Public Enemies

Filmkritik

In den 90er Jahren etablierte sich Michael Mann mit den zwei großartigen Filmen Heat und The Insider endgültig als Regisseur in Hollywood. Sein Name stand für spannungsgeladene Thriller mit einer großen Portion handfester Action. Mann wurde als Wunderkind gefeiert – ein Status, den sich der Regisseur verdiente, jedoch seit der Jahrtausendwende Film für Film stetig verspielt. Denn Manns Kino ist gewöhnlich geworden, trägt zwar noch die Handschrift des Regisseurs, doch setzt leider immer weniger auf Inhalte, sondern hauptsächlich auf eine perfekt durchgestylte Visualisierung. Umso erfreulicher war die Nachricht, dass Mann sich mit seinem nächsten Projekt der Geschichte des berüchtigten Bankräubers und US-amerikanischen Staatsfeindes Nummer 1, John Dillinger widmet. Eine Geschichte, die durch die Konfrontation zweier starker Männer, die sich gegenseitig bekämpfen doch gleichzeitig brauchen, wie gemacht ist für den Regisseur, den genau dieses Motiv groß gemacht hat. Ob Lieutnant Vincent Hanna (Al Pacino) gegen den Gangster Neil McCauley (Robert De Niro), ob Lowell Bergman (Al Pacino) gegen Jeffrey Wigand (Russell Crowe), stets war dessen Kino geprägt von den Gegensätzen zweier Männer, die trotz aller Unterschiede letztendlich gleich waren. John Dillinger (Johnny Depp) gegen den Kriminalbeamten Melvin Purvis (Christian Bale). Dass Potential wäre vorhanden gewesen, aus dieser Grundkonstellation mit den nötigen Mitteln einen Film zu schaffen, der an Manns große Erfolge anknüpfen kann. Doch Mann setzt traurigerweise seinen Abstieg fort und präsentiert mit Public Enemies den (vorläufigen) Tiefpunkt seiner Karriere, der so bedeutend ist für das Kinojahr 2009. Es zählt nicht der Inhalt, der Tiefgang, die Entwicklung der Figuren. Dass, was einzig und allein zählt, sind audiovisuelle Schauwerte, Schießereien und Materialschlachten. Doch dies bekommt einer Gangsterstory, die angesiedelt ist in den 30er Jahren, alles andere als gut. Dies bricht ihr das Genick im Ansatz, zerstört jegliche Atmosphäre und jegliche Spannung. Doch Mann setzt dem sogar noch einen drauf, denn das Drehbuch strotzt von der ersten Seite an vor dümmlichen Dialogen, spannungsleeren Handlungssträngen und verkorksten Nebenplots.

Nicht einmal im Ansatz versuchen er und seine Drehbuchautoren Ronan Bennett (Face) und Ann Biderman (Fräulein Smillas Gespür Für Schnee), Manns filmischen Drang nach einer epischen Erzählung zu befriedigen. Zu oberflächlich bleibt die Geschichte, die deutlich angelehnt ist an die von Heat, doch niemals dessen Intensität zu erreichen vermag. Ein Spannungsbogen existiert de facto überhaupt gar nicht, denn Public Enemies ist ein steter Wechsel zwischen typischen Mann’schen shoot outs und filmischem Füllmaterial, welches zwischen Bedeutungslosigkeit und Kitsch, Langeweile und fehlender Tiefe pendelt. Public Enemies hat eine Laufzeit von knapp 140 Minuten, welche sich auf Grund der Tatsachen aber mindestens doppelt so lang anfühlt. Nicht einmal in den Dialogen funkt ein wenig Brillanz auf. Dialoge, die entweder aufgesetzt wirken und schlicht und einfach peinlich sind. Mann hat anscheinend nichts zu erzählen, obwohl die Geschichte um John Dillinger sicherlich eine der berühmtesten Kriminalfälle der USA ist. Dass letztlich der zumindest auf dem Papier großartige Cast dem nichts mehr hinzuzufügen hat, ist besonders schade, zeugt aber auch von Manns inszenatorischen Fähigkeiten, die sich irgendwo zwischen HD-Cam und Ausstattungsfetisch in Luft aufgelöst zu haben scheinen. Johnny Depp, Garant für Rollen mit Ecken und Kanten, scheint nie warm zu werden als John Dillinger. Zwar schafft er es auf Grund seiner Erfahrung und vor allem seines Talents, der Figur ein klein wenig den Stempel aufzudrücken, doch das Drehbuch – vor allem die eindimensionale Figurenskizzierung – gibt nicht mehr her. Wo Depp aber wenigstens noch den Versuch unternimmt, seine Rolle zu interpretieren, ist Christian Bale mit all seiner Kraft an der Spitze seines Unvermögens angelangt. Nach dem Terminator-Fiasko, in dem Bale wohl einen der peinlichsten Auftritte dieser Dekade abgeliefert hat, setzt er mit seinem Auftritt in Public Enemies noch einen drauf. Egal welche Gefühlsregung, egal in welcher Szene, Bale beherrscht nur einen Gesichtsausdruck, der selbst Sylvester Stallones Mimik wie die eines Nicholson oder eines De Niro aussehen lassen. Auch Marion Cotillard verkommt zum Spielball Mann`scher Ästhetik und schafft es in keiner Sekunde, auch nur einen Ansatz von Interpretation der Rolle abzuliefern.

Public Enemies reiht sich somit ein in die Riege der großen Enttäuschungen des Kinojahres, in denen Stars und Budgets unnötig für noch unnötigere Projekte verheizt wurden. Dass aber Michael Mann nach mehreren noch befriedigenden Filmen so tief abrutscht, hätte sicherlich niemand gedacht. Dem minimalistischen Drehbuch kann aber auch seine Regie nichts mehr entgegensetzen, zu unausgegoren wirkt das ganze, zu sehr auf optische Schauwerte aus. Selbst die shoot outs, immerhin ein Markenzeichen des Regisseurs, sind in Public Enemies nicht mehr als nett anzusehen. Zu gewöhnlich ist die Action, um den geneigten Fan vom Hocker zu hauen. Zu prätentiös die Inszenierung, die vollgestopft und durch die wackelige HD-Cam emitionsarm und frei von jeglicher Atmosphäre wirkt. Zu krude die Handlungsstränge, zu peinlich die zum Teil armseligen schauspielerischen Leistungen. Nein, dass war nichts. Man darf gespannt sein, ob und wie Mann sich von diesem Film erholen wird. (2/10)

★★☆☆☆☆☆☆☆☆

BLOGSPIEGEL:

From Beyond: nach der Hälfte die Flucht ergriffen

Blockbuster Entertainment: 4.5/10

Kino, TV & Co.: 4/10

Movie Addiction: 6/10

Marcus Kleine Filmseite: 7.5/10

moep0r.com: 7/10

MoviezKult: 2/10

Durchschnittwertung: 5.2/10 (mit großer Tendenz nach unten)

The Hurt Locker – Tödliches Kommando

Filmkritik

hurtlocker

Als am 11. September 2001 die westliche Welt mit den Anschlägen auf das World Trade Center in seinen Grundfesten erschüttert wurde, änderte sich nicht nur das politische und gesellschaftliche Bild auf den Nahen Osten, sondern analog auch das Kino, welches seither den Drang der Menschen nach komplexeren Themen über Religion und Politik, Kultur und Militär mehr oder weniger erfolgreich zu befriedigen versucht. Umso erstaunlicher, dass die Filmmaschinerie Hollywood das Medium bisher noch nicht erfolgreich als Diskussionsforum für die Kriege in Afghanistan und Irak nutzte. Alle Versuche, die Kriege und deren Folgen bisher zu thematisieren, scheiterten entweder an doppelbödigen Drehbüchern (Im Tal Von Elah), unglaubwürdigen und fragwürdigen Handlungssträngen (Grace Is Gone) oder letztlich am Publikum, welches genug Kriegsbilder in den täglichen Nachrichten serviert bekommt und so auch großartige Projekte wie Von Löwen Und Lämmern abstrafte. Einen gänzlich neuen Ansatz verfolgt die Regisseurin Kathryn Bigelow, deren Irakkriegs-Drama The Hurt Locker auf typisch amerikanischen Pathos und politische Hintergründe verzichtet und stattdessen einen Blick wirft auf einfache junge Männer, die hineingeworfen wurden in einen Krieg, der von westlicher Seite aus nicht zu gewinnen ist.

Im Mittelpunkt steht eine Eliteeinheit des US-amerikanischen Bombenräumkommandos, die tagtäglich ihrer lebensgefährlichen Mission nachgeht und Zündsätze aller Art entschärft. Es sind noch 38 Tage, und Sergeant JT Sanborn (Anthony Mackie), Spezialist Owen Eldridge (Brian Geraghty) und ihr Vorgesetzter Matt Thompson (Guy Pearce) kommen nach einjährigem Kriegsdienst zurück in die Heimat. Ein Jahr, in dem das Team unzählige Bomben erfolgreich entschärft und vernichtet hat. Doch an diesem Tag soll alles schief gehen. Zu spät bemerken Sanborn und Thompson einen Terroristen, der mit seinem Handy den Sprengsatz zündet, den Thompson gerade unschädlich machen will. Als wäre das nicht schon schlimm genug, bekommt das Team in Staff Sergeant William James (Jeremy Renner) einen neuen Vorgesetzten, der mit seiner draufgängerischen Arbeitsweise nicht nur sich, sondern auch seine Kollegen in Gefahr bringt.

