Invictus

Kurzkritik

Es ist immer wieder erstaunlich, wie es Clint Eastwood mit mittlerweile fast 80 Jahren schafft, nahezu jährlich einen Film zu veröffentlichen. Dieser Mann ist arbeitswütig und voller Ideen, und seine Filme scheinen mit wachsendem Alter immer besser zu werden. Mystic River, Million Dollar Baby, Letters From Iwo Jima oder Gran Torino – ein Auszug aus der Filmografie Eastwoods der letzten zehn Jahre lässt jeden Cineasten mit der Zunge schnalzen. Umso freudiger waren die Erwartungen, als Eastwood, einer der größten Regisseure unserer Zeit, ein Biopic zu Nelson Mandela, einem der größten Persönlichkeiten unserer Zeit, ankündigte. Ein Film der Superlativen sollte es werden, und mit seinem guten Freund Morgan Freeman fand Clint Eastwood die Idealbesetzung für den früheren südafrikanischen Präsidenten. Doch qualitativ will sich Invictus nicht nahtlos einfügen in die Liste großartiger Filme Eastwoods. Denn anstatt der Komplexität der Figur Nelson Mandela in einem Land voller Rassenwahn an den Leib zu rücken, konzentriert sich das Drehbuch auf einen kurzen Zeitraum von Mandelas Wahl zum Präsidenten 1994 bis zur Rugby-WM im eigenen Land 1995. So ist Invictus eher Sportdrama als Politdrama und zeigt somit einen limitierten Blick auf Mandela. Sicherlich, Eastwood deutet in vielen Szenen die Diskrepanz zwischen der weißen und schwarzen Bevölkerung in Südafrika an. Doch die bedrohliche Stimmung, die in dem Land nach Mandelas Machtübernahme herrschte, die Vergeltungsanschläge der ehemals unterdrückten Schwarzen, die horrende Staatsverschuldung oder die Landstreitigkeiten zwischen weißen Großgrundbesitzern und kleinen schwarzen Bauern thematisiert der Film gar nicht. Das Pulverfass Südafrika, das stetig zu explodieren drohte, fängt Eastwood nicht ein. Vielmehr konzentriert er sich auf den geschickten diplomatischen Schachzug des Präsidenten, die Bevölkerung mit einer erfolgreichen Rugby-WM zu vereinen. Dieser konzentrierte Blick erlaubt zwar eine tiefgründigere Charakterisierung der Nebenfiguren, verschenkt aber von vornherein ein ungeheures Potential. Betrachtet man Invictus dann als reines Sportdrama und blendet den Rest aus, erwartet den Zuschauer ein vor allem in den Rugby-Szenen toll inszenierter Film, der trotz des allseits bekannten Endes nie an Spannung verliert. Eastwoods Bilder begeistern wie eh und je, schlicht aber effektiv, pathetisch aber nie übertrieben. Es ist aber vor allem Morgan Freeman, dessen beeindruckende Performance den ganzen Film zusammenhält. Nicht nur optisch ähnelt Freeman dem Friedensnobelpreisträger von 1993, auch seine Mimik und Gestik zeugen von seiner großen schauspielerischen Brillanz. Freeman verschmilzt mit seiner Rolle und geht in ihr auf – sogar mit passablem südafrikanischem Akzent. Matt Damon als südafrikanischer Teamkapitän Francois Pienaar zeigt hingegen, dass seine schauspielerischen Fähigkeiten stärker limitiert sind als die seines Kollegen Freeman. Seine beschränkte Mimik ist zwar perfekt für Actionfilme, doch als Zentrum einer Mannschaft, deren Leistung über das Schicksal der Bevölkerung entscheiden kann, ist seine Präsenz zu klein. Invictus ist in seiner Summe ein feiner Sportfilm, der die politischen Hintergründe nicht tiefgründig genug abhandelt und so seinem Anspruch, ein Biopic Nelson Mandelas zu sein, nicht gerecht wird. Anschauen sollte man sich Invictus trotzdem – allein wegen der großartigen Performance von Morgan Freeman. (5/10)

