Eastern Promises – Tödliche Versprechen

[DVD]-Review
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Wir schreiben den 29. Dezember 2007. Tag meines letzten Kinobesuches für dieses Jahr. Wir sind mit 4 Jungs unterwegs und die Frage steht im Raum: Hitman oder Eastern Promises? Für mich gab es nur eine Alternative, denn der Trailer zu Cronenbergs neustem Streich löste bei mir im Vorfeld schon einen kleinen Hype aus. Wie immer ( :razz: ) konnte ich mich durchsetzen und wir sahen Eastern Promises. Der Saal war für die gegebenen Verhältnisse mehr als voll. Dann fing der Film an, mit düsteren Bildern und einem Brett von Score. Der Film konnte überzeugen, von der ersten Sekunde an. Spätestens bei der berühmten Sauna-Szene (mehr sage ich jetzt nicht dazu, um nicht zu spoilern, aber der durchschnittliche Leser meiner Worte müsste eigentlich wissen was ich meine) war ich hin und weg. Auffallend war, dass viele (vornehmlich weibliche) Zuschauer die Vorstellung nach harten Szenen und Bildern krampfartig verließen. Jedenfalls sicherte sich Cronenbergs Film einen Platz ganz vorne auf der Liste meiner Kino-Highlights für 2007. So war es klar, dass ich mir die DVD nach Erscheinen sofort zulegen würde.

Als ein schwangeres 14-jähriges Mädchen blutüberströmt zusammenbricht, können die Ärzte in einem Londoner Klinikum nur noch eins machen: ihr Baby per Not-Operation auf die Welt bringen. Für die Mutter gibt es keine Rettung mehr. Die Krankenschwester Anna Khitovra (Naomi Watts) findet bei der Toten ein Tagebuch in russischer Sprache. Dies will sie übersetzen, um an Kontaktdaten zu kommen. Leider ist ihr russisch-stämmiger Onkel Stepan (Jerzy Skolimowski) dabei keine große Hilfe. Zum Glück findet sie in dem Tagebuch aber die Adresse eines russischen Restaurants direkt in London. Sie wendet sich dorthin, um Antworten über die Tote zu bekommen. Dies ist jedoch ein großer Fehler, denn Semyon (Armin Mueller-Stahl), Chef des Lokals, ist einer der führenden Köpfe der Vory V Zakone, der russischen Mafia, die ihr Geld mit Menschenhandel und Zwangsprostitution verdient. Dessen Sohn Kirill (Vincent Cassel) will später einmal den Platz seines Vaters einnehmen. Begleitet wird er dabei von seinem Chauffeur und Handlanger Nikolai (Viggo Mortensen). Als Anna und ihre Familie Wind von den illegalen Machenschaften bekommen, schweben sie in Lebensgefahr…

Im Mittelpunkt von Eastern Promises stehen die Figuren. Konsequent und perfekt ausgearbeitet bietet das Drehbuch eine exzellente Milieu-Studie mit den unterschiedlichsten Charakteren und Menschen, die unfreiwillig in dieses Milieu hineinrutschen. Dabei ist das Wichtigste die Authentizität. Perfektionist Cronenberg hat sich deshalb so einiges einfallen lassen, um seinen Film so authentisch wie möglich rüberzubringen. Da haben wir zum einen eine perfekte audiovisuelle Umsetzung. Die dunklen und dreckigen Bilder der Nebengassen Londons vermitteln ein nachhaltiges Gefühl der Erdrückung. Dazu liefert Howard Shore wohl einen der besten Scores seiner langen Karriere ab. Die ruhigen Violinenklänge unterstützen das Dreckige und Verstörende der Bilder ungemein. Warum Shore hierfür nicht mit einer Oscar-Nominierung belohnt wurde, weiß wie immer nur die Academy selbst.

Was bei Cronenberg-Filmen nie zu kurz kommt, ist die Gewalt und dessen drastische Darstellung. Auch damit erzeugt er eine eigene Atmosphäre, die so typisch ist für seine Filme. Und wenn wir mal ehrlich sind, wo passt Gewalt denn besser als in einem Film aus dem Mafia-Milieu? So gibt es auch hier so einiges, was auf sanfte Gemüter schlagen wird. Blut fließt in Strömen, Körperteile werden abgeschnitten, Leichen zerlegt. Das Highlight bildet jedoch die schon erwähnte Sauna-Szene. Deren Darstellung und Umsetzung ist derart gelungen, dass man sicher in 10 Jahren noch davon reden wird. Drastisch, direkt & hart. Typisch Cronenberg eben.

Zwei weitere Punkte sorgen für diese immens hohe Authentizität, die der kanadische Regisseur in Eastern Promises erschaffen hat: zum einen rückt er das Thema Tatoos in den Mittelpunkt. Tatoos haben bei Angehörigen der Vory V Zakone einen extrem hohen Stellenwert. Sie werden gestochen in den Gefängnissen Russlands und ersetzen jeden Lebenslauf. Sie zeigen den Rang eines Menschen an und bilden so ein zentrales Glied in den mafiösen Strukturen. Zum anderen ist die Entscheidung richtig, viele russische Sätze in die Dialoge einzubauen. Ein besseres und authentischeres Mittel für den atmosphärischen Aufbau gibt es wohl nicht.