Dass Kathryn Bigelow Action inszenieren kann, dürfte jedem geneigten Filmfan klar sein. Doch nach dem Kassenflop K-19: Showdown In Der Tiefe, dessen Budget von 100 Millionen Dollar ein US-Einspiel von lediglich 35 Millionen Dollar gegenüberstand, war die talentierte Regisseurin erst einmal verschwunden von der Bildfläche. Für ihr ambitioniertes Projekt The Hurt Locker fand sie schließlich ein paar Produzenten, die bereit waren, 11 Millionen Dollar in den Film zu investieren. Und dieses Geld war gut angelegt, denn was Bigelow letztlich abliefert, ist eine der größten Überraschungen des mageren Kinosommers. Sie inszeniert geradlinige Action, die das minimalistische Budget schnell vergessen macht und die Zuschauer von der ersten Sekunde an fesselt. Schon alleine die Entschärfungsszenen, die natürlich einen großen und wichtigen Teil des Films einnehmen, sind ein Highlight. Wie Bigelow hier mit Hilfe von gekonnten Schnitten, ungewöhnlichen Perspektiven und einer Handkamera mit der Erwartungshaltung der Zuschauer spielt, zeugt von ihrem inszenatorischen Talent. Aber auch die Schusswechsel der Einheit mit verschanzten Terroristen sind blendend inszeniert. Stets hat man das Gefühl, direkt im Geschehen zu sein und erlebt die Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit der Soldaten hautnah mit. Ein Grund dafür ist der Einsatz von Handkameras, der aber glücklicherweise erträglich gestaltet wurde. The Hurt Locker ist kein Wackelporno á la Quantum Of Solace oder [Rec], sondern ein durchdachter und vor allem behäbig inszenierter Film. Und das tut ihm auch gut.

Gut tut ihm auch das Drehbuch, welches von dem Journalisten Mark Boal verfasst wurde. Boal gehörte 2003 zu einer privilegierten Gruppe von Medienvertretern, die die US-Einheiten beim Einmarsch im Irak begleiten durfte. Aus diesen Erfahrungen und Erlebnissen Boals resultierte schon ein Artikel im Playboy, der als Grundlage für Paul Haggis’ Im Tal Von Elah diente. Doch wo Haggis noch eine krude Geschichte formte, konzentriert sich Boal einzig und allein auf einfache Soldaten, auf drei beziehungsweise vier Hauptpersonen, auf ihre Ängste und Sorgen, auf ihre spezifische Art und Weise, dem Schrecken Krieg entgegenzutreten. Boal verzichtet dabei glücklicherweise auf politische Hintergründe und auf offensichtlichen Pathos, um so den Figuren genügend Freiraum zur Entfaltung zu geben. Die Figuren sind der Mittelpunkt des Films, das, an dem sich der Film aufhängen kann. Jegliche politische Vereinnehmung des Drehbuches wäre hier nicht nur fehl am Platz gewesen, sondern hätte The Hurt Locker höchstwahrscheinlich das Genick gebrochen. Boal hat viel zu erzählen in seinem Drehbuch, letztlich sogar etwas zu viel. Kurz reißt er Themen an wie die Unfähigkeit der Soldaten, sich in das zivile Leben zu reintegrieren, ohne sie jedoch weiter zu beleuchten. Da fehlt an manchen Stellen eine größere Portion Tiefgang, ein schärferer Blick in die Psyche der Soldaten. Bei 130 Minuten Laufzeit und dem Anspruch, kein reiner Actioner, sondern ein Antikriegsdrama zu sein, hätte die Skizzierung der Figuren noch feiner sein dürfen. Aber auch so bleibt ein Film, der niemals zum blanken Unterhaltungskino verkommt, sondern stets die Schrecken und Gefahren und deren Wirkungen auf die Soldaten beleuchtet. Ein Film, dessen Drehbuch trotz der angesprochenen Schwächen intensiv und erschreckend real ist, und dessen Regisseurin durch eine klare visuelle Line überzeugt. Ein starker Film. (7.5/10)

BLOGSPIEGEL:

Equilibrium: 8/10

From Beyond: 7/10

Symparanekronemoi: 4.5/10

Kino, TV & Co.: 7.5/10

Marcus Kleine Filmseite: 8/10

Zeitverschwender: 3/10

MoviezKult: 7.5/10

Durchschnittwertung: 6.5/10

Martyrs

Filmkritik
martyrs

Mit Saw und Hostel hat sie 2004 beziehungsweise 2005 angefangen, die Welle von Folterfilmen, die sich zum ersten Mal so richtig traute, explizite und realitätsnahe Gewaltdarstellungen geradeheraus auf Zelluloid zu bannen. Doch wo US-Produktionen sich orientiert am Zielmarkt eine persönliche Gewaltgrenze setzten, legten die französischen Filmemacher so richtig los. Ob Alexandre Aja mit Haute Tension, ob Filme wie Inside oder Frontier(s), der neue französische Horrorfilm befriedigte gorehounds in aller Welt und startete so einen unvorstellbaren Siegeszug. Dass es aber noch weitaus härter gehen kann, beweist der neuste Streich unserer Nachbarn. Mit Martyrs werfen sie einen Film auf den Markt, der alle bisherigen Werke übertrifft. Dieser Film überschreitet die nächste Grenze und trifft den Zuschauer erstmals da, wo man meinte, schon unzählige male getroffen worden zu sein. Dieser Film ist wirklich ein Schlag in die Magengrube, ein Schlag so hart, dass er noch weit nach der Sichtung nachhallt und bei manchen Zuschauern Spuren hinterlassen dürfte.

Dabei ist Martyrs seinen Kollegen nicht nur splattertechnisch um einiges voraus, sondern glänzt vor allem durch eine gut konstruierte Geschichte mit wirklichen Twists, die neben dem physischen endlich auch mal wieder den psychischen Faktor in einen aktuellen Horrorfilm bringt. Das größte Manko der Folterwelle, und damit sein allergrößter Kritikpunkt, war bisher die Tatsache, dass die Gewalt in den Filmen nur der Gewalt wegen gezeigt wurde und das eine Story de facto nicht existent war. Und genau hier setzt Martyrs clever an. Der Film bietet eine Geschichte, die nicht nur wegen der realen Bezüge (ich sage nur Österreich) schockiert, sondern durch erfrischende Ansätze von Anfang an fesselt. Martyrs vermischt gekonnt Realität und Fiktion, Kunst und Wissenschaft, Schock und Spannung und präsentiert sich dadurch in einem Gewand, das man dem Film so nicht zugetraut hätte. Schon in der ersten Viertelstunde wird das Feld weitestgehend abgesteckt und der Zuschauer bekommt einen ersten Ausblick auf die schiere Erbarmungslosigkeit der Handlung. Wer aber denkt, nach den ersten Minuten den Ausgang der Geschichte vorhersagen zu können, der irrt. Das Drehbuch besticht durch einen Twist nach dem anderen, so geschickt platziert, dass die Story zum Ende hin eine komplett andere Richtung einschlägt als anfangs vermutet.

Bei aller Lobhudelei für die Story, ein zentraler und für Fans wichtigster Bestandteil des Films sind natürlich die Splatterszenen, und diese Übertreffen alles bisher gesehene. Martyrs besticht durch eine krasse, schonungslose und rigorose Härte, die von der Kamera unverblümt und schonungslos dokumentiert wird. Man wird sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, was Regisseur Pascal Laugier geritten hat, Szenen in solch sorgfältiger Perversion zu drehen. Sicherlich, er wollte provozieren um so nicht zuletzt sich und seinen Film pushen, was ja auch gelungen ist. Andererseits ist die Gewalt in der Form, wie sie dargestellt wird, ein unabdingbarer Teil in Wechselwirkung mit der Geschichte, vergleichbar mit den Vergewaltigungsszenen in Irreversible und Der freie Wille. Sie macht die Story für den Zuschauer erst greifbar, indem sie ihn eiskalt und unnachgiebig mitten ins Mark trifft. Laugier macht so den Schmerz der Figuren greifbar, in dem er den Zuschauer zwingt, hinzusehen, dessen psychische Schmerzensgrenze bis ins letzte ausreizt und sogar übersteigt. Dass diese Brutalität für den einen oder anderen schwerlich zu ertragen ist, ist eine logische Konsequenz. Martyrs ist sicherlich kein Film für jedermann, ein Film, an dem sich die Geister scheiden werden. Er wird für großen Diskussionsstoff sorgen, vor allem in den deutschen Medien. Martyrs ist quasi kontroverses Kino in seiner reinsten Form, schockierend, ja sogar ekelhaft, doch niemals auf seine exzessiven Darstellungen reduziert.

Dafür sorgen auch die überraschend stark aufspielenden Darsteller. Allen voran Mylène Jampanoï trägt mit ihrer wuchtigen Performance die komplette erste Hälfte des Films quasi allein. Sie zeichnet einen hoch ambivalenten Charakter zwischen Labilität und unabdingbarer Grausamkeit, glaubwürdig und erschreckend. Auch ihre Filmpartnerin Morjana Aloui besticht durch ein intensives Spiel, das genreunüblig nuancenreich und tiefgründig daherkommt. Die beiden Darstellerinnen sind ein Glücksfall für den Film, da sie den bei dieser Thematik so schwierigen Spagat zwischen glaubhaftem Spiel und over acting souverän meistern. Dadurch entwickeln sie sich zu einer echten Identifikationsbasis für den Zuschauer, was für den psychologischen Schrecken des Films ein elementarer Bestandteil ist. Aber auch Regisseur Laugier hat seine Hausaufgaben gemacht und dem Film durch seine stimmige Inszenierung den letzten Schliff gegeben. Er taucht die Bilder in kühle, sterile Farben, die zusammen mit dem guten Soundtrack die atmosphärische Grundlage des Films ausmachen. Auch sonst beweist er ein gutes Händchen für clevere Schnitte und spannende Einstellungen.