★★★★★☆☆☆☆☆

Die Besten Filme Des Jahres 2009 und der Dekade

Nicht nur das Filmjahr 2009, sondern auch die erste Dekade des neuen Jahrtausends sind beendet. Zeit, sich wie die meisten Filmbloggerkollegen an die obligatorischen Best-Of-Listen zu machen. Fakt ist eines: in quantitativer Sicht hat sich das Filmjahr für mich gelohnt. Gegen 55 Kinobesuche im letzten stehen 63 in diesem Jahr. Außerdem habe ich, dank der ausgedehnten Semesterferien, 385 weitere Filme auf Blu-ray, DVD und im TV sehen können. Qualitativ jedoch gehört das Filmjahr 2009 eher zu den schwächeren. Vor allem die zweite Jahreshälfte war geprägt von unzähligen Flops und uninspirierten Blockbustern. Nichtsdestotrotz konnte der geneigte Filmfan auch in diesem Jahr wieder einige Highlights im Kino und auf DVD entdecken.

Beste Filme Des Jahres 2009
(Berücksichtigt sind alle Filme, die im Jahr 2009 in Deutschland veröffentlicht worden.)

slum

10 Slumdog Millionaire (Regie: Danny Boyle)

mart

09 Martyrs (Regie: Pascal Laugier)

gran

08 Gran Torino (Regie: Clint Eastwood)

rev

07 Revanche (Regie: Götz Spielmann)

eden

06 Eden Lake (Regie: James Watkins)

durst

05 Durst (Regie: Park Chan-wook)

04 Avatar (Regie: James Cameron)

band

03 Das Weisse Band (Regie: Michael Haneke)

wres

02 The Wrestler (Regie: Darren Aronofsky)

bas

01 Inglourious Basterds (Regie: Quentin Tarantino)

Runner-ups: Dead Snow, Milk, Glaubensfrage, Der Vorleser, The Hurt Locker


Beste Filme Des Jahrzehnts

young

10 Young @ Heart (Regie: Stephen Walker, Sally George)

09 Das Leben Der Anderen (Regie: Florian Henckel von Donnersmarck)

lady

08 Lady Vengeance (Regie: Park Chan-wook)

07 No Country For Old Men (Regie: Joel & Ethan Coen)

meer

06 Das Meer In Mir (Regie: Alejandro Amenábar)

05 There Will Be Blood (Regie: Paul Thomas Anderson)

unterg

04 Der Untergang (Regie: Oliver Hirschbiegel)

03 Schmetterling & Taucherglocke (Regie: Julian Schnabel)

02 Inglourious Basterds (Regie: Quentin Tarantino)

kill

01 Kill Bill 1&2 (Regie: Quentin Tarantino)

Runner-ups: Brokeback Mountain, Into The Wild, Abbitte, The Dark Knight, Million Dollar Baby

Ab Februar wird der Blog mit verändertem Design und neuer Frische zur Aktivität zurückkehren. In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein frohes und glückliches Jahr 2010!

Gran Torino

Filmkritik
grantorino

Es ist unfassbar, welches Arbeitspensum Clint Eastwood mit seinen fast 80 Jahren an den Tag legt. Bei neun Filmen saß er in den letzten zehn Jahren auf dem Regiestuhl. Filme, die bei sage und schreibe 23 Nominierungen sieben Oscars gewinnen konnten. Eastwood befindet sich auf dem Höhepunkt seiner 50-jährigen Karriere. Doch an aufhören denkt er nicht. Zumindest als Regisseur wird uns der knurrige Kalifornier erhalten bleiben. The Human Factor, eine Biopic über Nelson Mandela mit Morgan Freeman in der Hauptrolle, soll noch in diesem Jahr erscheinen – und auch dieses Projekt riecht wieder nach Erfolg. Als Darsteller jedoch zieht sich Eastwood offiziell mit seinem neusten Film, der Dramödie Gran Torino zurück. Ein großer Verlust für Hollywood, versprüht Eastwood doch in den kleinsten Szenen mehr Charisma als jeder seiner jungen Kollegen in einem ganzen Film zusammen. Der Abgang sei ihm jedoch gegönnt, ihm, der uns große Filme wie Für Ein Paar Dollar Mehr, Zwei Glorreiche Halunken oder Dirty Harry beschert hat. Während er mit seinem Spätwestern Erbarmungslos 1992 den Mythos seiner Rollen in den beiden Erstgenannten erfolgreich demaskiert hat, holt Eastwood jetzt noch einmal aus, kreiert mit Gran Torino einen Abgesang auf die Figur Harry Callahan und setzt sich damit ein filmisches Denkmal, welches seine lange schauspielerische Karriere abrundet und ein ebenbürtiges Ende einer großartigen Filmografie markiert.

