Gran Torino
Filmkritik

Es ist unfassbar, welches Arbeitspensum Clint Eastwood mit seinen fast 80 Jahren an den Tag legt. Bei neun Filmen saß er in den letzten zehn Jahren auf dem Regiestuhl. Filme, die bei sage und schreibe 23 Nominierungen sieben Oscars gewinnen konnten. Eastwood befindet sich auf dem Höhepunkt seiner 50-jährigen Karriere. Doch an aufhören denkt er nicht. Zumindest als Regisseur wird uns der knurrige Kalifornier erhalten bleiben. The Human Factor, eine Biopic über Nelson Mandela mit Morgan Freeman in der Hauptrolle, soll noch in diesem Jahr erscheinen – und auch dieses Projekt riecht wieder nach Erfolg. Als Darsteller jedoch zieht sich Eastwood offiziell mit seinem neusten Film, der Dramödie Gran Torino zurück. Ein großer Verlust für Hollywood, versprüht Eastwood doch in den kleinsten Szenen mehr Charisma als jeder seiner jungen Kollegen in einem ganzen Film zusammen. Der Abgang sei ihm jedoch gegönnt, ihm, der uns große Filme wie Für Ein Paar Dollar Mehr, Zwei Glorreiche Halunken oder Dirty Harry beschert hat. Während er mit seinem Spätwestern Erbarmungslos 1992 den Mythos seiner Rollen in den beiden Erstgenannten erfolgreich demaskiert hat, holt Eastwood jetzt noch einmal aus, kreiert mit Gran Torino einen Abgesang auf die Figur Harry Callahan und setzt sich damit ein filmisches Denkmal, welches seine lange schauspielerische Karriere abrundet und ein ebenbürtiges Ende einer großartigen Filmografie markiert.
Eastwood spielt den Koreakriegsveteran Walt Kowalski, einen mürrischen alten Mann mit angestaubten Moralvorstellungen, eine letzte Bastion gegen das Amerika, das sich zwischen selbst aufbrühen und Starbucks, zwischen Country und Rap, zwischen Alteingesessenen und Latino-Gangs in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Er ist ein Zyniker, ein Rassist, der mit seiner strengen Art nicht nur seine beiden erwachsenen Söhne auf Distanz gehalten, sondern sich selbst in gewisser Weise isoliert hat. Nun steht er am Sarg seiner geliebten Frau, einer Person, die wir als Zuschauer nicht kennen lernen, von der wir aber anhand Walts Verhalten erkennen, dass sie eine der wenigen, wenn nicht vielleicht sogar der einzige Mensch war, der Walt verstanden hat. Weinen tut er nicht am Sarg, das würde nicht zu ihm passen. Vielmehr drückt sich selbst bei der Beerdigung sein Hass auf das neue Amerika aus, wenn seine Enkeltochter bauchfrei in der Kirche erscheint und auch so sowieso nichts mehr ist wie es einmal war. Es ist eine Welt, in die der alte Mann anscheinend nicht mehr hineinpasst. Als zu allem Überfluss auch noch ein asiatischer Clan in sein Nachbarhaus zieht und Thao (Bee Vang), der Sohn der Famlie als Mutprobe seinen heißgeliebten 1972er Ford Gran Torino stehlen will, sieht Walt seine Vorurteile bestätigt. Doch als er Thao mehr oder weniger unfreiwillig vor einer Gang rettet und so zum Held der Nachbarschaft wird, taut er mit großem Widerwillen und einer großen Portion kühler Zurückhaltung nach und nach auf. Grund dafür ist Sue (Ahney Her), Thaos Schwester, die einen besonderen Draht zu ihm findet.