Martyrs ist also ein Film, der trotz seiner Zugehörigkeit zur aktuellen Folterwelle ein überraschend erfrischendes Erlebnis für Fans des Genres ist. Nicht zuletzt die interessante Geschichte macht Martyrs zu etwas ganz besonderen und hebt ihn ab vom uninspirierten Einheitsbrei. Ob der Film nun wie beworben der rein von seiner physischen Härte Krasseste aller Zeiten ist, kann vielleicht bezweifelt werden. Fakt ist aber, dass die schonungslosen Gewaltdarstellungen in Verbindung mit der depressiven Unerträglichkeit des Drehbuchs und der eindringlichen Atmosphäre ein grausames Endprodukt ergeben, das den Zuschauer in einer nie dagewesenen Form direkt und nachhaltig ins Mark trifft. Martyrs ist überraschend vielseitig, überraschend clever, überraschend inspiriert – einfach überraschend stark. Und da verzeiht man dem Film auch einen kurzen Leerlauf vor dem großen Finale. Jetzt darf man im Hinblick auf die französische Szene gespannt sein, wie man diesen Film zu toppen versuchen will. Eines steht fest: härter geht immer. Und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis man wieder von DEM Überfilm spricht und mit Superlativen um sich wirft. Bis dahin ist Martyrs eine kleine Referenz, an die sich zukünftige Produktionen hoffentlich ein gutes Beispiel nehmen. (8/10)

★★★★★★★★☆☆

Slumdog Millionaire

Filmkritik
slumdog

Mit acht Oscars ist Danny Boyles Slumdog Millionär DER Abräumer der diesjährigen Award-Saison. Acht Oscars, die den Film quantitativ auf eine Stufe mit Klassikern wie Die Besten Jahre Unseres Lebens, My Fair Lady oder Die Faust im Nacken heben, die auch allesamt acht Trophäen gewinnen konnten. Doch kann das Indien-Drama mit den genannten überhaupt qualitativ mithalten? Oder ist die enorme Anzahl der Oscars der diesjährigen schwachen Konkurrenz geschuldet? Die Antwort ist irgendwo in der Mitte anzusiedeln. Slumdog Millionär ist auf der einen Seite ein wunderbares, audiovisuell opulentes Drama, das ganz klar zu den Highlights des Kinojahres zählen dürfte. Auf der anderen Seite sind acht Oscars wohl einige zu viel, denn alleine im letzten Jahr hätte der Film in vielen Kategorien wohl wenige Chancen gehabt.

Danny Boyle erzählt die Geschichte des 18-jährigen Vollwaisen Jamal (Dev Patel), der in der indischen Version von „Wer wird Millionär?“ nur noch eine Frage von dem Gewinn von 20 Millionen Rupien entfernt ist. Er, ein ungebildeter junger Mann aus den Slums von Mumbai. Das macht ihn verdächtigt, er kann eigentlich nur betrogen haben. Es folgt ein Schnitt: Jamal ist gefesselt, zwei üble Polizisten wollen seine Betrugsmethoden aus ihm herausfoltern. Es gibt jedoch keine Methoden. Jamal hat alle Fragen ehrlich gewusst. Der leitende Inspektor spielt ihm die Aufzeichnung der Sendung vor. Zu jeder gestellten Frage soll Jamal erklären, wie er zu der Antwort gekommen ist. Und zu jeder gestellten Frage hat Jamal eine Geschichte aus seinem Leben parat, die plausibel erscheint. so In Rückblenden erzählt Boyle so eine coming of age-Story, angefangen in Jamals (nun: Ayush Mahesh Khedekar) Kindheit, in der er und sein Bruder Salim (Azharuddin Mohammed Ismail) Zeuge der Massenhinrichtung der Bewohner ihres Dorfes, einschließlich ihrer Mutter, werden. Zusammen mit der gleichaltrigen Latika (Rubiana Ali) ziehen sie daraufhin durch die Slums und hausieren auf einer Müllkippe. Dort geraten sie in die Fänge eines Gangsters, der Straßenkinder als Bettler missbraucht und auch vor Zerstümmelungen nicht zurückschreckt. Gemeinsam können die Brüder fliehen, Latikas Fluchtversuch scheitert. Fortan schlagen sich die Brüder (nun: Tanay Chheda und Ashutosh Lobo Gajiwala) mit Kleinganoverei quer durch Indien. Jamal aber hat nur ein Ziel: die Rückkehr nach Mumbai und Rettung von Latika.

Slumdog Millionär als reines Drama herunter zu stilisieren wäre verkehrt. Vielmehr vereint der Film Zutaten aus mehreren Genres, die ihn zu einem modernen Märchen werden lassen. Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Junge aus dem Slums von Mumbai, arm, perspektivlos, auf sich alleine gestellt. Lediglich die Liebe zu einem Mädchen gibt ihm Antrieb, zu leben und zu überleben. Gut und Böse sind in dem Film klar getrennt. Jamal ist die Sympathiefigur, der scheinbar chancenlose Held, der sich gegen die Bösen behaupten muss. Jamal muss sich von ganz unten herankämpfen, um Latika überhaupt noch einmal wiedersehen zu können. Slumdog Millionär ist quasi der amerikanische Traum in seiner reinsten Form, eine Geschichte, in der sich ein Individuum durch steten Willen und Krafteinsatz die Chancen erkämpft, seine Träume wahr zu machen. Das starke Drehbuch verhilft dem Film dabei, niemals ins pathetische abzurutschen. Vielmehr glänzt es durch eine unerwartete Vielseitigkeit, die der Geschichte eine enorme Abwechslung, und damit Leben einhaucht. Slumdog Millionär ist vor allem in der Anfangsszene urkomisch und beinhaltet auch im weiteren Verlauf Dialoge mit Wortwitz und Charme, doch verkommt niemals zu einer lächerlichen Geschichte. Slumdog Millionär ist hoch tragisch, zum Beispiel wenn Jamals Dorf überfallen wird und Fundamentalisten die ganze Bevölkerung abschlachten, doch niemals wehleidig und anklagend. Slumdog Millionär ist spannend und actionreich, wenn sich die Brüder im Mittelteil als Kleinganoven durch die Slums schlagen, doch niemals aufgesetzt und unglaubwürdig. Slumdog Millionär beinhaltet eine Liebesgeschichte, die stets die Gefahr läuft, kitschig zu werden, doch niemals wird. Die Elemente im Film halten sich stets die Waage und sorgen für eine Vielschichtigkeit, die in den letzten Jahren nur sehr wenige Filme erreicht haben.

Dass die Vielschichtigkeit des Drehbuchs auch im Film erhalten bleibt, dafür sorgt Danny Boyles großartige Regie. Erst seine spritzige Inszenierung macht Slumdog Millionär trotz seines doch ernsten Themas zu einem Feel-Good-Movie. Er taucht den Film in knallige Farben und gibt so Referenzen an das Bollywood-Kino, ohne es jedoch blind zu kopieren. Vielmehr vermischt sich der westliche Inszenierungsstil mit dem indischen und ergibt so eine einzigartige Symbiose, die für unser Auge nicht nur erträglich, sondern auch erfrischend anders ist. Die Schnelllebigkeit der Metropole Mumbai und deren Menschen fängt er wunderbar mit dynamischen Handkameras ein, deren Wirkung durch die harten Schnitte noch weiter verstärkt ist. Die Optik ist wenig konventionell, nicht nur von den Farben her, sondern auch von den Einstellungen. Boyle hat sichtlich Spaß dabei, mit ungewöhnlichen Kameraeinstellungen zu experimentieren. Passend zu den schnellen Schnitten kreiert A.R. Rahman einen Score mit treibenden Drums, der mehrheitlich indisch geprägt ist, doch auch Anleihen aus der westlichen Musikszene, zum Beispiel dem Rap, besitzt. Die Musik Rahmans unterstreicht perfekt Boyles Inszenierung und verschmilzt mit den Bildern zu einer homogenen Einheit.

Das I-Tüpfelchen ist die großartige Besetzung, mit der Boyle ein Kunststück gelungen ist. Quasi von der Straße weg castete er die meisten Darsteller, was dem Film kein Abbruch verleiht, sondern ein großes Stück authentischer macht. Es ist schon erstaunlich, was für eine schauspielerische Leistung vor allem die kleinen Akteure zeigen, die einen großen Teil des Films allein auf ihren Schultern stemmen, was manch ein Kollege aus Hollywood nicht bewältigt hätte. Neben den Laien gefallen aber auch Dev Patel und die bezaubernde Freida Pinto, die sich mit ihrer Performance nach Hollywood gespielt haben und demnächst für Projekte von Woody Allen und M. Night Shyamalan vor der Kamera stehen. Boyle lässt aber auch Bollywood-Prominenz ran, erspart uns dabei glücklicherweise aber das Gesicht von Shahrukh Khan. Am besten gefällt der indische Superstar Anil Kapoor als schmieriger Moderator der indischen Version von „Wer wird Millionär“. Es kommt einfach alles zusammen bei Slumdog Millionär, ein starkes Drehbuch, risikofreudige Produzenten, ein innovativer und experimentierfreudiger Regisseur, eine Komponist in Hochform und unverbrauchte, bissige Schauspieler. Slumdog Millionär ist ein starker Film, ein Film, der die Gradwanderung zwischen Entertainment und „Ghetto-Sight-Seeing“ perfekt meistert. Slumdog Millionär ist auch ein Film, der mit seiner positiven Art und Weise mitten ins Mark einer von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krisen erschütterten westlichen Welt trifft. Vielleicht ist Slumdog Millionär in diesen Zeit gerade deshalb so ein Ausnahmefilm und vielleicht ist das auch ein Grund dafür, warum der Film letztlich so viele Preise abräumen konnte. (9/10)