Eastwood spielt den Koreakriegsveteran Walt Kowalski, einen mürrischen alten Mann mit angestaubten Moralvorstellungen, eine letzte Bastion gegen das Amerika, das sich zwischen selbst aufbrühen und Starbucks, zwischen Country und Rap, zwischen Alteingesessenen und Latino-Gangs in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Er ist ein Zyniker, ein Rassist, der mit seiner strengen Art nicht nur seine beiden erwachsenen Söhne auf Distanz gehalten, sondern sich selbst in gewisser Weise isoliert hat. Nun steht er am Sarg seiner geliebten Frau, einer Person, die wir als Zuschauer nicht kennen lernen, von der wir aber anhand Walts Verhalten erkennen, dass sie eine der wenigen, wenn nicht vielleicht sogar der einzige Mensch war, der Walt verstanden hat. Weinen tut er nicht am Sarg, das würde nicht zu ihm passen. Vielmehr drückt sich selbst bei der Beerdigung sein Hass auf das neue Amerika aus, wenn seine Enkeltochter bauchfrei in der Kirche erscheint und auch so sowieso nichts mehr ist wie es einmal war. Es ist eine Welt, in die der alte Mann anscheinend nicht mehr hineinpasst. Als zu allem Überfluss auch noch ein asiatischer Clan in sein Nachbarhaus zieht und Thao (Bee Vang), der Sohn der Famlie als Mutprobe seinen heißgeliebten 1972er Ford Gran Torino stehlen will, sieht Walt seine Vorurteile bestätigt. Doch als er Thao mehr oder weniger unfreiwillig vor einer Gang rettet und so zum Held der Nachbarschaft wird, taut er mit großem Widerwillen und einer großen Portion kühler Zurückhaltung nach und nach auf. Grund dafür ist Sue (Ahney Her), Thaos Schwester, die einen besonderen Draht zu ihm findet.

Er ist eine hoch ambivalente Figur, dieser Walt Kowalski. Auf der einen Seite hart, zynisch, nachhaltig geprägt vom Krieg in Korea. Auf der anderen Seite gerecht, verständnisvoll, gar warm. Doch diese zweite Seite haben nur sehr wenige Menschen jemals kennen gelernt. Selbst Walts Söhne, die sich schon früh von ihren Vater distanziert und ein kühles Verhältnis zum ihm haben, kennen nur der mürrischen Mann, der mit einem stechenden Blick jede Situation prüft und gegebenenfalls ohne Rücksicht kommentiert. Er ist ein Mann der alten Schule, ein Mann, der seinen Frisör als „Spaghetti-Fresser“ betitelt und dessen Preise mit den Worten „halber Jude“ abstraft. Ein Mann, der sich all die „Bimbos“, „Schlitzaugen“ und „Sumpfratten“ in den Dschungel zurückwünscht – und nicht ins seine Nachbarschaft. Ein Mann, der seinen Sohn dafür hasst, dass er ein „Japsen-Auto“ fährt, und kein amerikanisches Original. Ein Mann, den der Krieg verändert hat. An Gott glaubt er schon lange nicht mehr, sieht die Kirche und den jungen Pfarrer als Rattenfänger, immer auf der Suche nach schwachen Gliedern, die anfällig sind für den Aberglauben. Er ist ein pessimistischer Mensch, ein Mensch, der das Lachen verlernt zu scheinen hat.

