Posted by Christopher K. on February 07th 2009 to
Filmkritiken
Filmkritik

Die Idee des amerikanischen Schriftstellers F. Scott Fitzgerald aus dem Jahr 1922, die Geschichte eines Mannes zu erzählen, der als Greis geboren wird und rückwärts altert, ist geradezu prädestiniert für eine filmische Umsetzung. Umso gespannter waren Cineasten auf aller Welt, als David Fincher, seines Zeichens einer der talentiertesten Filmemacher der Gegenwart, auf dem Regiestuhl für Der Seltsame Fall Des Benjamin Button Platz nahm und die Hauptrollen mit seinem Busenfreund Brad Pitt und den Oscargewinnerinnen Cate Blanchett sowie Tilda Swinton besetzte. Beste Voraussetzungen also für einen großen Film. Trotzdem blieb das verhoffte Meisterwerk aus. Schlimmer noch, die ganze Inszenierung riecht nach einem Bewerbungsvideo für die Academy. Auf formaler Ebene ist Der Seltsame Fall Des Benjamin Button zwar state of art, aber inhaltlich wirkt der Film wie ein krampfhaft aus allen möglichen Bereichen zusammengeschustertes Epos.
Dabei zieht der Film in der ersten Stunde aus der originellen Story alle Register und zeigt, was mit einem besseren Drehbuch eigentlich alles möglich gewesen wäre. Benjamin (Brad Pitt) wächst bei seiner Ziehmutter, der Altenpflegerin Queenie (Taraji P. Henson) in einem Seniorenstift auf. Hier ist er zwar isoliert von Gleichaltrigen, doch mit seinen körperlichen Gebrechen ist er ein vollwertig akzeptiertes Mitglied in der Gemeinschaft der Alten. Benjamin, geistig entwickelt wie ein Kind, zieht es jedoch nach draußen zu den Kindern, die ihre Freizeit vor dem Haus mit Ballspielen genießen. Umso mehr genießt er das erste Zusammentreffen mit der jungen Daisy (Elle Fanning), die ihn in eine scheinbar ungreifbare Welt entführt. Die Beziehung der beiden findet ein jähes Ende, als Daisys Großmutter, die bei dem scheinbar greisen Benjamin pädophile Interessen befürchtet, jeden Kontakt unterbindet. In diesen Situationen, den kleinen, aber intensiven Momenten schöpft der Film aus den Vollen, ist mal hoch dramatisch, mal traurig, mal lustig. Es ist die Vielfalt, die die erste Stunde so stark macht. Benjamin beim Wachsen zuzusehen, bei den kleinen Erfolgen und Misserfolgen oder bei der ersten Volltrunkenheit ist Kinomagie pur.
Einen großen Anteil daran haben die erstklassigen Effekte, die virtuos fotografierten Bilder und der großartige Soundtrack von Alexandre Desplat. Auf der technischen Seite funktioniert der Film wunderbar, jedes Detail ist aufeinander abgestimmt und fügt sich wie ein Puzzlestück ein in ein außergewöhnliches audiovisuelles Erlebnis. Ob wunderschöne Kamerafahrten, die rückwärts ablaufende Kriegsszene oder die Alterungseffekte – audiovisuell dürfte Der Seltsame Fall Des Benjamin Button eines der Highlights des Jahres werden. Doch Fincher versäumt es im weiteren Verlauf des Films, die optischen und akustischen Sahnestückchen mit hochwertigem Inhalt zu füllen. Schon bei Benjamins ersten Job als Matrose baut die Geschichte stark ab, dümpelt auf einem niedrigen Niveau und hat wenig Neues zu bieten. Auch die Affäre Benjamins mit der verheirateten Elizabeth Abbott (Tilda Swinton) bringt kaum Abwechslung. Vielmehr bleibt ihre Figur blass und unbedeutend – wie so viele im weiteren Verlauf der Geschichte eingeführte Charaktere, die zum großen Teil als Lückenfüller für die drei Stunden Laufzeit herhalten müssen. War Der Seltsame Fall Des Benjamin Button am Anfang noch erfrischend vielseitig, herrschen nun Eintönigkeit und Langeweile. Auch die Figur Benjamin Button baut ab dieser Phase des Films nach und nach ab, erreicht sie doch körperlich wie auch geistig das gleiche Alter und verliert so den Reiz der Einzigartigkeit. Spätestens die leidvolle und bis ins unermessliche ausgelutschte Liebesgeschichte, die in einem durch und durch peinlichen Ende gipfelt, zieht dem Film letztlich den Boden unter den Füßen weg. Der geneigte Mainstreamliebhaber wird daran vielleicht Gefallen finden, doch eingefleischte Fincher-Fans schreckt dies in Anbetracht der Ambivalenz zu seiner bisherigen Filmografie ab.
Auch schauspielerisch hat Der Seltsame Fall Des Benjamin Button eindeutige Defizite. Brad Pitts Leistung ist parallel zum Storyverlauf im ersten Drittel des Films oscarreif, danach baut er nach und nach ab. Welchen Spaß macht es, Pitt beim Spiel als alter Mann zuzusehen. Er verleiht seinem Charakter einen großen Hauch Sympathie mit einer enormen Spielfreude und Aktivität. Seine Mimik und Gestik sind der eines alten Mannes angepasst, doch mit seinen Augen erzeugt Pitt stets Momente juveniler Freude. Umso trauriger, dass Pitt den aufkeimenden Drehbuchschwächen kein nuancierteres Spiel mehr dagegenzusetzen hat. Nach und nach wirkt er blasser, sein Elan scheint in den letzten zwei Stunden völlig verloren gegangen zu sein. Auch Cate Blanchett vermag keine großen Akzente zu setzen. Mit ihrer natürlichen Kälte passt sie nicht hinein in ihre Rolle und die Chemie zwischen ihr und Pitt funktioniert anders als in Babel gar nicht. Tilda Swinton spielt gewohnt groß auf, doch ihre wenigen Minuten Screentime sind in Anbetracht der Größe des Projekts fast gar nicht erwähnenswert. Die beste Leistung liefert sicherlich Taraji P. Henson ab, die schon in Hustle & Flow die größten Akzente neben Terrence Howard gesetzt hat und nun zu Recht für einen Oscar nominiert wurde.
Mein Fazit
Der Seltsame Fall Des Benjamin Button spaltet das Filmherz. Auf der einen Seite, der technischen, ist der Film schlichtweg brillant und haut einen wegen seiner virtuosen Audiovisualität vom Hocker. Auf der inhaltlichen Seite, der wichtigeren von beiden, herrscht nach einer fulminanten ersten Stunde Eintönigkeit und Langeweile. Zu konstruiert wirkt die Geschichte, zu aufpoliert und zu aufgesetzt, um Fincher nicht eindeutige Absichten hinsichtlich der Award-Saison unterstellen zu wollen. Auch die Schauspieler können dem Film keinen Stempel mehr aufdrücken, sodass man dem Ende des fast dreistündigen Dramas mit jeder abgelaufenen Minute mehr entgegenfiebert. (4/10)










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