★★★★★★★★★☆

BLOGSPIEGEL

Symparanekronemoi: 8/10

From Beyond: 4/10

Zeitverschwender: 7/10

MoviezKult: 9/10

Durchschnittwertung: 7/10

Gran Torino

Filmkritik
grantorino

Es ist unfassbar, welches Arbeitspensum Clint Eastwood mit seinen fast 80 Jahren an den Tag legt. Bei neun Filmen saß er in den letzten zehn Jahren auf dem Regiestuhl. Filme, die bei sage und schreibe 23 Nominierungen sieben Oscars gewinnen konnten. Eastwood befindet sich auf dem Höhepunkt seiner 50-jährigen Karriere. Doch an aufhören denkt er nicht. Zumindest als Regisseur wird uns der knurrige Kalifornier erhalten bleiben. The Human Factor, eine Biopic über Nelson Mandela mit Morgan Freeman in der Hauptrolle, soll noch in diesem Jahr erscheinen – und auch dieses Projekt riecht wieder nach Erfolg. Als Darsteller jedoch zieht sich Eastwood offiziell mit seinem neusten Film, der Dramödie Gran Torino zurück. Ein großer Verlust für Hollywood, versprüht Eastwood doch in den kleinsten Szenen mehr Charisma als jeder seiner jungen Kollegen in einem ganzen Film zusammen. Der Abgang sei ihm jedoch gegönnt, ihm, der uns große Filme wie Für Ein Paar Dollar Mehr, Zwei Glorreiche Halunken oder Dirty Harry beschert hat. Während er mit seinem Spätwestern Erbarmungslos 1992 den Mythos seiner Rollen in den beiden Erstgenannten erfolgreich demaskiert hat, holt Eastwood jetzt noch einmal aus, kreiert mit Gran Torino einen Abgesang auf die Figur Harry Callahan und setzt sich damit ein filmisches Denkmal, welches seine lange schauspielerische Karriere abrundet und ein ebenbürtiges Ende einer großartigen Filmografie markiert.

Eastwood spielt den Koreakriegsveteran Walt Kowalski, einen mürrischen alten Mann mit angestaubten Moralvorstellungen, eine letzte Bastion gegen das Amerika, das sich zwischen selbst aufbrühen und Starbucks, zwischen Country und Rap, zwischen Alteingesessenen und Latino-Gangs in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Er ist ein Zyniker, ein Rassist, der mit seiner strengen Art nicht nur seine beiden erwachsenen Söhne auf Distanz gehalten, sondern sich selbst in gewisser Weise isoliert hat. Nun steht er am Sarg seiner geliebten Frau, einer Person, die wir als Zuschauer nicht kennen lernen, von der wir aber anhand Walts Verhalten erkennen, dass sie eine der wenigen, wenn nicht vielleicht sogar der einzige Mensch war, der Walt verstanden hat. Weinen tut er nicht am Sarg, das würde nicht zu ihm passen. Vielmehr drückt sich selbst bei der Beerdigung sein Hass auf das neue Amerika aus, wenn seine Enkeltochter bauchfrei in der Kirche erscheint und auch so sowieso nichts mehr ist wie es einmal war. Es ist eine Welt, in die der alte Mann anscheinend nicht mehr hineinpasst. Als zu allem Überfluss auch noch ein asiatischer Clan in sein Nachbarhaus zieht und Thao (Bee Vang), der Sohn der Famlie als Mutprobe seinen heißgeliebten 1972er Ford Gran Torino stehlen will, sieht Walt seine Vorurteile bestätigt. Doch als er Thao mehr oder weniger unfreiwillig vor einer Gang rettet und so zum Held der Nachbarschaft wird, taut er mit großem Widerwillen und einer großen Portion kühler Zurückhaltung nach und nach auf. Grund dafür ist Sue (Ahney Her), Thaos Schwester, die einen besonderen Draht zu ihm findet.

Er ist eine hoch ambivalente Figur, dieser Walt Kowalski. Auf der einen Seite hart, zynisch, nachhaltig geprägt vom Krieg in Korea. Auf der anderen Seite gerecht, verständnisvoll, gar warm. Doch diese zweite Seite haben nur sehr wenige Menschen jemals kennen gelernt. Selbst Walts Söhne, die sich schon früh von ihren Vater distanziert und ein kühles Verhältnis zum ihm haben, kennen nur der mürrischen Mann, der mit einem stechenden Blick jede Situation prüft und gegebenenfalls ohne Rücksicht kommentiert. Er ist ein Mann der alten Schule, ein Mann, der seinen Frisör als „Spaghetti-Fresser“ betitelt und dessen Preise mit den Worten „halber Jude“ abstraft. Ein Mann, der sich all die „Bimbos“, „Schlitzaugen“ und „Sumpfratten“ in den Dschungel zurückwünscht – und nicht ins seine Nachbarschaft. Ein Mann, der seinen Sohn dafür hasst, dass er ein „Japsen-Auto“ fährt, und kein amerikanisches Original. Ein Mann, den der Krieg verändert hat. An Gott glaubt er schon lange nicht mehr, sieht die Kirche und den jungen Pfarrer als Rattenfänger, immer auf der Suche nach schwachen Gliedern, die anfällig sind für den Aberglauben. Er ist ein pessimistischer Mensch, ein Mensch, der das Lachen verlernt zu scheinen hat.

Walt Kowalski ist quasi ein Abziehbild Eastwoods bisheriger Figuren. Ein bisschen Harry Callahan, ein bisschen namenloser Revolverheld. Figuren, die durch Selbstjustiz, Mord und Totschlag zu weltweitem Ruhm gekommen sind. Sie haben Eastwood groß gemacht, haben ihn geprägt, ihm ein Image gegeben. Und nun räumt er ein letztes Mal auf mit ihnen, ihrem Mythos, ihrem Reiz. In einer stark symbolischen Szene vor dem messianischen Finale geht Walt zur Beichte. Er will seinen Frieden finden, noch einmal alle Schuld offenbaren. Genau so wie Eastwood mit Gran Torino seinen Frieden finden wird. Der ganze Film ist seine persönliche Beichte, sein Eingeständnis. In der zweiten Hälfte des Films wird Walt bekehrt zum Guten, sieht seine Vorurteile wanken, taucht ein in eine fremde Kultur und nimmt sich seiner Nachbarn an. Es ist ein Verlauf, so untypisch für die alten Figuren von Eastwood. Es ist, als wolle Eastwood zum Abschluss seiner Karriere noch einmal diese Seite von ihm zeigen. Eine Seite, die in den letzten 50 Jahren kaum Beachtung fand. Umso radikaler ist dann das Ende, mit dem sich Walt endgültig rein wäscht. Und Eastwood unbekümmert abtreten kann.

Die Inszenierung von Gran Torino ähnelt eher der von The Wrestler als denen seiner letzten Filme. Eastwood beschränkt sich auf einen schlichten Stil, auf einfache, aber wirkungsvolle Bilder, verzichtet auf jeglichen Schnickschnack, um die Hauptfigur fast dokumentarisch in vollen Zügen in den Mittelpunkt zu stellen. Und diese lebt und stirbt mit Clint Eastwoods Performance. Der alte, knurrige und mürrische Mann, der einen zynischen Kommentar nach dem anderen vom Stapel lässt – Eastwood verschmilzt mit der Rolle des Walt Kowalski, spielt den Protagonisten gekonnt mit einer Leichtigkeit und Authentizität, wie nur er es vermag. Auch die restliche Cast, bestehend aus einer Reihe mehr oderweniger unbekannten Darstellern, ist perfekt besetzt. Gran Torino ist ein kleiner schöner Genrefilm, ein Film, den man ganz klar in Eastwoods Karriere einordnen und ihn im Kontext seines bisherigen Schaffens betrachten muss. Denn gerade die finale Konsequenz, die Reinwaschung eines Images, macht ihn zu etwas ganz besonderen. (8.5/10)

★★★★★★★★½☆

BLOGSPIEGEL

Kino, TV & Co: 9/10

From Beyond: 7/10

Marcus kleine Filmseite: 9/10

Symparanekronemoi: 6/10

MoviezKult: 8.5/10

Durchschnittwertung: 7.9/10


Der Vorleser

Filmkritik
thereader

Ein Film, der die deutschen Medien so polarisiert, kann eigentlich nur unsere Zeitgeschichte thematisieren. Da wird geredet von einer „Geschichte für das gute Gewissen“ (From Beyond), von „Nazi-Porno und Revensionismus“ (artechock) oder von „emotionalen Missbrauch“ (Süddeutsche Zeitung). Stephen Daldry’s Adaption des Weltbestsellers von Bernhard Schlink beschönige die Verbrechen der Nazis, rücke Täter in ein viel zu gutes Licht und hinterfrage keinerlei Gründe und Intentionen für den systematischen Massenmord an sechs Millionen Menschen. Ohne das Buch jemals gelesen zu haben, unterschreiben könnte man diese Thesen sofort, wenn das Buch respektive der Film überhaupt den Anspruch erheben würden, eine gesamtdeutsche Aufarbeitung der Geschichte zu bieten. Das tun sie aber auf gar keinen Fall. Vielmehr behandelt Der Vorleser ein Einzelschicksaal, das sich gar nicht auf den Makrokosmos Deutschland übertragen lässt. Eine außergewöhnliche Liebesgeschichte in der Nachkriegszeit, die ein abruptes und überraschendes Ende findet in der Schande eines Volkes, in einem Meer aus Lügen und der Angst vor der Aufbereitung der Schuld jedes eigenen. Diese Geschichte rückt keine Täter in ein schlechtes Licht, sondern demaskiert das Dilemma einer ganzen Generation, das nur von einer Frage geprägt ist und prekärerweise nie eine vollständige Antwort auf sie erhalten wird.