Walt Kowalski ist quasi ein Abziehbild Eastwoods bisheriger Figuren. Ein bisschen Harry Callahan, ein bisschen namenloser Revolverheld. Figuren, die durch Selbstjustiz, Mord und Totschlag zu weltweitem Ruhm gekommen sind. Sie haben Eastwood groß gemacht, haben ihn geprägt, ihm ein Image gegeben. Und nun räumt er ein letztes Mal auf mit ihnen, ihrem Mythos, ihrem Reiz. In einer stark symbolischen Szene vor dem messianischen Finale geht Walt zur Beichte. Er will seinen Frieden finden, noch einmal alle Schuld offenbaren. Genau so wie Eastwood mit Gran Torino seinen Frieden finden wird. Der ganze Film ist seine persönliche Beichte, sein Eingeständnis. In der zweiten Hälfte des Films wird Walt bekehrt zum Guten, sieht seine Vorurteile wanken, taucht ein in eine fremde Kultur und nimmt sich seiner Nachbarn an. Es ist ein Verlauf, so untypisch für die alten Figuren von Eastwood. Es ist, als wolle Eastwood zum Abschluss seiner Karriere noch einmal diese Seite von ihm zeigen. Eine Seite, die in den letzten 50 Jahren kaum Beachtung fand. Umso radikaler ist dann das Ende, mit dem sich Walt endgültig rein wäscht. Und Eastwood unbekümmert abtreten kann.

Die Inszenierung von Gran Torino ähnelt eher der von The Wrestler als denen seiner letzten Filme. Eastwood beschränkt sich auf einen schlichten Stil, auf einfache, aber wirkungsvolle Bilder, verzichtet auf jeglichen Schnickschnack, um die Hauptfigur fast dokumentarisch in vollen Zügen in den Mittelpunkt zu stellen. Und diese lebt und stirbt mit Clint Eastwoods Performance. Der alte, knurrige und mürrische Mann, der einen zynischen Kommentar nach dem anderen vom Stapel lässt – Eastwood verschmilzt mit der Rolle des Walt Kowalski, spielt den Protagonisten gekonnt mit einer Leichtigkeit und Authentizität, wie nur er es vermag. Auch die restliche Cast, bestehend aus einer Reihe mehr oderweniger unbekannten Darstellern, ist perfekt besetzt. Gran Torino ist ein kleiner schöner Genrefilm, ein Film, den man ganz klar in Eastwoods Karriere einordnen und ihn im Kontext seines bisherigen Schaffens betrachten muss. Denn gerade die finale Konsequenz, die Reinwaschung eines Images, macht ihn zu etwas ganz besonderen. (8.5/10)

★★★★★★★★½☆

BLOGSPIEGEL

Kino, TV & Co: 9/10

From Beyond: 7/10

Marcus kleine Filmseite: 9/10

Symparanekronemoi: 6/10

MoviezKult: 8.5/10

Durchschnittwertung: 7.9/10


Der Fremde Sohn – Changeling

Filmkritik

changeling

Clint Eastwood gehört trotz oder gerade wegen seines fortgeschrittenen Alters zu den produktivsten und erfolgreichsten Filmemachern, die Hollywood zurzeit zu bieten hat. Neun Filme in den letzten zehn Jahren und zwei Oscars bei sieben Nominierungen sprechen für sich. Eastwood ist „in“, denn trotz seiner von vielen Seiten stets kritisierten konservativen Werteinstellung tragen seine Filme noch eine Botschaft in die Welt – und das ist eine Rarität im spaß-/ und erfolgsorientierten Hollywood. Ob das eindeutige Plädoyer für die Sterbehilfe in Million Dollar Baby oder die Entlarvung des amerikanischen Heldenmythos’ in Flags Of Our Fathers, Eastwood überrascht nicht nur mit liberalem Gedankengut, sondern übertrifft sich inhaltlich wie auch künstlerisch in jedem Film selbst. Für sein neuestes Werk, dem Drama Der Fremde Sohn, hat sich Eastwood mit yellow press-Liebling Angelina Jolie zusammengetan. Eine gewagte Konstellation, die sich auf Grund der wohl schauspielerisch besten Karriereleistung von Jolie voll und ganz ausgezahlt hat.

Los Angeles, 1928. Als die alleinerziehende Mutter Christine Collins (Angelina Jolie) von der Arbeit kommt, ist ihr Sohn Walter (Gattlin Griffith) spurlos verschwunden. Nach anfänglichen Misserfolgen teilt ihr die Polizei fünf Monate später mit, dass man ihren Sohn in Illinois aufgespürt habe. Eine vor zahlreichen Pressevertretern inszenierte Übergabe soll der von Korruption stark gebeutelten LAPD neuen Aufwind verschaffen. Doch Christine ist sich sicher, dass der Junge nicht ihr Sohn ist. Auf Anraten von Captain J.J. Jones (Jeffrey Donovan), der ihr einredet, dass sich das Kind in Monaten der Gefangenschaft stark verändert habe, nimmt sie den Jungen mit nach Hause. Doch dort wachsen ihre Zweifel und sie versucht, eine Wiederaufnahme der Ermittlungen zu erwirken. Als sie damit bei der Polizei auf taube Ohren stößt und in die Öffentlichkeit geht, weist sie der Captain vorsorglich in eine psychiatrische Anstalt ein.