Er ist eine hoch ambivalente Figur, dieser Walt Kowalski. Auf der einen Seite hart, zynisch, nachhaltig geprägt vom Krieg in Korea. Auf der anderen Seite gerecht, verständnisvoll, gar warm. Doch diese zweite Seite haben nur sehr wenige Menschen jemals kennen gelernt. Selbst Walts Söhne, die sich schon früh von ihren Vater distanziert und ein kühles Verhältnis zum ihm haben, kennen nur der mürrischen Mann, der mit einem stechenden Blick jede Situation prüft und gegebenenfalls ohne Rücksicht kommentiert. Er ist ein Mann der alten Schule, ein Mann, der seinen Frisör als „Spaghetti-Fresser“ betitelt und dessen Preise mit den Worten „halber Jude“ abstraft. Ein Mann, der sich all die „Bimbos“, „Schlitzaugen“ und „Sumpfratten“ in den Dschungel zurückwünscht – und nicht ins seine Nachbarschaft. Ein Mann, der seinen Sohn dafür hasst, dass er ein „Japsen-Auto“ fährt, und kein amerikanisches Original. Ein Mann, den der Krieg verändert hat. An Gott glaubt er schon lange nicht mehr, sieht die Kirche und den jungen Pfarrer als Rattenfänger, immer auf der Suche nach schwachen Gliedern, die anfällig sind für den Aberglauben. Er ist ein pessimistischer Mensch, ein Mensch, der das Lachen verlernt zu scheinen hat.
Walt Kowalski ist quasi ein Abziehbild Eastwoods bisheriger Figuren. Ein bisschen Harry Callahan, ein bisschen namenloser Revolverheld. Figuren, die durch Selbstjustiz, Mord und Totschlag zu weltweitem Ruhm gekommen sind. Sie haben Eastwood groß gemacht, haben ihn geprägt, ihm ein Image gegeben. Und nun räumt er ein letztes Mal auf mit ihnen, ihrem Mythos, ihrem Reiz. In einer stark symbolischen Szene vor dem messianischen Finale geht Walt zur Beichte. Er will seinen Frieden finden, noch einmal alle Schuld offenbaren. Genau so wie Eastwood mit Gran Torino seinen Frieden finden wird. Der ganze Film ist seine persönliche Beichte, sein Eingeständnis. In der zweiten Hälfte des Films wird Walt bekehrt zum Guten, sieht seine Vorurteile wanken, taucht ein in eine fremde Kultur und nimmt sich seiner Nachbarn an. Es ist ein Verlauf, so untypisch für die alten Figuren von Eastwood. Es ist, als wolle Eastwood zum Abschluss seiner Karriere noch einmal diese Seite von ihm zeigen. Eine Seite, die in den letzten 50 Jahren kaum Beachtung fand. Umso radikaler ist dann das Ende, mit dem sich Walt endgültig rein wäscht. Und Eastwood unbekümmert abtreten kann.
Die Inszenierung von Gran Torino ähnelt eher der von The Wrestler als denen seiner letzten Filme. Eastwood beschränkt sich auf einen schlichten Stil, auf einfache, aber wirkungsvolle Bilder, verzichtet auf jeglichen Schnickschnack, um die Hauptfigur fast dokumentarisch in vollen Zügen in den Mittelpunkt zu stellen. Und diese lebt und stirbt mit Clint Eastwoods Performance. Der alte, knurrige und mürrische Mann, der einen zynischen Kommentar nach dem anderen vom Stapel lässt – Eastwood verschmilzt mit der Rolle des Walt Kowalski, spielt den Protagonisten gekonnt mit einer Leichtigkeit und Authentizität, wie nur er es vermag. Auch die restliche Cast, bestehend aus einer Reihe mehr oderweniger unbekannten Darstellern, ist perfekt besetzt. Gran Torino ist ein kleiner schöner Genrefilm, ein Film, den man ganz klar in Eastwoods Karriere einordnen und ihn im Kontext seines bisherigen Schaffens betrachten muss. Denn gerade die finale Konsequenz, die Reinwaschung eines Images, macht ihn zu etwas ganz besonderen. (8.5/10)










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Durchschnittwertung: 7.9/10
7 Comments




Außer einem “gut geschrieben” bleibt mir an dieser Stelle nichts zu sagen.
Keinen Widerspruch von meiner Seite.
Also der ist wirklich sehr beeindruckend. Ich finde es sehr gut das sich Clint Eastwoods noch nicht zu ruhe gesetzt hat. Das Ende hab ich mir zwar anders vorgestellt aber was will man machen trotzdem sehr guter Fim
@C.H.: Danke
@Doreen: Gerade das Ende ist doch das starke an der Sache. Diese Konsequenz, die letztlich das einzig richtige ist.
Hm… mich erinnerte die Inszenierung schon sehr an die anderen Eastwoods. Wäre auch irgendwie seltsam, wenn nicht. Ist ja ein Auteur.
Grad die ständigen Totalen waren sehr MILLION DOLLAR BABY-esk.