Ende der 50er Jahre in einer fiktiven deutschen Stadt. Der 15-jährige Michael Berg (David Kross), erkrankt an Gelbsucht, erleidet auf dem Schulweg einen Schwächeanfall. Eine ältere Frau (Kate Winslet) findet den Jungen, hilft ihm und bringt ihn nach Hause. Nach Monaten, die Gelbsucht ist inzwischen geheilt, sucht Michael die Frau mit einem Dankeschönsgeschenk auf. Nach anfänglicher Scheu beginnen die beiden eine Affäre. Nahezu jeden Tag treffen sie sich und haben dabei ein festes Ritual: erst muss Michael ihr aus Büchern vorlesen, danach haben sie Geschlechtsverkehr. Ihre Beziehung ist auf magische Art und Weise gleichzeitig intensiv, doch auch geprägt von Geheimnissen. So verrät sie zum Beispiel Michael auch auf Nachfrage nie ihren Namen. Eines Tages jedoch ist seine Geliebte verschwunden. Weg, nicht mehr auffindbar, ob in ihrer Wohnung oder ihrem Arbeitsplatz. Jahre später, Michael studiert mittlerweile Jura, kreuzen sich ihre Wege auf tragische Weise. Zusammen mit seiner Seminargruppe besucht er einen Kriegsverbrecher-Prozess, bei dem Hanna Schmitz, seine ehemalige Affäre, eine der Hauptangeklagten ist. Und sie trägt ein Geheimnis in sich, das nur Michael kennt.

Erzählt wird Der Vorleser unchronologisch in Rückblenden, die Rahmenhandlung bildet dabei Michael Berg (Ralph Fiennes), der quasi als Ich-Erzähler im Berlin der 90er Jahre auf den Pfaden seiner Geschichte wandelt. Durch diesen konsequenten Schnitt auf zwei beziehungsweise drei Zeitebenen entwickelt der Film schon von Anfang an eine große Portion Intensität, macht er doch den Stoff greifbarer, weil menschlicher für den Zuschauer. Michael wird eine Art Identifikationsfigur, der treibende Pol, an den sich der Zuschauer bis zum Ende stets zu halten hat. Dadurch enthält der Film auch Anleihen einer coming of age-Geschichte, denn der Zuschauer erlebt die Reifung, das Erwachsenwerden einer Figur innerhalb von 30 Jahren. Am Anfang ist Michael ein unsicherer Typ, ein Junge, der es sichtlich genießt, erste Erfahrungen im Schoße einer attraktiven älteren Frau zu sammeln. Der erste Sex, das erste verliebt sein – Michael macht Erfahrungen, eher als die meisten seiner Altergenossen, und vor allem intensiver. Dies lässt ihn auch eher reifen, er wird selbstbewusster, aber auch verletzlicher. Denn als seine Geliebte fort ist, bricht für den Teenager eine Welt zusammen. Acht Jahre später dann, als Student, bricht diese für ihn erneut zusammen. Michael überkommt eine innere Leere, ein Gefühl der totalen Entfremdung und auch ein Gefühl der Schuld. Das Unvermögen, Hannas entlastenden Hinweis vorzutragen, belastet ihn sehr. Er zieht sich zurück, wird nachdenklich, hat Angst vor jeglicher Bindung, die ihn verletzen könnte. So scheitert dann in den 70ern eine kurze Ehe und er beginnt, Kontakt mit Hanna über Kassetten aufzunehmen, auf denen er ihr aus Romanen vorliest. Es beginnt eine Phase der Selbstreflexion und Selbstheilung, die auch in den 90ern noch nicht abgeschlossen ist. Michael ist da immer noch ein gebrochener Mensch, wehleidig, moralisch desillusioniert. Die Geschichte hat ihn geprägt, nachhaltig. Doch er nimmt es mit der Geschichte auf und befindet sich am Ende des Films an einer Art Höhepunkt seiner Konfliktbewältigung.

Technisch ist der Film brillant, wie man es von Regisseur Stephen Daldry gewohnt ist. In rauen Farbtönen fängt er die Fotografien ein, ausgewaschen, passend zur Erzählstruktur des Films. Man sieht die Geschichte durch Michaels Augen, wehleidig und trostlos. Und genau dies spiegelt sich in den Bildern wieder. Untermalt werden diese durch einen wunderschönen Score von Nico Muhly, der das Gefühlsleben der Protagonisten wunderbar unterstreicht. Das Glanzstück des Films sind aber seine Darsteller. Kate Winslet gewann vergangenen Sonntag für ihre Rolle als Hanna Schmitz den verdienten Oscar, zeigt sie doch eine Frau, die gleichzeitig besessen ist von Ordnung, Regelmäßigkeit und Fleiß, aber auch ein tiefes Geheimnis ins sich birgt. Sie überzeugt nicht nur durch einen enormen physischen Einsatz, sondern durch eine intensive Darstellung einer gebrochenen Frau, die Schuld auf sich genommen hat und freiwillig Schuld auf sich nimmt. David Kross, der für seine Rolle erst Englisch lernen musste, brauch sich da gar nicht vor der grandiosen Winslet verstecken. Sicherlich gelingt ihm die ein oder andere Szenen nicht so perfekt, wie man es von einem erfahreneren Kollegen erwartet hätte, doch er schafft eines: die inneren Zerwürfnisse seiner Figur glaubhaft darzustellen. Kross hat Talent und bietet sich mit seiner Performance für weitere (Groß)Projekte an. Ralph Fiennes als dritter Hauptdarsteller reiht sich da perfekt ein. Er skizziert einen melancholischen Mann, gebrochen durch die eigene Geschichte, mit einer wehleidigen Miene, die zwar an manchen Stellen arg aufgesetzt wirkt, doch seine Wirkung auf den Zuschauer nicht verfehlt. Die zweite Reihe der Darsteller ist nahezu ausschließlich mit deutschen Schauspielern besetzt. Ob die wunderbare Hannah Herzsprung als Michaels Tochter, Karoline Herfurth als Kommilitonin, Bruno Ganz als Professor oder Burghart Klaußner als Richter: alle Akteure setzen der Größe ihrer Rolle entsprechend Akzente, lediglich Alexandra Maria Lara als ehemaliger KZ-Häftling ist total falsch besetzt.

Um abschließend noch einmal auf die Eingangsgedanken zu sprechen zu kommen: Der Vorleser hat gar nicht den Anspruch, eine gesamtdeutsche Geschichte zu erzählen. Hier geht es um ein Einzelschicksal, das sich in keinster Weise auf den Makrokosmos übertragen lässt. Der Film romantisiert keine Naziverbrechen und rückt auch keine Täter in ein rechtes Licht. Im Stillen setzt er sogar kleine Akzente, wenn zum Beispiel in den Szenen im Gericht die Mitangeklagten, allesamt negativ dargestellt, sich in größter Perversion zusammenrotten und gegen Hanna verschwören. Sie tun alles dafür, um glimpflich aus der Situation herauszukommen, um die Schlinge um ihre Halse zu lösen. Ein Sinnbild für ein Deutschland nach dem Krieg. Niemand hat etwas getan, niemand hat von etwas gewusst. Ein Aufarbeitungsprozess hat zum damaligen Zeitpunkt noch nicht stattgefunden. Vielmehr war das Volk mit sich im Reinen, wenn es kollektiv ein paar Schuldige gefunden hatte, auf die es alles abladen konnte. „Nazi“ schreien sie erbost und erzürnt im Gerichtssaal zu Hanna. Und Hanna ist in gewisser Weise zu schwach und zu feige, ihre entlastenden Beweise zu offenbaren. Sie nahm Schuld auf sich und nimmt freiwillig noch mehr Schuld auf sich. Für einen Preis, den niemand nachvollziehen kann. Sicherlich deshalb ist die Geschichte, vor allem bei uns in Deutschland, so umstritten. (8/10)

★★★★★★★★☆☆

Milk

Filmkritik
milk

Freiheit und Gerechtigkeit sind zwei der wichtigsten Grundprinzipien der heutigen Gesellschaft. Prinzipien, die sich Randgruppen und Minderheiten in den letzten Dekaden hart erkämpfen mussten. „I have a dream“ sprach der afroamerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King am 28. August 1963 vor 250.000 Menschen bei einer friedlichen Demonstration in Washington D.C.. Worte, die den Kampf der unterdrückten Schwarzen in einem Amerika der Rassentrennung bis heute symbolisieren. Und Worte, die eine schwierige, jedoch stetige Progression der Gleichberechtigung nach sich zogen, bis hin zum ersten farbigen amerikanischen Präsidenten. Ein Fortschritt, von dem die Lesben-/ und Schwulenbewegung nur träumen kann. Im letzten Jahr verabschiedete der Bundesstaat Kalifornien den so genannten „Antrag 8“, der es Homosexuellen untersagt, gleichgeschlechtliche Ehen einzugehen. „Antrag 8“ ist für das freie Amerika ein derber Rückschlag – erwirkte doch 30 Jahre zuvor der erste demokratisch gewählte schwule Stadtrat von San Francisco, Harvey Milk, eine Ablehnung des von Erzkonservativen initiierten „Antrag 6“, der Homosexuelle prophylaktisch aus dem Schulwesen entfernen wollte. Milk war ein Vorkämpfer für Toleranz und Gleichberechtigung, ein Mann, der für seine Ideale letztlich den Tod sterben musste. Und diesem Mann setzt Regisseur Gus Van Sant mit seinem gleichnamigen Biopic ein filmisches Denkmal. Zwei Oscars bei acht Nominierungen sprechen für sich – in einem ambivalenten Amerika, geprägt vom Wandel und von „Antrag 8“, ist das Thema so aktuell wie nie.