Clint Eastwoods Film basiert auf einer wahren Geschichte. Ende der 20er Jahre erschütterten Amerika die sogenannten „Wineville Chicken Murders“. Der wegen illegalem Aufenthalt in den USA festgenommene Kanadier Sanford Clark erklärte der Polizei, dass er von seinem Onkel Gordon Northcott und dessen Mutter missbraucht wurden war und dass diese ihn gezwungen hatten, kleine Jungen in den Städten zu entführen, diese in umfunktionierte Hühnerkäfige zu sperren und dann zu töten. Auf der Ranch der Northcotts fand die Polizei wenig später zahlreiche verstückelte Kinderleichen. Ob einer der Toten der kleine Walter Collins war, konnte nie geklärt werden. Fakt ist, dass die Täter eine Entführung des Jungen bestätigten. Fakt ist aber auch, dass einigen Kindern die Flucht von der Ranch gelang.

Ein Glück, dass der für Der Fremde Sohn eigentlich vorgesehene Regisseur Ron Howard (Sakrileg – The Da Vinci Code) wegen dessen Arbeiten an Frost/Nixon 2007 von dem Projekt abgesprungen ist. Denn der Stoff ist wie geschaffen für Clint Eastwood, der mit seiner Regiearbeit eine neue Stufe in seiner beachtlichen Karriereleiter erreicht. Er dringt ein in die Welt der späten 20er und frühen 30er, taucht die Bilder in von ausgewaschenen Erdtönen beherrschende Farben, die die düstere und schier aussichtslose Grundstimmung des Films malerisch unterstreichen. Das bis ins kleinste Detail ausgefeilte Set-/ und Kostümdesign setzt dem die Krone auf. Eastwood lässt sich Zeit mit seiner Inszenierung, fängt 140 Minuten lang außergewöhnliche und ausdrucksstarke Bilder ein und gibt allen voran Angelina Jolie genug Spielraum, ihren Charakter behutsam und facettenreich aufzubauen. Auf die Spitze treibt er seine Zusammenarbeit mit Kameramann Tom Stern, die in ihrem nunmehr fünften gemeinsamen Spielfilm perfekt aufeinander abgestimmt scheint. Jede Kameraeinstellung ist virtuos gewählt, jedes Bild fügt sich exzellent in ein Gesamtkunstwerk, jeder Schnitt perfekt. Cinematografisch ist Der Fremde Sohn definitiv einer der besten Filme der letzten Jahre.

Mit der Besetzung Angelina Jolies als verzweifelte Mutter hat Clint Eastwood alles richtig gemacht. Entgegen aller Befürchtungen, die Schauspielerin sei einer ernsten Hauptrollen dieses Ausmaßes nicht gewachsen, liefert diese eine darstellerische Glanzleistung ab, die den Höhepunkt ihrer bisherigen Kinolaufbahn markiert. Das Drehbuch gibt Jolie genügend Spielraum, die volle Bandbreite ihres Könnens abzuliefern. Ob als liebevolle Mutter am Anfang des Films, ob als sich gegen staatliche Institutionen auflehnende Frau im Mittelteil oder ob als trauernde Zeugin in zwei Prozessen am Ende, Jolie hat in Der Fremde Sohn viele Gesichter, und diese sind auf Grund des intensiven, jedoch nie aufdringlichen und ins over acting abgleitenden Spiels glaubwürdig und fassbar. Vor allem die Szenen in der psychiatrischen Anstalt, in denen Jolie eigentlich nur versagen konnte, hat sie eindringlich gemeistert. Bei aller Lobhudelei, hier ist aber auch der größten Schwachpunkt von Der Fremde Sohn versteckt. Trotz 140 Minuten Laufzeit schafft es der Film nie, den Figuren neben Christine Collins genügend Entfaltungsraum zu geben. Collins ist der Dreh-/ und Angelpunkt des Films, was per se ja nicht schlecht ist. Doch man hätte gerne mehr erfahren über den Pastor Gustav Briegleb (John Malkovich), der sich energisch für sie einsetzt, über Umstände der Ermittlungen oder der Morde. So sind die Nebenfiguren nur Randerscheinungen, was auch der hervorragende Cast nicht mehr ausbügeln kann.

