Der Vorleser
Filmkritik

Ein Film, der die deutschen Medien so polarisiert, kann eigentlich nur unsere Zeitgeschichte thematisieren. Da wird geredet von einer „Geschichte für das gute Gewissen“ (From Beyond), von „Nazi-Porno und Revensionismus“ (artechock) oder von „emotionalen Missbrauch“ (Süddeutsche Zeitung). Stephen Daldry’s Adaption des Weltbestsellers von Bernhard Schlink beschönige die Verbrechen der Nazis, rücke Täter in ein viel zu gutes Licht und hinterfrage keinerlei Gründe und Intentionen für den systematischen Massenmord an sechs Millionen Menschen. Ohne das Buch jemals gelesen zu haben, unterschreiben könnte man diese Thesen sofort, wenn das Buch respektive der Film überhaupt den Anspruch erheben würden, eine gesamtdeutsche Aufarbeitung der Geschichte zu bieten. Das tun sie aber auf gar keinen Fall. Vielmehr behandelt Der Vorleser ein Einzelschicksaal, das sich gar nicht auf den Makrokosmos Deutschland übertragen lässt. Eine außergewöhnliche Liebesgeschichte in der Nachkriegszeit, die ein abruptes und überraschendes Ende findet in der Schande eines Volkes, in einem Meer aus Lügen und der Angst vor der Aufbereitung der Schuld jedes eigenen. Diese Geschichte rückt keine Täter in ein schlechtes Licht, sondern demaskiert das Dilemma einer ganzen Generation, das nur von einer Frage geprägt ist und prekärerweise nie eine vollständige Antwort auf sie erhalten wird.
Ende der 50er Jahre in einer fiktiven deutschen Stadt. Der 15-jährige Michael Berg (David Kross), erkrankt an Gelbsucht, erleidet auf dem Schulweg einen Schwächeanfall. Eine ältere Frau (Kate Winslet) findet den Jungen, hilft ihm und bringt ihn nach Hause. Nach Monaten, die Gelbsucht ist inzwischen geheilt, sucht Michael die Frau mit einem Dankeschönsgeschenk auf. Nach anfänglicher Scheu beginnen die beiden eine Affäre. Nahezu jeden Tag treffen sie sich und haben dabei ein festes Ritual: erst muss Michael ihr aus Büchern vorlesen, danach haben sie Geschlechtsverkehr. Ihre Beziehung ist auf magische Art und Weise gleichzeitig intensiv, doch auch geprägt von Geheimnissen. So verrät sie zum Beispiel Michael auch auf Nachfrage nie ihren Namen. Eines Tages jedoch ist seine Geliebte verschwunden. Weg, nicht mehr auffindbar, ob in ihrer Wohnung oder ihrem Arbeitsplatz. Jahre später, Michael studiert mittlerweile Jura, kreuzen sich ihre Wege auf tragische Weise. Zusammen mit seiner Seminargruppe besucht er einen Kriegsverbrecher-Prozess, bei dem Hanna Schmitz, seine ehemalige Affäre, eine der Hauptangeklagten ist. Und sie trägt ein Geheimnis in sich, das nur Michael kennt.
Erzählt wird Der Vorleser unchronologisch in Rückblenden, die Rahmenhandlung bildet dabei Michael Berg (Ralph Fiennes), der quasi als Ich-Erzähler im Berlin der 90er Jahre auf den Pfaden seiner Geschichte wandelt. Durch diesen konsequenten Schnitt auf zwei beziehungsweise drei Zeitebenen entwickelt der Film schon von Anfang an eine große Portion Intensität, macht er doch den Stoff greifbarer, weil menschlicher für den Zuschauer. Michael wird eine Art Identifikationsfigur, der treibende Pol, an den sich der Zuschauer bis zum Ende stets zu halten hat. Dadurch enthält der Film auch Anleihen einer coming of age-Geschichte, denn der Zuschauer erlebt die Reifung, das Erwachsenwerden einer Figur innerhalb von 30 Jahren. Am Anfang ist Michael ein unsicherer Typ, ein Junge, der es sichtlich genießt, erste Erfahrungen im Schoße einer attraktiven älteren Frau zu sammeln. Der erste Sex, das erste verliebt sein – Michael macht Erfahrungen, eher als die meisten seiner Altergenossen, und vor allem intensiver. Dies lässt ihn auch eher reifen, er wird selbstbewusster, aber auch verletzlicher. Denn als seine Geliebte fort ist, bricht für den Teenager eine Welt zusammen. Acht Jahre später dann, als Student, bricht diese für ihn erneut zusammen. Michael überkommt eine innere Leere, ein Gefühl der totalen Entfremdung und auch ein Gefühl der Schuld. Das Unvermögen, Hannas entlastenden Hinweis vorzutragen, belastet ihn sehr. Er zieht sich zurück, wird nachdenklich, hat Angst vor jeglicher Bindung, die ihn verletzen könnte. So scheitert dann in den 70ern eine kurze Ehe und er beginnt, Kontakt mit Hanna über Kassetten aufzunehmen, auf denen er ihr aus Romanen vorliest. Es beginnt eine Phase der Selbstreflexion und Selbstheilung, die auch in den 90ern noch nicht abgeschlossen ist. Michael ist da immer noch ein gebrochener Mensch, wehleidig, moralisch desillusioniert. Die Geschichte hat ihn geprägt, nachhaltig. Doch er nimmt es mit der Geschichte auf und befindet sich am Ende des Films an einer Art Höhepunkt seiner Konfliktbewältigung.
