stunde so stark macht. Benjamin beim Wachsen zuzusehen, bei den kleinen Erfolgen und Misserfolgen oder bei der ersten Volltrunkenheit ist Kinomagie pur.

Einen großen Anteil daran haben die erstklassigen Effekte, die virtuos fotografierten Bilder und der großartige Soundtrack von Alexandre Desplat. Auf der technischen Seite funktioniert der Film wunderbar, jedes Detail ist aufeinander abgestimmt und fügt sich wie ein Puzzlestück ein in ein außergewöhnliches audiovisuelles Erlebnis. Ob wunderschöne Kamerafahrten, die rückwärts ablaufende Kriegsszene oder die Alterungseffekte – audiovisuell dürfte Der Seltsame Fall Des Benjamin Button eines der Highlights des Jahres werden. Doch Fincher versäumt es im weiteren Verlauf des Films, die optischen und akustischen Sahnestückchen mit hochwertigem Inhalt zu füllen. Schon bei Benjamins ersten Job als Matrose baut die Geschichte stark ab, dümpelt auf einem niedrigen Niveau und hat wenig Neues zu bieten. Auch die Affäre Benjamins mit der verheirateten Elizabeth Abbott (Tilda Swinton) bringt kaum Abwechslung. Vielmehr bleibt ihre Figur blass und unbedeutend – wie so viele im weiteren Verlauf der Geschichte eingeführte Charaktere, die zum großen Teil als Lückenfüller für die drei Stunden Laufzeit herhalten müssen. War Der Seltsame Fall Des Benjamin Button am Anfang noch erfrischend vielseitig, herrschen nun Eintönigkeit und Langeweile. Auch die Figur Benjamin Button baut ab dieser Phase des Films nach und nach ab, erreicht sie doch körperlich wie auch geistig das gleiche Alter und verliert so den Reiz der Einzigartigkeit. Spätestens die leidvolle und bis ins unermessliche ausgelutschte Liebesgeschichte, die in einem durch und durch peinlichen Ende gipfelt, zieht dem Film letztlich den Boden unter den Füßen weg. Der geneigte Mainstreamliebhaber wird daran vielleicht Gefallen finden, doch eingefleischte Fincher-Fans schreckt dies in Anbetracht der Ambivalenz zu seiner bisherigen Filmografie ab.

Auch schauspielerisch hat Der Seltsame Fall Des Benjamin Button eindeutige Defizite. Brad Pitts Leistung ist parallel zum Storyverlauf im ersten Drittel des Films oscarreif, danach baut er nach und nach ab. Welchen Spaß macht es, Pitt beim Spiel als alter Mann zuzusehen. Er verleiht seinem Charakter einen großen Hauch Sympathie mit einer enormen Spielfreude und Aktivität. Seine Mimik und Gestik sind der eines alten Mannes angepasst, doch mit seinen Augen erzeugt Pitt stets Momente juveniler Freude. Umso trauriger, dass Pitt den aufkeimenden Drehbuchschwächen kein nuancierteres Spiel mehr dagegenzusetzen hat. Nach und nach wirkt er blasser, sein Elan scheint in den letzten zwei Stunden völlig verloren gegangen zu sein. Auch Cate Blanchett vermag keine großen Akzente zu setzen. Mit ihrer natürlichen Kälte passt sie nicht hinein in ihre Rolle und die Chemie zwischen ihr und Pitt funktioniert anders als in Babel gar nicht. Tilda Swinton spielt gewohnt groß auf, doch ihre wenigen Minuten Screentime sind in Anbetracht der Größe des Projekts fast gar nicht erwähnenswert. Die beste Leistung liefert sicherlich Taraji P. Henson ab, die schon in Hustle & Flow die größten Akzente neben Terrence Howard gesetzt hat und nun zu Recht für einen Oscar nominiert wurde.