Mein Fazit:

Der Fremde Sohn ist der nächste große Wurf von Clint Eastwood. Neben der technischen brillianten Regie und den virtuosen Fotografien überzeugt vor allen Dingen Angelina Jolie in der Rolle der verzweifelten Mutter auf der Suche nach ihrem verschwundenen Kind. Der Film liefert 140 Minuten großes Kino, gemächlich, jedoch nie langweilig. Lediglich das unausgefeilte Drehbuch verhindert eine höhere Wertung. Schade. (7,5/10)

BLOGSPIEGEL

Symparanekronemoi: 5,5/10

From Beyond: 7/10

Marcus Kleine Filmseite: 5/10

MoviezKult: 7,5/10

Durchschnittwertung: 6,25/10

Golden Globes 2009: Die Nominierten

Die diesjährige Award-Saison wurde heute mit der Bekanntgabe der Nominierungen für die “Golden Globes” eingeleutet. Mit jeweils fünf Nennungen gehen David Fichers The Curious Case Of Benjamin Button, Frost/Nixon und Doubt ins Rennen. Vier Nominierungen erhielten das Drama Revolutionary Road, Der Vorleser, Slumdog Millionaire und Vicky Cristina Barcelona. Christopher Nolans diesjähriger Kassenschlager The Dark Knight wurde außer bei der Nebendarstellerkategorie (Heath Ledger) überraschend völlig übergangen. Eine weitere Überraschung sind die Nominierungen von Robert Downey Jr. und Tom Cruise für ihre Rollen in Ben Stillers Tropic Thunder. Klar, Downey Jr. war in der Rolle des afroamerikanischen Superstars Kirk Lazarus kongenial – aber Cruise? Gab es mit Josh Brolin (Milk) oder Ralph Fiennes (Der Vorleser) keine besseren Alternativen? Aus deutscher Sicht ist die Nominierung für Der Baader Meinhof Komplex als bester nichtenglischsprachiger Film besonders erfreulich. Eine komplette Liste mit den Nominierten gibt es bei Ropeofsilicon.

P.S.: In letzter Zeit war aus Zeitgründen (2 Klausuren) tote Hose auf diesem Blog. Ab nächster Woche gibt es wie gewohnt wieder frische Reviews (unter anderem von Tunnel Rats, The Strangers, Vicky Cristina Barcelona, Factory Girl, Bangkok Dangerous, Anonyma & Krabat) und News.

Grace Is Gone

[Kino]-Review

Die Amerikaner können keine guten Filme über den Irak-Krieg drehen. Genauer noch über dessen Opfer und deren Hinterbliebenen. Was augenscheinlich noch als provokante These erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als pure Realität. Schon Paul Haggis, immerhin verantwortlich für das großartige Ensemble-Drama L.A. Crash, biss sich mit Im Thal Von Elah die Zähne aus und lieferte ein Werk mit doppelbödiger und fragwürdiger Aussage ab. John Cusack ließ sich dessen nicht beirren und scharrte 17 Produzenten um sich, um für 2 Millionen Dollar die Umsetzung des Dramas Grace Is Gone zu realisieren. Er war überzeugt von dem Skript und dessen Wirkung auf die amerikanische Bevölkerung – 50.000 Dollar box office sprechen dabei Bände…

Stanley Phillips (John Cusack) führt ein außergewöhnliches Leben. Während seine Frau Grace (Dana Lynne Gilhooley) als Seargent der US-Armee im Irak dient, sorgt er sich als allein erziehender Vater um die beiden Töchter Heidi (Shélan O’Keefe) und Dawn (Gracie Bednarczyk). Eines Tages, die Kinder sind in der Schule, stehen ein Captain und ein Pfarrer vor seiner Haustür. Es ist klar, dass sie eine Todesnachricht überbringen. Stanley fällt in einen Schockzustand und bringt es nicht über sein Herz, den Kindern zu erzählen, dass ihre Mutter im Irak umgekommen ist. Stattdessen überrascht er sie mit dem spontanen Vorschlag, sofort eine Reise zum Vergnügungspark enchanted gardens zu machen…

