Grace Is Gone
[Kino]-Review

Die Amerikaner können keine guten Filme über den Irak-Krieg drehen. Genauer noch über dessen Opfer und deren Hinterbliebenen. Was augenscheinlich noch als provokante These erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als pure Realität. Schon Paul Haggis, immerhin verantwortlich für das großartige Ensemble-Drama L.A. Crash, biss sich mit Im Thal Von Elah die Zähne aus und lieferte ein Werk mit doppelbödiger und fragwürdiger Aussage ab. John Cusack ließ sich dessen nicht beirren und scharrte 17 Produzenten um sich, um für 2 Millionen Dollar die Umsetzung des Dramas Grace Is Gone zu realisieren. Er war überzeugt von dem Skript und dessen Wirkung auf die amerikanische Bevölkerung – 50.000 Dollar box office sprechen dabei Bände…
Stanley Phillips (John Cusack) führt ein außergewöhnliches Leben. Während seine Frau Grace (Dana Lynne Gilhooley) als Seargent der US-Armee im Irak dient, sorgt er sich als allein erziehender Vater um die beiden Töchter Heidi (Shélan O’Keefe) und Dawn (Gracie Bednarczyk). Eines Tages, die Kinder sind in der Schule, stehen ein Captain und ein Pfarrer vor seiner Haustür. Es ist klar, dass sie eine Todesnachricht überbringen. Stanley fällt in einen Schockzustand und bringt es nicht über sein Herz, den Kindern zu erzählen, dass ihre Mutter im Irak umgekommen ist. Stattdessen überrascht er sie mit dem spontanen Vorschlag, sofort eine Reise zum Vergnügungspark enchanted gardens zu machen…
Betrachtet man den Plot oberflächlich, könnte man einen intensiven Film über die Schmerzbewältigung, den Umgang mit Trauer und Selbstfindung erwarten. Leider setzt aber das Drehbuch genau dort an, wo zum Beispiel Im Thal Von Elah aufgehört hat. Ich frage mich, warum Amerikaner zur Zeit unfähig sind, die Trauer über gefallene Soldaten authentisch zu verpacken. Schon in Haggis’ Drama störte die zwanghafte Unterbindung jeglichen nach außen zur Schau gestellten Schmerzes, die gefühllose Kälte in Bezug auf die Nachricht des Todes eines nahen Verwandten. Hier stellt sich doch die Frage nach der Authentizität. Seit Beginn der Invasion amerikanischer Truppen im Irak im Jahr 2003 starben bei dortigen Kampfhandlungen mehr als 4000 US-Soldaten. Sie wurden in einem moralisch und völkerrechtlich fragwürdigen Krieg aus den Händen ihrer Familie, ihrer Freunde und Bekannten gerissen. Wie viele der Hinterbliebenen reagierten wohl so kühl, stagnierend und abgebrüht? Ich denke, die wenigsten. Niemand erwartet von den Filmemachern melodramatische Rührstücke, aber der Griff in das andere Extrem ist mindestens genau so schlimm.
Wenigstens stimmt schauspielerisch alles bei Grace Is Gone. Die Rolle des Stanley Phillips ist wie geschaffen für John Cusack, der mit dem Projekt Mut bewies. Auch, wenn der Zuschauer das Verhalten Stanleys an vielen Stellen des Films befremdlich findet, schafft es Cusack doch immer, einen Draht zum Publikum zu finden. Trotz der inszenierten Gefühllosigkeit berührt Cusacks Schauspiel, zum Beispiel wenn er den Kindern als Schmerzbewältigung eine heile Welt vorspielt und versucht, ihnen in kurzer Zeit die Sterne vom Himmel zu holen. Man kann sich in die Figur hineinversetzen, bei aller Distance und Fragwürdigkeit. Unterstützt wird er von 2 talentierten Jungdarstellerinnen, die in Grace Is Gone ihre ersten Rollen spielen dürfen. Auffallend ist, dass die Chemie zwischen den 3 Schauspielern stimmt und das Vater-Töchter-Verhältnis authentisch rüberkommt.
Für Drehbuchautor James C. Strouse war Grace Is Gone gleichzeitig seine erste Regiearbeit. Sicher hätte man auch einen erfahreneren Regisseur gefunden, doch Strouse hatte schon ein passendes audiovisuelles Konzept vor Augen. So überrascht er mit einem konsequenten und für einen Anfänger überraschend erwachsenen Stil und taucht seinen Film in zurückhaltende, aber eindringliche Bilder. Schön ist auch der Einsatz verschiedenster intensiver Kameraeinstellungen und Schnitte, die den Film von einer gewissen Sterilheit befreien. Zusätzlich ließ sich niemand geringeres als der viel beschäftigte Altmeister Clint Eastwood nicht lumpen und besorgte einen schönen Soundtrack. Die Musik ist stimmig, niemals melodramatisch aufdringlich und passt sehr gut zu den Bildern. So ist Grace Is Gone wenigstens auf der technischen Seite rund.
Mein Fazit:
Grace Is Gone reiht sich leider ein in die fragwürdigen Irakkriegs-Dramen, die eine unglaubwürdige Trauerbewältigung Hinterbliebener zeigen. Das ist schade, denn bei der Story wäre eindeutig mehr drin gewesen. Schauspielerisch stimmt alles, zeigt John Cusack doch ein eindringliches Spiel, welches wenigstens ein bisschen retten kann. Auch technisch ist der Film, nicht zuletzt wegen des schönen Scores von Clint Eastwood, interessant. (6/10)










BLOGSPIEGEL
Equilibrium: 8,5/10
MoviezKult: 6/10
Durchschnittwertung: 7,3/10
3 Comments




Da hatte mich der Kleriker einst fast neugierig gemacht, aber deine Worte relativieren das. Evtl. auf DVD, muss aber nicht zwingend sein.
Doch, leih Dir den ruhig mal aus auf DVD. Vielleicht stört Dich das von mir kritisierte gar nicht so, Du fandest ja auch IM THAL VON ELAH gut (im Gegensatz zu mir).