Mein Fazit

Der Seltsame Fall Des Benjamin Button spaltet das Filmherz. Auf der einen Seite, der technischen, ist der Film schlichtweg brillant und haut einen wegen seiner virtuosen Audiovisualität vom Hocker. Auf der inhaltlichen Seite, der wichtigeren von beiden, herrscht nach einer fulminanten ersten Stunde Eintönigkeit und Langeweile. Zu konstruiert wirkt die Geschichte, zu aufpoliert und zu aufgesetzt, um Fincher nicht eindeutige Absichten hinsichtlich der Award-Saison unterstellen zu wollen. Auch die Schauspieler können dem Film keinen Stempel mehr aufdrücken, sodass man dem Ende des fast dreistündigen Dramas mit jeder abgelaufenen Minute mehr entgegenfiebert. (4/10)

★★★★☆☆☆☆☆☆

BLOGSPIEGEL

Symparanekronemoi: 7,5/10

From Beyond: 3/10

Marcus Kleine Filmseite: 7,5/10

Intermoviession: 4/10

MoviezKult: 4/10

Durchschnittwertung: 5,2/10

Oscars 2009: Die Nominierten

oscars

Nun sind sie da, die heiß erwarteten Nominierungen für die 81. Academy Awards, die am 22. Februar vergeben werden. Der größte Gewinner der Vorauswahl ist David Finchers The Curious Case Of Benjamin Button mit satten 13 (!) Nominierungen (unter anderem für den besten Film, die beste Regie und den besten Hauptdarsteller). 10 mal nominiert wurde Danny Boyles Golden Globes-Abräumer Slumdog Millionär. Mit 8 Nominierungen folgen Gus Van Sants Biopic Milk über den homosexuellen Politiker Harvey Milk und Christopher Nolans The Dark Knight. Aus deutscher Sicht erfreulich sind die Nominierungungen des Baader Meinhof Komplexes als bester nichtenglischsprachiger Film und Spielzeugland sowie Auf Der Strecke als beste Kurzfilme . Auch Werner Herzog könnte sich mit seiner Dokumentation Encounters At The End Of The World auf einen Oscar freuen. Erfreulich ist auch die Nominierung von Michael Shannon für seine brilliante Leistung in Revolutionary Road, auch wenn er gegen Heath Ledger keine Chance haben dürfte. Neben Ledger als besten Nebendarsteller dürften mit Mickey Rourke, der nicht nur mich mit seiner Performance in The Wrestler weggehauen hat, und Wall-E (bester Animationsfilm) auch schon einige andere Gewinner feststehen. Übrigens eine Schande, dass Bruce Springsteen für “The Wrestler” mit keiner Nominierung bedacht wurde. Eine komplette Liste der Nominierten gibt es hier.

Golden Globes 2009: Die Nominierten

Die diesjährige Award-Saison wurde heute mit der Bekanntgabe der Nominierungen für die “Golden Globes” eingeleutet. Mit jeweils fünf Nennungen gehen David Fichers The Curious Case Of Benjamin Button, Frost/Nixon und Doubt ins Rennen. Vier Nominierungen erhielten das Drama Revolutionary Road, Der Vorleser, Slumdog Millionaire und Vicky Cristina Barcelona. Christopher Nolans diesjähriger Kassenschlager The Dark Knight wurde außer bei der Nebendarstellerkategorie (Heath Ledger) überraschend völlig übergangen. Eine weitere Überraschung sind die Nominierungen von Robert Downey Jr. und Tom Cruise für ihre Rollen in Ben Stillers Tropic Thunder. Klar, Downey Jr. war in der Rolle des afroamerikanischen Superstars Kirk Lazarus kongenial – aber Cruise? Gab es mit Josh Brolin (Milk) oder Ralph Fiennes (Der Vorleser) keine besseren Alternativen? Aus deutscher Sicht ist die Nominierung für Der Baader Meinhof Komplex als bester nichtenglischsprachiger Film besonders erfreulich. Eine komplette Liste mit den Nominierten gibt es bei Ropeofsilicon.

P.S.: In letzter Zeit war aus Zeitgründen (2 Klausuren) tote Hose auf diesem Blog. Ab nächster Woche gibt es wie gewohnt wieder frische Reviews (unter anderem von Tunnel Rats, The Strangers, Vicky Cristina Barcelona, Factory Girl, Bangkok Dangerous, Anonyma & Krabat) und News.

Sieben

Kurzkritik

I’ve been trying to figure something in my head, and maybe you can help me out, yeah? When a person is insane, as you clearly are, do you know that you’re insane? Maybe you’re just sitting around, reading “Guns and Ammo”, masturbating in your own feces, do you just stop and go, “Wow! It is amazing how fucking crazy I really am!”? Yeah. Do you guys do that?