Betrachtet man den Plot oberflächlich, könnte man einen intensiven Film über die Schmerzbewältigung, den Umgang mit Trauer und Selbstfindung erwarten. Leider setzt aber das Drehbuch genau dort an, wo zum Beispiel Im Thal Von Elah aufgehört hat. Ich frage mich, warum Amerikaner zur Zeit unfähig sind, die Trauer über gefallene Soldaten authentisch zu verpacken. Schon in Haggis’ Drama störte die zwanghafte Unterbindung jeglichen nach außen zur Schau gestellten Schmerzes, die gefühllose Kälte in Bezug auf die Nachricht des Todes eines nahen Verwandten. Hier stellt sich doch die Frage nach der Authentizität. Seit Beginn der Invasion amerikanischer Truppen im Irak im Jahr 2003 starben bei dortigen Kampfhandlungen mehr als 4000 US-Soldaten. Sie wurden in einem moralisch und völkerrechtlich fragwürdigen Krieg aus den Händen ihrer Familie, ihrer Freunde und Bekannten gerissen. Wie viele der Hinterbliebenen reagierten wohl so kühl, stagnierend und abgebrüht? Ich denke, die wenigsten. Niemand erwartet von den Filmemachern melodramatische Rührstücke, aber der Griff in das andere Extrem ist mindestens genau so schlimm.

Wenigstens stimmt schauspielerisch alles bei Grace Is Gone. Die Rolle des Stanley Phillips ist wie geschaffen für John Cusack, der mit dem Projekt Mut bewies. Auch, wenn der Zuschauer das Verhalten Stanleys  an vielen Stellen des Films befremdlich findet, schafft es Cusack doch immer, einen Draht zum Publikum zu finden. Trotz der inszenierten Gefühllosigkeit berührt Cusacks Schauspiel, zum Beispiel wenn er den Kindern als Schmerzbewältigung eine heile Welt vorspielt und versucht, ihnen in kurzer Zeit die Sterne vom Himmel zu holen. Man kann sich in die Figur hineinversetzen, bei aller Distance und Fragwürdigkeit. Unterstützt wird er von 2 talentierten Jungdarstellerinnen, die in Grace Is Gone ihre ersten Rollen spielen dürfen. Auffallend ist, dass die Chemie zwischen den 3 Schauspielern stimmt und das Vater-Töchter-Verhältnis authentisch rüberkommt.

Für Drehbuchautor James C. Strouse war Grace Is Gone gleichzeitig seine erste Regiearbeit. Sicher hätte man auch einen erfahreneren Regisseur gefunden, doch Strouse hatte schon ein passendes audiovisuelles Konzept vor Augen. So überrascht er mit einem konsequenten und für einen Anfänger überraschend erwachsenen Stil und taucht seinen Film in zurückhaltende, aber eindringliche Bilder. Schön ist auch der Einsatz verschiedenster intensiver Kameraeinstellungen und Schnitte, die den Film von einer gewissen Sterilheit befreien. Zusätzlich ließ sich niemand geringeres als der viel beschäftigte Altmeister Clint Eastwood nicht lumpen und besorgte einen schönen Soundtrack. Die Musik ist stimmig, niemals melodramatisch aufdringlich und passt sehr gut zu den Bildern. So ist Grace Is Gone wenigstens auf der technischen Seite rund.

Mein Fazit:

Grace Is Gone reiht sich leider ein in die fragwürdigen Irakkriegs-Dramen, die eine unglaubwürdige Trauerbewältigung Hinterbliebener zeigen. Das ist schade, denn bei der Story wäre eindeutig mehr drin gewesen. Schauspielerisch stimmt alles, zeigt John Cusack doch ein eindringliches Spiel, welches wenigstens ein bisschen retten kann. Auch technisch ist der Film, nicht zuletzt wegen des schönen Scores von Clint Eastwood, interessant. (6/10)

★★★★★★☆☆☆☆

BLOGSPIEGEL

Equilibrium: 8,5/10

MoviezKult: 6/10

Durchschnittwertung: 7,3/10