Der Fremde Sohn – Changeling
Filmkritik

Clint Eastwood gehört trotz oder gerade wegen seines fortgeschrittenen Alters zu den produktivsten und erfolgreichsten Filmemachern, die Hollywood zurzeit zu bieten hat. Neun Filme in den letzten zehn Jahren und zwei Oscars bei sieben Nominierungen sprechen für sich. Eastwood ist „in“, denn trotz seiner von vielen Seiten stets kritisierten konservativen Werteinstellung tragen seine Filme noch eine Botschaft in die Welt – und das ist eine Rarität im spaß-/ und erfolgsorientierten Hollywood. Ob das eindeutige Plädoyer für die Sterbehilfe in Million Dollar Baby oder die Entlarvung des amerikanischen Heldenmythos’ in Flags Of Our Fathers, Eastwood überrascht nicht nur mit liberalem Gedankengut, sondern übertrifft sich inhaltlich wie auch künstlerisch in jedem Film selbst. Für sein neuestes Werk, dem Drama Der Fremde Sohn, hat sich Eastwood mit yellow press-Liebling Angelina Jolie zusammengetan. Eine gewagte Konstellation, die sich auf Grund der wohl schauspielerisch besten Karriereleistung von Jolie voll und ganz ausgezahlt hat.
Los Angeles, 1928. Als die alleinerziehende Mutter Christine Collins (Angelina Jolie) von der Arbeit kommt, ist ihr Sohn Walter (Gattlin Griffith) spurlos verschwunden. Nach anfänglichen Misserfolgen teilt ihr die Polizei fünf Monate später mit, dass man ihren Sohn in Illinois aufgespürt habe. Eine vor zahlreichen Pressevertretern inszenierte Übergabe soll der von Korruption stark gebeutelten LAPD neuen Aufwind verschaffen. Doch Christine ist sich sicher, dass der Junge nicht ihr Sohn ist. Auf Anraten von Captain J.J. Jones (Jeffrey Donovan), der ihr einredet, dass sich das Kind in Monaten der Gefangenschaft stark verändert habe, nimmt sie den Jungen mit nach Hause. Doch dort wachsen ihre Zweifel und sie versucht, eine Wiederaufnahme der Ermittlungen zu erwirken. Als sie damit bei der Polizei auf taube Ohren stößt und in die Öffentlichkeit geht, weist sie der Captain vorsorglich in eine psychiatrische Anstalt ein.
Clint Eastwoods Film basiert auf einer wahren Geschichte. Ende der 20er Jahre erschütterten Amerika die sogenannten „Wineville Chicken Murders“. Der wegen illegalem Aufenthalt in den USA festgenommene Kanadier Sanford Clark erklärte der Polizei, dass er von seinem Onkel Gordon Northcott und dessen Mutter missbraucht wurden war und dass diese ihn gezwungen hatten, kleine Jungen in den Städten zu entführen, diese in umfunktionierte Hühnerkäfige zu sperren und dann zu töten. Auf der Ranch der Northcotts fand die Polizei wenig später zahlreiche verstückelte Kinderleichen. Ob einer der Toten der kleine Walter Collins war, konnte nie geklärt werden. Fakt ist, dass die Täter eine Entführung des Jungen bestätigten. Fakt ist aber auch, dass einigen Kindern die Flucht von der Ranch gelang.
Ein Glück, dass der für Der Fremde Sohn eigentlich vorgesehene Regisseur Ron Howard (Sakrileg – The Da Vinci Code) wegen dessen Arbeiten an Frost/Nixon 2007 von dem Projekt abgesprungen ist. Denn der Stoff ist wie geschaffen für Clint Eastwood, der mit seiner Regiearbeit eine neue Stufe in seiner beachtlichen Karriereleiter erreicht. Er dringt ein in die Welt der späten 20er und frühen 30er, taucht die Bilder in von ausgewaschenen Erdtönen beherrschende Farben, die die düstere und schier aussichtslose Grundstimmung des Films malerisch unterstreichen. Das bis ins kleinste Detail ausgefeilte Set-/ und Kostümdesign setzt dem die Krone auf. Eastwood lässt sich Zeit mit seiner Inszenierung, fängt 140 Minuten lang außergewöhnliche und ausdrucksstarke Bilder ein und gibt allen voran Angelina Jolie genug Spielraum, ihren Charakter behutsam und facettenreich aufzubauen. Auf die Spitze treibt er seine Zusammenarbeit mit Kameramann Tom Stern, die in ihrem nunmehr fünften gemeinsamen Spielfilm perfekt aufeinander abgestimmt scheint. Jede Kameraeinstellung ist virtuos gewählt, jedes Bild fügt sich exzellent in ein Gesamtkunstwerk, jeder Schnitt perfekt. Cinematografisch ist Der Fremde Sohn definitiv einer der besten Filme der letzten Jahre.
Mit der Besetzung Angelina Jolies als verzweifelte Mutter hat Clint Eastwood alles richtig gemacht. Entgegen aller Befürchtungen, die Schauspielerin sei einer ernsten Hauptrollen dieses Ausmaßes nicht gewachsen, liefert diese eine darstellerische Glanzleistung ab, die den Höhepunkt ihrer bisherigen Kinolaufbahn markiert. Das Drehbuch gibt Jolie genügend Spielraum, die volle Bandbreite ihres Könnens abzuliefern. Ob als liebevolle Mutter am Anfang des Films, ob als sich gegen staatliche Institutionen auflehnende Frau im Mittelteil oder ob als trauernde Zeugin in zwei Prozessen am Ende, Jolie hat in Der Fremde Sohn viele Gesichter, und diese sind auf Grund des intensiven, jedoch nie aufdringlichen und ins over acting abgleitenden Spiels glaubwürdig und fassbar. Vor allem die Szenen in der psychiatrischen Anstalt, in denen Jolie eigentlich nur versagen konnte, hat sie eindringlich gemeistert. Bei aller Lobhudelei, hier ist aber auch der größten Schwachpunkt von Der Fremde Sohn versteckt. Trotz 140 Minuten Laufzeit schafft es der Film nie, den Figuren neben Christine Collins genügend Entfaltungsraum zu geben. Collins ist der Dreh-/ und Angelpunkt des Films, was per se ja nicht schlecht ist. Doch man hätte gerne mehr erfahren über den Pastor Gustav Briegleb (John Malkovich), der sich energisch für sie einsetzt, über Umstände der Ermittlungen oder der Morde. So sind die Nebenfiguren nur Randerscheinungen, was auch der hervorragende Cast nicht mehr ausbügeln kann.
Mein Fazit:
Der Fremde Sohn ist der nächste große Wurf von Clint Eastwood. Neben der technischen brillianten Regie und den virtuosen Fotografien überzeugt vor allen Dingen Angelina Jolie in der Rolle der verzweifelten Mutter auf der Suche nach ihrem verschwundenen Kind. Der Film liefert 140 Minuten großes Kino, gemächlich, jedoch nie langweilig. Lediglich das unausgefeilte Drehbuch verhindert eine höhere Wertung. Schade. (7,5/10)
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