Technisch ist der Film brillant, wie man es von Regisseur Stephen Daldry gewohnt ist. In rauen Farbtönen fängt er die Fotografien ein, ausgewaschen, passend zur Erzählstruktur des Films. Man sieht die Geschichte durch Michaels Augen, wehleidig und trostlos. Und genau dies spiegelt sich in den Bildern wieder. Untermalt werden diese durch einen wunderschönen Score von Nico Muhly, der das Gefühlsleben der Protagonisten wunderbar unterstreicht. Das Glanzstück des Films sind aber seine Darsteller. Kate Winslet gewann vergangenen Sonntag für ihre Rolle als Hanna Schmitz den verdienten Oscar, zeigt sie doch eine Frau, die gleichzeitig besessen ist von Ordnung, Regelmäßigkeit und Fleiß, aber auch ein tiefes Geheimnis ins sich birgt. Sie überzeugt nicht nur durch einen enormen physischen Einsatz, sondern durch eine intensive Darstellung einer gebrochenen Frau, die Schuld auf sich genommen hat und freiwillig Schuld auf sich nimmt. David Kross, der für seine Rolle erst Englisch lernen musste, brauch sich da gar nicht vor der grandiosen Winslet verstecken. Sicherlich gelingt ihm die ein oder andere Szenen nicht so perfekt, wie man es von einem erfahreneren Kollegen erwartet hätte, doch er schafft eines: die inneren Zerwürfnisse seiner Figur glaubhaft darzustellen. Kross hat Talent und bietet sich mit seiner Performance für weitere (Groß)Projekte an. Ralph Fiennes als dritter Hauptdarsteller reiht sich da perfekt ein. Er skizziert einen melancholischen Mann, gebrochen durch die eigene Geschichte, mit einer wehleidigen Miene, die zwar an manchen Stellen arg aufgesetzt wirkt, doch seine Wirkung auf den Zuschauer nicht verfehlt. Die zweite Reihe der Darsteller ist nahezu ausschließlich mit deutschen Schauspielern besetzt. Ob die wunderbare Hannah Herzsprung als Michaels Tochter, Karoline Herfurth als Kommilitonin, Bruno Ganz als Professor oder Burghart Klaußner als Richter: alle Akteure setzen der Größe ihrer Rolle entsprechend Akzente, lediglich Alexandra Maria Lara als ehemaliger KZ-Häftling ist total falsch besetzt.
Um abschließend noch einmal auf die Eingangsgedanken zu sprechen zu kommen: Der Vorleser hat gar nicht den Anspruch, eine gesamtdeutsche Geschichte zu erzählen. Hier geht es um ein Einzelschicksal, das sich in keinster Weise auf den Makrokosmos übertragen lässt. Der Film romantisiert keine Naziverbrechen und rückt auch keine Täter in ein rechtes Licht. Im Stillen setzt er sogar kleine Akzente, wenn zum Beispiel in den Szenen im Gericht die Mitangeklagten, allesamt negativ dargestellt, sich in größter Perversion zusammenrotten und gegen Hanna verschwören. Sie tun alles dafür, um glimpflich aus der Situation herauszukommen, um die Schlinge um ihre Halse zu lösen. Ein Sinnbild für ein Deutschland nach dem Krieg. Niemand hat etwas getan, niemand hat von etwas gewusst. Ein Aufarbeitungsprozess hat zum damaligen Zeitpunkt noch nicht stattgefunden. Vielmehr war das Volk mit sich im Reinen, wenn es kollektiv ein paar Schuldige gefunden hatte, auf die es alles abladen konnte. „Nazi“ schreien sie erbost und erzürnt im Gerichtssaal zu Hanna. Und Hanna ist in gewisser Weise zu schwach und zu feige, ihre entlastenden Beweise zu offenbaren. Sie nahm Schuld auf sich und nimmt freiwillig noch mehr Schuld auf sich. Für einen Preis, den niemand nachvollziehen kann. Sicherlich deshalb ist die Geschichte, vor allem bei uns in Deutschland, so umstritten. (8/10)










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