Dabei sollte schon 1991 mit der Produktion an einem Film über Harvey Milk begonnen werden. Oliver Stone schrieb das Drehbuch zu The Mayor Of Castro Street, dass von Gus Van Sant mit Robin Williams in der Hauptrolle verfilmt werden sollte. Andere Kandidaten für die Rolle des Harvey Milk waren Daniel Day-Lewis, Richard Gere und James Woods. Doch Van Sant überwarf sich wegen kreativer Differenzen mit dem Studio. Es dauerte sechzehn Jahre, bis Van Sant 2007 das Projekt wieder ins Auge fasste und in Dustin Lance Black’s Drehbuch eine geeignete Vorlage fand. Zur gleichen Zeit begann Regisseur Bryan Singer die Arbeit an einer Verfilmung von Oliver Stones ursprünglichem Drehbuch. Das Projekt verschwand aber im Zuge des Autorenstreiks in der Versenkung. Nun war für Van Sant der Weg endgültig frei, Milk zu realisieren. Er besetzte die Hauptrollen mit Sean Penn und Matt Damon, der auf Grund von Terminproblemen später durch Josh Brolin ersetzt wurde. Van Sant drehte fast ausschließlich an Originalschausplätzen. Eine Tatsache, die dem Film ein großes Stück Authentizität verleiht und seinen dokumentarischen Anspruch unterstreicht. Kameramann Harris Savides, der mit American Gangster oder Zodiac schon ein großes Gespür dafür bewies, die 60er und 70er Jahre lebendig auf die Kinoleinwand zu zaubern, gelingen außergewöhnlich schöne Fotografien, die einen ganz besonderen Zeitgeist einfangen. Diese Kulisse bildet Rahmen für ein extraordinäres Darstellerensemble, das im Verlaufe der Geschichte genügend Freiraum bekommt, seine ganze Stärke auszuspielen.

Allen voran Sean Penn als Dreh-/ und Angelpunkt des Films liefert seine wohl bis dato beste Karriereleistung ab und hätte zu Recht den Oscar gewonnen, wenn Mickey Rourke nicht gewesen wäre. Er porträtiert einen mutigen und sympathischen Mann, der für Zivilcourage und Toleranz kämpft, mal wunderbar ironisch, mal gefühlvoll mitreißend. Es sind eine erstaunliche physische Präsenz Penns, seine Mimik und seine Gestik, die eine ungeheure Faszination auf den Zuschauer ausüben. Hervorzuheben ist neben Penn aber auch Josh Brolin, der als Milks konservativen Amtskollegen Dan White seine derzeitige Position als Garant für beständig gute Leistungen unterstreicht. Es ist schon erstaunlich, wie Wandlungsfähig sich Brolin in seinen letzten Filmen gezeigt hat, vom durchgeknallten Doktor in Planet Terror über einen gewieften Polizisten in American Gangster bis hin zum ehemaligen US-Präsidenten Bush in W.. Er ist auf dem besten Weg, sich in die erste Garde Hollywoods zu spielen, und das ist dem sympathischen Mann gegönnt. Auch in der zweiten Reihe überzeugt Milk durch gute bis sehr gute Darstellerleistungen von Emile Hirsch, James Franco oder auch Alison Pill, die als lesbische Wahlkampfbetreuerin Milks die wohl coolste Performance des Films hinlegt.

Wenn man dem Film etwas vorwerfen will, dann sein unausgereiftes Drehbuch, das ungerechter Weise den Oscar einheimsen konnte. Zum Es gelingt ihm nicht, einen adäquaten Einstieg in den Film – und damit in die Hauptfigur zu vermitteln. Der Film startet mit dem 40. Geburtstag des Protagonisten und bläst bis zu dessen Entscheidung, politisch aktiv zu werden, den Schnelldurchlauf. Das familiäre Umfeld, seine gesellschaftliche Integration – das Buch verwehrt dem Zuschauer tiefere Einblicke in die Person Harvey Milk, kratzt lediglich an dessen wenn auch zugegeben faszinierender Oberfläche. Auch im weiteren Verlauf des Films bleibt das Gefühlsleben der Figuren außen vor. Doch Van Sant schafft es mit einer starken Regie, die Schwächen des Drehbuchs zu überspielen. Das Gespür für große Bilder, das Timing für intensive Szenen, für eine starke Symbolik: man bemerkt, dass Van Sant sehr viel an dem Projekt liegt und er jede Kameraeinstellung, jede Szene bis ins Detail geplant hat. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er dabei auf Klischees verzichtet und mit viel Witz und Ironie die gesellschaftliche Randgruppe im brisanten Kampf um Gleichberechtigung und Toleranz zeigt. Gerade die Vermischung der großartigen Bilder mit Archivmaterial und grobkörnigen, gar dokumentarisch anmutenden Szenen ist sehr gelungen und verstärkt die wichtige Intention des Films.

Mein Fazit:

Milk ist ein wichtiger Film. Ein Film, der für Freiheit, Toleranz und Gleichberechtigung von gesellschaftlichen Randgruppen kämpft und dem Vorreiter der amerikanischen Schwulenbewegung, den ersten demokratisch gewählten Stadtrat Harvey Milk, ein großes Denkmal setzt. Neben den schönen Bildern und dem wuchtigen Soundtrack von Danny Elfman überzeugt vor allem der Cast um Sean Penn, der innerhalb der zwei Stunden Laufzeit zu Hochform aufläuft. Und auch wenn das Drehbuch nicht frei von Schwächen ist, ist Milk wohl einer der wichtigsten Filme des Jahres mit einer eindeutigen, klaren und essentiellen Intention. Gerade in Zeiten von „Antrag 8“. (8/10)

★★★★★★★★☆☆

BLOGSPIEGEL

Symparanekronemoi: 8/10

From Beyond: 9/10

Marcus kleine Filmseite: 10/10

Kino, TV & Co.: 8/10

MoviezKult: 8/10

Durchschnittwertung: 8.6/10

The Wrestler

Filmkritik

Man kann ihn mögen oder nicht, doch eines ist sicher: Darren Aronofsky zählt zu den talentiertesten Regisseuren in Übersee. Ob sein audiovisuell hervorragendes Technik-Lehrstück Requiem For A Dream oder sein unterschätztes Meisterwerk The Fountain – Aronofsky inszeniert so ästhetisch wie sonst nur ein Park Chan-wook und schafft dabei den schwierigen Spagat zwischen ernstzunehmender Filmkunst und Prätention, ein gutes Drehbuch vorausgesetzt. Doch bei aller Anerkennung, die dem Ehemann von Rachel Weisz entgegenströmt: viel Geld spielen seine Filme nicht ein im Kino. Ein Film von Aronofsky ist immer ein finanzielles Risiko. Gerade nach dem Flop mit The Fountain, der bei geschätzten Produktionskosten von 35 Millionen Dollar in den Staaten nur etwa ein Drittel wieder einspielen konnte, war kein Produzent bereit, das Budget für einen Film mit Mickey Rourke in der Hauptrolle zu stemmen. So sprang Nicolas Cage ein, der freundlicherweise nach Beginn der Vorproduktion wieder Platz gemacht hat für Aronofskys ursprüngliche erste Wahl. Aronofsky wusste, dass Rourke immer ein potentielles Risiko für einen Film sein könne. Doch er riskierte es und machte alles richtig.

Denn Mickey Rourke spielt die Rolle seines Lebens als Randy „The Ram“ Robinson, einen ehemaligen Profi-Wrestler aus den Achtzigern, ein körperliches und seelisches Wrack, isoliert in einer Welt, die den alten Star schon längst vergessen hat. Für seinen Lebensunterhalt kämpft er noch immer in einer viertklassigen Liga, aufgeputscht von Steroiden, die seinen körperlichen Zerfall zumindest mittelfristig stoppen sollen. Randy ist ein Versager, zwar von den alten Fans immer noch verehrt, doch privat auf ganzer Linie gescheitert. Er lebt in einem Trailer Park in einer Gegend, in der man die Bewohner gelegentlich auch als white trash bezeichnet und hat zu seiner mittlerweile erwachsenen Tochter Stephanie (Evan Rachel Wood) keinen Kontakt mehr. Er ist ein gebrochener Mann, der ironischerweise nur noch durch seinen Sport am Leben erhalten wird. Denn sein Sport ist es auch, der für sein Leben die größte Bedrohung darstellt. Nach einem so genannten no disqualification match, also einem Kampf, bei dem alle Mittel von Glasscherben bis Stacheldraht erlaubt sind, erleidet Randy einen Herzinfarkt. Nur mit Glück überlebt er diesen und bekommt striktes Wrestling-Verbot von seinen Ärzten. In dieser Situation scheint Randy alles verloren zu haben, doch er versucht, seinem Leben einen neuen Sinn zu geben. Er verliebt sich in die Stripperin Cassidy (Marisa Tomei) und baut ganz behutsam den Kontakt zu seiner Tochter wieder auf. Doch irgendetwas fehlt in diesem Leben: das Wrestling. Randy muss deshalb die Entscheidung treffen, ob er entgegen aller Verbote wirklich zu einem Match gegen Ayatollah, seinen größten Widersacher aus den Achtzigern, antreten soll.