Ein Händchen für die richtigen Darsteller hat Cronenberg einmal mehr bewiesen. Mit Viggo Mortensen arbeitet er nach A History Of Violence zum zweiten Mal zusammen. In den Extras der DVD erfährt man, wie akribisch sich Mortensen auf die Rolle vorbereitete, sich sogar in das Milieu der Vory V Zakone begab. Er war es auch, der am finalen Drehbuch entscheidend Einfluss genommen hat. Eine Rolle also, die Mortensen gefiel – und das sieht man auch. Er spielt Nikolai als coolen, leicht überheblichen Mafioso, der trotzdem einen Hang zur Menschlichkeit besitzt. Nikolai arbeitet für Kirill, gespielt von Vincent Cassel. Der brilliert als komplett abgehobener Sohn des Paten, der entgegen der Familie auch eigene Geschäfte am laufen hat und sich als Unterweltenboss auftut. Nach und nach kommt aber sein wahres Ich zum Vorschein und aus Kirill wird ein verletzlicher und homoerotischer (!) Charakter. Kirills Vater Semyon, gespielt von Armin Mueller-Stahl, ist ein ranghohes Mitglied der Mafia. Mueller-Stahl gibt seiner Figur durch seine gelassene Spielweise einen großen psychiatrischen Touch. Das Böse der Figur schlummert im Inneren und kommt nur in seltenen Extremfällen zum Vorschein. Den Cast rundet eine der wohl besten Schauspielerinnen unserer Zeit ab: Naomi Watts spielt die russische Krankenschwester Anna, die in das Milieu hineinrutscht und zwischen die Fronten gerät. Anna ist eine herzensgute Person mit einem großen Selbstbewusstsein. Watts spielt wie immer souverän und geht zwischen den starken Männern niemals unter. Eine Augenweide ist sie ja sowieso.

Mein Fazit:

Eastern Promises ist groß, sehr groß. Selten habe ich einen atmosphärisch so dichten Film gesehen. Hier passt einfach alles – außer das Ende, welches leider Hollywood-verkitscht ist. Viel muss ich nicht mehr nicht schreiben, außer dass David Cronenbergs Film wohl jetzt schon ein kleiner Meilenstein des Genres ist. (9,5/10)

★★★★★★★★★½

7 Responses to “Eastern Promises – Tödliche Versprechen”

  1.   TheRudi (135)
    June 14th, 2008 | 11:58 pm

    Deren Darstellung und Umsetzung ist derart gelungen, dass man sicher in 10 Jahren noch davon reden wird.

    Diese Äußerung – die sich ja auch bei anderen Kritikern findet – halte ich für überschätzt. In zehn Jahren wird man sicher von vielen Dingen reden, aber nicht von der Sauna-Szene aus EP. Vielleicht findet sie an der einen oder anderen Filmhochschule Erwähnung, aber das Rad hat sie jetzt auch nicht neu erfunden.

    Den Film schau ich mir die Tage auch auf DVD (endlich OV!) dann mal an, beim Kinobesucht hat er mich jetzt aber nicht umgehauen. Technisch exzellent und gut gespielt, aber irgendwie gabs das alles schon mal zuvor. Wenn er dir so gefiel, hätte sich für dich ja eigentlich die BR-Version angeboten (?).

  2.   Kaltduscher (373)
    June 15th, 2008 | 12:22 am

    Die BR-Version gibt es in D leider noch nicht, und dt. Ton ist für mich schon essentiell.

  3.   isinesunshine (40)
    June 15th, 2008 | 2:51 pm

    Nochmal 3 %-Punkte besser als meine Wertung… Das sagt ja schon, dass mir der Film super gefallen hat. Deinem (sehr gelungenen!) Review kann ich mich also kompromisslos anschließen.
    In 10 Jahren treffen wir uns dann einfach alle nochmal und schauen, was um die Dampfbad-Szene so passiert ist. ;)
    -> Eine kleine Sache nur: das 14-lährige Mädchen ist keine Prostituierte!! (Und die Einzahl von Mafiosi ist Mafioso)
    <- ich hoffe du verzeihst mir diese kleine Beanstandung ;) :)

  4.   Kaltduscher (373)
    June 15th, 2008 | 4:29 pm

    Klugscheisserin :evil:

    Ne, Danke, werde ich schnell mal ändern :D

  5.   isinesunshine (40)
    June 17th, 2008 | 4:38 pm

    :)

  6. October 7th, 2008 | 10:37 pm

    [...] Kaltduscher (9,5/10) [...]

  7. December 1st, 2008 | 1:20 pm

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