The Hurt Locker – Tödliches Kommando
Filmkritik

Als am 11. September 2001 die westliche Welt mit den Anschlägen auf das World Trade Center in seinen Grundfesten erschüttert wurde, änderte sich nicht nur das politische und gesellschaftliche Bild auf den Nahen Osten, sondern analog auch das Kino, welches seither den Drang der Menschen nach komplexeren Themen über Religion und Politik, Kultur und Militär mehr oder weniger erfolgreich zu befriedigen versucht. Umso erstaunlicher, dass die Filmmaschinerie Hollywood das Medium bisher noch nicht erfolgreich als Diskussionsforum für die Kriege in Afghanistan und Irak nutzte. Alle Versuche, die Kriege und deren Folgen bisher zu thematisieren, scheiterten entweder an doppelbödigen Drehbüchern (Im Tal Von Elah), unglaubwürdigen und fragwürdigen Handlungssträngen (Grace Is Gone) oder letztlich am Publikum, welches genug Kriegsbilder in den täglichen Nachrichten serviert bekommt und so auch großartige Projekte wie Von Löwen Und Lämmern abstrafte. Einen gänzlich neuen Ansatz verfolgt die Regisseurin Kathryn Bigelow, deren Irakkriegs-Drama The Hurt Locker auf typisch amerikanischen Pathos und politische Hintergründe verzichtet und stattdessen einen Blick wirft auf einfache junge Männer, die hineingeworfen wurden in einen Krieg, der von westlicher Seite aus nicht zu gewinnen ist.
Im Mittelpunkt steht eine Eliteeinheit des US-amerikanischen Bombenräumkommandos, die tagtäglich ihrer lebensgefährlichen Mission nachgeht und Zündsätze aller Art entschärft. Es sind noch 38 Tage, und Sergeant JT Sanborn (Anthony Mackie), Spezialist Owen Eldridge (Brian Geraghty) und ihr Vorgesetzter Matt Thompson (Guy Pearce) kommen nach einjährigem Kriegsdienst zurück in die Heimat. Ein Jahr, in dem das Team unzählige Bomben erfolgreich entschärft und vernichtet hat. Doch an diesem Tag soll alles schief gehen. Zu spät bemerken Sanborn und Thompson einen Terroristen, der mit seinem Handy den Sprengsatz zündet, den Thompson gerade unschädlich machen will. Als wäre das nicht schon schlimm genug, bekommt das Team in Staff Sergeant William James (Jeremy Renner) einen neuen Vorgesetzten, der mit seiner draufgängerischen Arbeitsweise nicht nur sich, sondern auch seine Kollegen in Gefahr bringt.
Dass Kathryn Bigelow Action inszenieren kann, dürfte jedem geneigten Filmfan klar sein. Doch nach dem Kassenflop K-19: Showdown In Der Tiefe, dessen Budget von 100 Millionen Dollar ein US-Einspiel von lediglich 35 Millionen Dollar gegenüberstand, war die talentierte Regisseurin erst einmal verschwunden von der Bildfläche. Für ihr ambitioniertes Projekt The Hurt Locker fand sie schließlich ein paar Produzenten, die bereit waren, 11 Millionen Dollar in den Film zu investieren. Und dieses Geld war gut angelegt, denn was Bigelow letztlich abliefert, ist eine der größten Überraschungen des mageren Kinosommers. Sie inszeniert geradlinige Action, die das minimalistische Budget schnell vergessen macht und die Zuschauer von der ersten Sekunde an fesselt. Schon alleine die Entschärfungsszenen, die natürlich einen großen und wichtigen Teil des Films einnehmen, sind ein Highlight. Wie Bigelow hier mit Hilfe von gekonnten Schnitten, ungewöhnlichen Perspektiven und einer Handkamera mit der Erwartungshaltung der Zuschauer spielt, zeugt von ihrem inszenatorischen Talent. Aber auch die Schusswechsel der Einheit mit verschanzten Terroristen sind blendend inszeniert. Stets hat man das Gefühl, direkt im Geschehen zu sein und erlebt die Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit der Soldaten hautnah mit. Ein Grund dafür ist der Einsatz von Handkameras, der aber glücklicherweise erträglich gestaltet wurde. The Hurt Locker ist kein Wackelporno á la Quantum Of Solace oder [Rec], sondern ein durchdachter und vor allem behäbig inszenierter Film. Und das tut ihm auch gut.
Gut tut ihm auch das Drehbuch, welches von dem Journalisten Mark Boal verfasst wurde. Boal gehörte 2003 zu einer privilegierten Gruppe von Medienvertretern, die die US-Einheiten beim Einmarsch im Irak begleiten durfte. Aus diesen Erfahrungen und Erlebnissen Boals resultierte schon ein Artikel im Playboy, der als Grundlage für Paul Haggis’ Im Tal Von Elah diente. Doch wo Haggis noch eine krude Geschichte formte, konzentriert sich Boal einzig und allein auf einfache Soldaten, auf drei beziehungsweise vier Hauptpersonen, auf ihre Ängste und Sorgen, auf ihre spezifische Art und Weise, dem Schrecken Krieg entgegenzutreten. Boal verzichtet dabei glücklicherweise auf politische Hintergründe und auf offensichtlichen Pathos, um so den Figuren genügend Freiraum zur Entfaltung zu geben. Die Figuren sind der Mittelpunkt des Films, das, an dem sich der Film aufhängen kann. Jegliche politische Vereinnehmung des Drehbuches wäre hier nicht nur fehl am Platz gewesen, sondern hätte The Hurt Locker höchstwahrscheinlich das Genick gebrochen. Boal hat viel zu erzählen in seinem Drehbuch, letztlich sogar etwas zu viel. Kurz reißt er Themen an wie die Unfähigkeit der Soldaten, sich in das zivile Leben zu reintegrieren, ohne sie jedoch weiter zu beleuchten. Da fehlt an manchen Stellen eine größere Portion Tiefgang, ein schärferer Blick in die Psyche der Soldaten. Bei 130 Minuten Laufzeit und dem Anspruch, kein reiner Actioner, sondern ein Antikriegsdrama zu sein, hätte die Skizzierung der Figuren noch feiner sein dürfen. Aber auch so bleibt ein Film, der niemals zum blanken Unterhaltungskino verkommt, sondern stets die Schrecken und Gefahren und deren Wirkungen auf die Soldaten beleuchtet. Ein Film, dessen Drehbuch trotz der angesprochenen Schwächen intensiv und erschreckend real ist, und dessen Regisseurin durch eine klare visuelle Line überzeugt. Ein starker Film. (7.5/10)
BLOGSPIEGEL:
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