Nach etlichen Werbefilmen und Musikvideos drehte David Fincher 1993 den dritten Teil der Alien-Saga, der Kritiker und Fans gleichermaßen enttäuschte und nach zwei grandiosen Teilen das Ende der Reihe einläutete. Fincher jedoch ließ sich nicht beirren und lieferte zwei Jahre später mit seinem Thriller Sieben ein Lehrstück der Filmkunst der 90er-Jahre ab, das inhaltlich und inszenatorisch neue Wege eröffnete und eine unverkennbare und einzigartige Handschrift des Regisseurs aufzeigte, die er mit seinen folgenden Filmen The Game, Fight Club & Zodiac manifestierte und die ihn neben Kollegen wie Quentin Tarantino oder Tim Burton in den Olymp der modernen Filmemacher katapultierte. Auf Grundlage des brillanten Skripts von Andrew Kevin Walker (Sleepy Hollow), welches nicht nur eine spannende Geschichte erzählt, sondern auch intelligente und ausgefeilte Dialoge zu bieten hat, drehte Fincher einen Film, der handwerklich eine perfekte Symbiose mit der Geschichte eingeht. Seine düsteren, trockenen und teils schockierenden Bilder passen erstklassig zu dem pessimistischen Grundtenor, machen in ihrer Wirkung auf den Zuschauer die Essenz des Films erst greifbar und deutlich.

Neben Finchers Regiearbeit sind es aber auch die Schauspieler, die maßgeblich zum Erfolg des Films beitragen. Morgan Freeman liefert als Detective Summerset, einer der zwei Hauptermittler, eine grandiose Leistung ab. Summerset steht kurz vor seinem Ruhestand, als die geheimnisvollen Morde im Zeichen der sieben Todsünden geschehen. Er hat schon viel mitgemacht in seiner langen Laufbahn, ist daran gewachsen, aber vom Leben gezeichnet. An seiner Seite steht sein potentieller Nachfolger, der junge Cop Detective Mills (Brad Pitt). Mills steht der Welt wesentlich optimistischer gegenüber, obgleich er sich nach seinem Umzug noch an den Großstadt-Trott gewöhnen muss. Pitt und Freeman verkörpern zwei vordergründig von Grundauf verschiedene Charaktere, die sich aber perfekt ergänzen und im Verlauf des Films zusammenwachsen. Ihre zum Teil unkonventionellen Methoden führen sie schnell zu dem mysteriösen John Doe, der die Fäden des perfiden Spiels in der Hand hat. Der geisteskranke Killer will der verkommenen und kaputten Gesellschaft mit seinen Taten den Spiegel vorhalten, plant sie akribisch genau, damit sie die Menschen wie ein harter Schlag “mit einem Hammer” ins Mark treffen. Das großartige und überraschend kompromisslose Ende ist dabei der fast logische Höhepunkt der stetig exponierenden Handlung. Der einzige Kritikpunkt ist die Figur der Tracy Mills (Gwyneth Paltrow). Diese ist, im Gegensatz zu allen anderen Charakteren im Film, viel zu dünn gezeichnet und vergleichsweise ungereift gespielt. Das ist sehr schade, denn Potential wäre eigentlich vorhanden gewesen, auch im Hinblick auf die Wichtigkeit der Figur. (9.5/10)

★★★★★★★★★½

The Curious Case Of Benjamin Button: Neuer Trailer!

Nach seinem grandiosen Thriller Zodiac (2007) kommt in diesem Jahr zu Weihnachten mit The Curious Case Of Benjamin Button der neue Film von Regie-Virtuose David Fincher in die amerikanischen Kinos. Hochkarätig besetzt mit Brad Pitt, Tilda Swinton und Cate Blanchett, erzählt der Film die Geschichte eines Mannes, der alt zur Welt kommt und mit den Jahren immer jünger wird. Neben den wundervoll fotografierten Bildern fällt im zweiten Trailer vor allem die bezaubernde Musik von Alexandre Desplat (The Queen) auf, die die Geschichte perfekt untermalt. Deutscher Kinostart ist übrigens der 29. Januar 2009.