Zwischen dem Leben von Randy „The Ram“ Robinson und Mickey Rourke gibt es zahlreiche Parallelen. Beide waren gefeierte Stars, von den Fans und der Presse vergöttert. Doch vor allem kennen beide die Kehrseite der Medaille. Das Leben als gefallener Held, verspottet, gebrochen und nicht mehr wahr genommen. Nach fatalen Rollenentscheidungen von Rourke Anfang der Neunziger, der Angebote für Filme wie Rain Man oder Platoon ablehnte und dafür einen Flop nach den anderen drehte, war auch er auf dem Boden der Realität angekommen. Das Geld versoffen, den Ruhm verspielt. Rourke war ganz unten und startete deshalb eine Karriere als Profi-Boxer, die er aber nach nur acht Kämpfen vorzeitig beendete. Körperlich nahm ihn diese Phase seines Lebens zu sehr mit und so verschwand er gezeichnet von Brüchen und Narben im ganzen Gesicht von der Bildfläche. Erst Robert Rodriguez verhalf Rourke 2005 wieder zu einem Comeback mit einer Rolle in seiner Comic-Adaption Sin City. Aronofsky schließlich schliff den Rohdiamanten Rourke und verhalf ihm zu seiner besten Karriereleistung und zum, da brauchen wir uns wohl nichts vormachen, Oscar als Bester Hauptdarsteller. Und niemand hat den Oscar in diesem Jahr mehr verdient als Rourke, der in seiner Rolle aufgeht, der es genießt, dieser Figur seinen Stempel aufzudrücken, der physisch wie auch psychisch die Glanzpunkte des Filmes markiert. Rourke ist so stark wie noch nie – und wird in Anbetracht der Umstände wohl auch nie mehr so stark werden. Dabei sind es vor allem die kleinen und stillen Momente, die Rourke in einer Intensität herüberbringt, dass Gänsehaut garantiert ist. Schade nur, dass der Trailer schon recht viele Szenen gespoilert hat.

Aber auch neben dem großartigen Rourke lässt der Film einigen anderen Darstellern Zeit, ihr Talent abzurufen. Marisa Tomei spielt die Stripperin Cassidy, die im Verlauf der Geschichte behutsam eine Beziehung zu Randy entwickelt. Tomei setzt dabei vor allem in der ersten Hälfte des Films Akzente auf körperlicher Ebene, schafft es aber, trotz einer vergleichsweise geringen screentime, ein eindeutiges Charakterprofil zu erstellen. Sie ist im Kern eine verletzliche Person, eine junge Mutter, die um den Lebensunterhalt ihres Sohnes bemüht ist, eine Person, die sich unter der Maskerade der starken Stripperin versteckt. Sie hat mehr gemein mit Randy, als gedacht. Gerade deshalb verstehen sich die zwei von Anfang an, kann sich aus dem Verhältnis Kunde-Stripperin eine ernstere Beziehung entwickeln. Die zweite Frau in Randys Leben ist seine Tochter Stephanie. Stephanie hat mit ihrem Vater gebrochen, hat seine ewigen Eskapaden, seine ewigen Ausflüchte und seine ewigen Ausreden satt. Sie ist geflohen in eine eigene Welt und lebt zusammen mit ihrer Lebenspartnerin in einer feineren Wohngegend als ihr Vater. Gerade Randys erste Versuche der Kontaktaufnahme machen es ihr schwer, sie blockt ab, hat Angst vor einer erneuten Enttäuschung. Doch Randy gibt nicht auf und fleht um eine letzte Chance. Evan Rachel Wood ist ein den Punkt genau besetzt, man fühlt regelrecht das Knistern zwischen ihr und Mickey Rourke. Ihr Charakter ist ganz ähnlich dem von Marisa Tomei: verletzlich, gefühlvoll, geflüchtet unter eine harte und abweisende Oberfläche. Diese Beziehung hat Substanz. Umso ärgerlicher ist es da fast, dass Aronofsky sich nicht mehr Zeit für sie genommen hat. Er legt den Fokus klar auf Cassidy und spart so einige garantiert emotionale Szenen aus.

Aronofsky selbst ist glücklicherweise einem Reifungsprozess unterlaufen. The Wrestler ist sein erster Film, in dem nicht die virtuose Ästhetik seiner Bilder und der Musik von Clint Mansell im Vordergrund steht, sondern eine Geschichte. Er inszeniert seinen Film nicht mit extravaganten und manipulativen Schnitttechniken, sondern nimmt sich Zeit, Figuren und Charaktere fast dokumentarisch aufzubauen. Dafür wechselte er erstmals seinen Stammkameramann aus und ersetzte ihn durch Maryse Alberti, eine erfahrene Dokumentarfilmerin. Ein Wechsel, der sich bezahlt macht. Die Bilder, dominiert von Handkameras, vermitteln mit ihren ausgewaschenen Farben den Eindruck, als nehme der Zuschauer direkt Teil an Randys Leben. Sie sprühen eine Intensität aus, die den Film im ersten Moment für manche vielleicht gar nicht greifbar lassen lässt. Denn die Bilder vermitteln vordergründig eines: Hoffnungslosigkeit, Trostlosigkeit, das Gegenteil des amerikanischen Traums. Bei der offensiven Darstellung von Gewalt-/ und Sexszenen bleibt Aronofsky hingegen seiner Linie treu. Das no disqualification match zeigt er ohne Kompromisse, hält die Kamera da drauf, wo selbst schon manche Regisseure aus dem torture porn-Fach ausgeblendet hätten. Doch wie auch schon bei Requiem For A Dream dienen die exzessiven Darstellungen der Intention des Regisseurs, sind keineswegs sinnlos und deplatziert.

Mein Fazit:

Mit The Wrestler erreicht Darren Aronofsky eine neue Stufe auf seiner Karriereleiter. Seine visuellen Spielereien opfert er der ruhigen Entwicklung einer intensiven Geschichte, die von Mickey Rourke nicht nur getragen, sondern brilliert wird. Intensiv, schonungslos, melancholisch – The Wrestler will keine gute Laune verbreiten, sondern demaskiert auf seine Weise den amerikanischen Traum. Ein großartiger Film, und wichtiger: die Auferstehung eines gefallenen Helden. (9/10)

★★★★★★★★★☆

BLOGSPIEGEL

Symparanekronemoi: 8/10

Equilibrium: 10/10

MoviezKult: 9/10

Durchschnittwertung: 9/10

Glaubensfrage – Doubt

Filmkitik

doubt

Pädophilie und Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche. Ein brisantes Thema, welches nicht zuletzt auf Grund der publik gewordenen Skandale in den Vereinigten Staaten topaktuell ist. Dort spricht man von landesweit mindestens 10.000 Opfern von Übergriffen durch katholische Geistliche. Fast zwei Milliarden Dollar haben die Diözesen schon als Entschädigung gezahlt, um medienwirksame Prozesse zu verhindern. Doch der Ruf eilt der Kirche voraus. Ein vielfach preisgekröntes und gefeiertes Bühnenstück zu dieser heiklen Thematik lieferte 2004 der Regisseur und Autor John Patrick Shanley ab. Darin porträtiert er eine katholische Schule im Jahr 1964, die mit harter Hand von der Ordensschwester Aloysius Beauvier geführt wird. Ein Dorn im Auge ist ihr der junge liberale Pfarrer Brendan Flynn, der frischen Wind in die moralisch angestaubte Schule bringt.

Shanley selbst übernahm bei der Verfilmung seines Stückes die Regie. Eine Entscheidung, die sich in positiver wie auch negativer Weise auf den Film auswirkt. Niemand kennt die Geschichte besser als er, dementsprechend weiß Shanley genau, worauf er seinen Fokus legt. Es sind die Figuren, die Glaubensfrage so besonders machen, die Gegensätze, der Konflikt zweier schier gänzlich verschiedener Generationen. Shanley steckt am Anfang des Films die Grenzen zwischen den Charakteren genau ab, manipuliert den Zuschauer gar mit einer offensichtlichen Schwarz-Weiß-Malerei. Auf der einen Seite steht die erzkonservative und strenge Schwester Aloysius (Meryl Streep), die nicht nur ihren Schülern mit allen Mitteln Zucht, Disziplin und Ordnung einflößt, sondern genau eben diese konsequent in ihrem Orden durchsetzt. Sie steht für das alte System, das Amerika vor den großen gesellschaftlichen Umbrüchen der späten 60er Jahre und für die Kirche vor dem richtungweisenden Zweiten Vatikanischen Konzil. Ihr gegenüber steht der junge Pfarrer Brendan Flynn (Philip Seymour Hoffman), ein Freigeist, der trotz seines Berufes sein Leben abseits der Kirche genießt. Für ihn zählen keine Hautfarbe oder Herkunft, er behandelt alle gleich, gutmütig und gerecht. Umso erschreckender ist es für den Zuschauer, als Schwester James (Amy Adams), eine unerfahrene, aber gutmütige Frau, Indizien für einen möglichen Missbrauch des farbigen Jungen Donald Miller durch Pfarrer Flynn findet. Als Schwester Aloysius von den Befürchtungen erfährt, sieht sie ihre Chance gekommen, den von ihr so verhassten Pfarrer den Garaus zu machen. Sie konfrontiert ihn in ihrem Büro, doch er hat nur fadenscheinige Erklärungen zu bieten. Hier kommen dem Zuschauer erste Zweifel (Doubt, englischer Originaltitel), ob Flynn nicht doch vielleicht etwas mit einem Missbrauch zu tun haben könnte. Doch im weiteren Verlauf des Films gelingt es Shanley immer wieder, durch geschickt gesetzte Wendungen und Ereignisse, wie zum Beispiel einer beherzten Predigt des Pfarrers mit einer Parabel auf das Streuen falscher Tatsachen, mit den Gedanken der Zuschauer zu spielen. Es ist ein stetes Auf und Ab und es sind die Zweifel, die den Zuschauer noch weit nach Ende des Films beschäftigen. Mit einfachen Mitteln gelingt Shanley so eine Berg-und-Talfahrt der Gefühle, Kino mit Anspruch und Verstand. Doch vor allem inszenatorisch merkt man dem Film seine fehlende Kinoerfahrung an. Shanley experimentiert zwar viel, zum Beispiel mit außergewöhnlichen Kameraperspektiven aus der Schräge, doch Glaubensfrage ähnelt mehr einem Kammerspiel denn einer Kinoproduktion. Dies fällt auf Grund der starken schauspielerischen Leistungen zwar kaum ins Gewicht, doch ein wenig mehr Offenheit in manchen Szenen hätte dem Film nicht geschadet.

Es sind sowieso die Schauspieler, der Glaubensfrage zu einem einzigartigen Erlebnis machen. Allen voran Philip Seymour Hoffman, der in den letzten zwei Jahren bei seiner Rollenauswahl nicht einen Fehler gemacht hat. Hoffman geht förmlich auf in der Rolle des sympathischen Pfarrers, entdeckt im Spiel mit den Kindern sogar eine juvenile Seite und passt von seiner ganzen Person her sowieso als Kleriker. Die größten Momente im Film, in denen er sein schauspielerisches Können am meisten offenbaren kann, sind die Auseinandersetzungen mit Schwester Aloysius. Der Zuschauer fühlt in diesen Szenen förmlich den Hass der beiden Charaktere aufeinander, den eisigen Wind, der sinnbildlich durch die Schule bläst. Ein bisschen enttäuschend ist Meryl Streep, die ihre Rolle zwar gut und routiniert herunterspielt (und eine gute Meryl Streep ist immer noch besser als die meisten weiblichen Kolleginnen), doch ein facettenreicheres mimisches Spiel vermissen lässt. Viel besser macht es da Amy Adams, die den neutralen Ruhepol der Geschichte darstellt. Ihr Spiel ist zurückhaltend, aber eindringlich. Die Rolle der naiven Schwester James, die zwischen ihrer Mutter Oberin und dem Pfarrer hin und hergerissen ist, interpretiert sie stark und glaubwürdig.

Mein Fazit:

Glaubensfrage ist Schauspielerkino par excellence, ein starker Film und ein wichtiger dazu. Regisseur und Autor Shanley präsentiert verzichtet auf jeglichen inszenatorischen Schnickschnack und legt den Fokus auf die brodelnde Figurenkonstellation. Mit einem starken Drehbuch im Rücken laufen die Hauptdarsteller, allen voran Philip Seymour Hoffman, in Hochform auf und sorgen so dafür, dass die Geschichte auch noch lange nach Ende des Films nachwirkt. Shanley hält die wichtigste Frage des Films offen, so dass der Zuschauer gezwungen wird, eine eigene finale Wertung vorzunehmen. Eines steht zweifelsfrei fest: Glaubensfrage dürfte einer der interessantesten Filme des Jahres werden. (8/10)

★★★★★★★★☆☆

BLOGSPIEGEL

Symparanekronemoi: 7.5/10

Marcus kleine Filmseite: 7.5/10

MoviezKult: 8/10

Durchschnittwertung: 7.7/10

Der Seltsame Fall Des Benjamin Button

Filmkritik

Die Idee des amerikanischen Schriftstellers F. Scott Fitzgerald aus dem Jahr 1922, die Geschichte eines Mannes zu erzählen, der als Greis geboren wird und rückwärts altert, ist geradezu prädestiniert für eine filmische Umsetzung. Umso gespannter waren Cineasten auf aller Welt, als David Fincher, seines Zeichens einer der talentiertesten Filmemacher der Gegenwart, auf dem Regiestuhl für Der Seltsame Fall Des Benjamin Button Platz nahm und die Hauptrollen mit seinem Busenfreund Brad Pitt und den Oscargewinnerinnen Cate Blanchett sowie Tilda Swinton besetzte. Beste Voraussetzungen also für einen großen Film. Trotzdem blieb das verhoffte Meisterwerk aus. Schlimmer noch, die ganze Inszenierung riecht nach einem Bewerbungsvideo für die Academy. Auf formaler Ebene ist Der Seltsame Fall Des Benjamin Button zwar state of art, aber inhaltlich wirkt der Film wie ein krampfhaft aus allen möglichen Bereichen zusammengeschustertes Epos.

Dabei zieht der Film in der ersten Stunde aus der originellen Story alle Register und zeigt, was mit einem besseren Drehbuch eigentlich alles möglich gewesen wäre. Benjamin (Brad Pitt) wächst bei seiner Ziehmutter, der Altenpflegerin Queenie (Taraji P. Henson) in einem Seniorenstift auf. Hier ist er zwar isoliert von Gleichaltrigen, doch mit seinen körperlichen Gebrechen ist er ein vollwertig akzeptiertes Mitglied in der Gemeinschaft der Alten. Benjamin, geistig entwickelt wie ein Kind, zieht es jedoch nach draußen zu den Kindern, die ihre Freizeit vor dem Haus mit Ballspielen genießen. Umso mehr genießt er das erste Zusammentreffen mit der jungen Daisy (Elle Fanning), die ihn in eine scheinbar ungreifbare Welt entführt. Die Beziehung der beiden findet ein jähes Ende, als Daisys Großmutter, die bei dem scheinbar greisen Benjamin pädophile Interessen befürchtet, jeden Kontakt unterbindet. In diesen Situationen, den kleinen, aber intensiven Momenten schöpft der Film aus den Vollen, ist mal hoch dramatisch, mal traurig, mal lustig. Es ist die Vielfalt, die die erste Stunde so stark macht. Benjamin beim Wachsen zuzusehen, bei den kleinen Erfolgen und Misserfolgen oder bei der ersten Volltrunkenheit ist Kinomagie pur.

Einen großen Anteil daran haben die erstklassigen Effekte, die virtuos fotografierten Bilder und der großartige Soundtrack von Alexandre Desplat. Auf der technischen Seite funktioniert der Film wunderbar, jedes Detail ist aufeinander abgestimmt und fügt sich wie ein Puzzlestück ein in ein außergewöhnliches audiovisuelles Erlebnis. Ob wunderschöne Kamerafahrten, die rückwärts ablaufende Kriegsszene oder die Alterungseffekte – audiovisuell dürfte Der Seltsame Fall Des Benjamin Button eines der Highlights des Jahres werden. Doch Fincher versäumt es im weiteren Verlauf des Films, die optischen und akustischen Sahnestückchen mit hochwertigem Inhalt zu füllen. Schon bei Benjamins ersten Job als Matrose baut die Geschichte stark ab, dümpelt auf einem niedrigen Niveau und hat wenig Neues zu bieten. Auch die Affäre Benjamins mit der verheirateten Elizabeth Abbott (Tilda Swinton) bringt kaum Abwechslung. Vielmehr bleibt ihre Figur blass und unbedeutend – wie so viele im weiteren Verlauf der Geschichte eingeführte Charaktere, die zum großen Teil als Lückenfüller für die drei Stunden Laufzeit herhalten müssen. War Der Seltsame Fall Des Benjamin Button am Anfang noch erfrischend vielseitig, herrschen nun Eintönigkeit und Langeweile. Auch die Figur Benjamin Button baut ab dieser Phase des Films nach und nach ab, erreicht sie doch körperlich wie auch geistig das gleiche Alter und verliert so den Reiz der Einzigartigkeit. Spätestens die leidvolle und bis ins unermessliche ausgelutschte Liebesgeschichte, die in einem durch und durch peinlichen Ende gipfelt, zieht dem Film letztlich den Boden unter den Füßen weg. Der geneigte Mainstreamliebhaber wird daran vielleicht Gefallen finden, doch eingefleischte Fincher-Fans schreckt dies in Anbetracht der Ambivalenz zu seiner bisherigen Filmografie ab.

Auch schauspielerisch hat Der Seltsame Fall Des Benjamin Button eindeutige Defizite. Brad Pitts Leistung ist parallel zum Storyverlauf im ersten Drittel des Films oscarreif, danach baut er nach und nach ab. Welchen Spaß macht es, Pitt beim Spiel als alter Mann zuzusehen. Er verleiht seinem Charakter einen großen Hauch Sympathie mit einer enormen Spielfreude und Aktivität. Seine Mimik und Gestik sind der eines alten Mannes angepasst, doch mit seinen Augen erzeugt Pitt stets Momente juveniler Freude. Umso trauriger, dass Pitt den aufkeimenden Drehbuchschwächen kein nuancierteres Spiel mehr dagegenzusetzen hat. Nach und nach wirkt er blasser, sein Elan scheint in den letzten zwei Stunden völlig verloren gegangen zu sein. Auch Cate Blanchett vermag keine großen Akzente zu setzen. Mit ihrer natürlichen Kälte passt sie nicht hinein in ihre Rolle und die Chemie zwischen ihr und Pitt funktioniert anders als in Babel gar nicht. Tilda Swinton spielt gewohnt groß auf, doch ihre wenigen Minuten Screentime sind in Anbetracht der Größe des Projekts fast gar nicht erwähnenswert. Die beste Leistung liefert sicherlich Taraji P. Henson ab, die schon in Hustle & Flow die größten Akzente neben Terrence Howard gesetzt hat und nun zu Recht für einen Oscar nominiert wurde.

Mein Fazit

Der Seltsame Fall Des Benjamin Button spaltet das Filmherz. Auf der einen Seite, der technischen, ist der Film schlichtweg brillant und haut einen wegen seiner virtuosen Audiovisualität vom Hocker. Auf der inhaltlichen Seite, der wichtigeren von beiden, herrscht nach einer fulminanten ersten Stunde Eintönigkeit und Langeweile. Zu konstruiert wirkt die Geschichte, zu aufpoliert und zu aufgesetzt, um Fincher nicht eindeutige Absichten hinsichtlich der Award-Saison unterstellen zu wollen. Auch die Schauspieler können dem Film keinen Stempel mehr aufdrücken, sodass man dem Ende des fast dreistündigen Dramas mit jeder abgelaufenen Minute mehr entgegenfiebert. (4/10)

★★★★☆☆☆☆☆☆

BLOGSPIEGEL

Symparanekronemoi: 7,5/10

From Beyond: 3/10

Marcus Kleine Filmseite: 7,5/10

Intermoviession: 4/10

MoviezKult: 4/10

Durchschnittwertung: 5,2/10

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