Sweeney Todd

Ich muss zugeben, ich mag keine Musicals. Noch weniger mag ich Musical-Verfilmungen aus Hollywood. Schlechte Vorzeichen also für Tim Burtons neusten Streich, die Musical-Verfilmung “Sweeney Todd – Der Teuflische Barbier Aus Der Fleet Street” mit Johnny Depp in der Hauptrolle. Trotzdem wollte ich mir den Film ansehen, denn was der Trailer und die Bilder versprachen, haute mich schlichtweg vom Hocker.
London im 19. Jahrhundert: der Barbier Benjamin Barker (Johnny Depp) lebt glücklich mit seiner Frau und seiner Tochter in der englischen Hauptstadt. Als sich der skrupellose Richter Turpin (Alan Rickman) in Barkers Frau verliebt, schickt er den Barbier in die Verbannung. 15 Jahre später kehrt Barker unter den Synonym Sweeney Todd zurück nach London und schwört Rache an all denen, die ihm all das Leid angetan haben. In der Fleet Street trifft er Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter), die dort einen schlecht laufenden Fleischpastetenladen besitzt. Sie erzählt ihm, dass sich seine Frau nach seiner Verbannung vergiftet hat und Richter Turpin seine Tochter adoptierte und bis heute gefangen hält. Todds Hass auf die Bevölkerung Londons wächst ins Unermessliche. Schon bald verübt er seinen ersten grausamen Mord. Mrs. Lovett, die in den Barbier verliebt ist, entwickelt die Idee, aus den menschlichen Überresten neue Pastetensorten zu machen. Schon bald florieren die Geschäfte der Beiden. Doch wie es so kommt nimmt das Schicksal seinen Lauf und die ganze Geschichte endet in einer riesigen Tragödie.
Bis heute ist “Sweeney Todd” eines der erfolgreichsten Musicals am Broadway. Fast 600 Vorstellungen gab es dort seit 1979. An der Geschichte kann es nicht liegen, denn diese ist sehr banal und wurde schon unzählige Male in unzähligen Variationen erzählt. Vielmehr liegt der große Erfolg an der Inszenierung des Stoffes. Schon das Musical setzte neue Maßstäbe in Sachen düsterer Atmosphäre und Horror-Effekte. Vor allem aber war es die perfekt durchkomponierte und geschriebene Musik von Stephen Sondheim, die “Sweeney Todd” zu dem großen Erfolg verhalf. Nicht verwunderlich also, dass die Produzenten den Komponisten für den Film ins Boot holten. Dies sollte sich in besonderem Maße auszahlen. Die Filmmusik von “Sweeney Todd” ist grandios und gehört zum Besten, was in der jüngsten Vergangenheit aus Hollywood gekommen ist. Auch das Experiment, gestandene Schauspieler in die Gesangskabine zu holen und ihre Parts selber singen zu lassen, ist wunderbar geglückt. Depp, Carter, Rickman & Co. interpretieren ihre Einlagen mit einer unglaublichen Leichtigkeit, dass man meinen könnte, sie hätten eine Ausbildung als Sänger hinter sich.
Auch mit der Besetzung des Regisseurs haben die Produzenten einmal mehr ein glückliches Händchen bewiesen. Der Stoff scheint wie für Burton geschrieben, der mit Filmen wie “Sleepy Hollow” schon sein Gespür für düstere Erzählungen bewiesen hat. Burton zeichnet ein dunkles und verstörendes London, abseits jeglicher Romantik und Schönmalerei. Er erstellt keine Massenszenen, vielmehr konzentriert er sich auf wenige Figuren und baut deren Charaktere sehr weit aus. So schafft er es, in 2 Stunden die richtige Mischung aus dem Wesentlichen herbei zu zaubern. In den Mittelpunkt stellt er die Figur des Barbiers und die Intentionen für sein Handeln. Dabei entsteht eine tiefgründige Charakterstudie, die für einen solchen Film leider zu oft viel zu kurz kommt.

Die Wahl der Schauspieler überrascht bei der Wahl des Regisseurs nicht. Johnny Depp ist Burtons Bruder im Geiste und hat mit ihm schon mehrere Filme gedreht. Helena Bonham Carter ist die Ehefrau des Regisseurs und wie Depp auch bei dessen Projekten stets mit im Boot. Nach seinem fragwürdigen Ausflug ins Blockbuster-Kino, bei dem er viele Fans (unter anderem auch mich) verlor, kehrt Depp unter der Federführung seines Freundes in der Rolle als “Sweeney Todd” in gewohnt starker und außergewöhnlicher Form zurück. Es scheint wohl die perfekte Symbiose der Beiden zu sein, die Depp immer wieder Höchstleistungen vollbringen lässt. Seine Darstellung als rachsüchtiger Barbier ist nahezu perfekt. So gewährt Depp einen tiefen Einblick in die kaputte Seele Todds, der den Zuschauer ständig zwischen Bewunderung, Mitgefühl und Ekel schwanken lässt. Auch seine Gesangseinlagen sind – wie schon angesprochen – unerwartet stark und tragen stark zu der dichten Atmosphäre und dem Aufbau des Charakters Todd bei. Auch Helena Bonham Carter überzeugt vollends in der Rolle als Pastetenhändlerin Mrs. Lovett. Anders als Depp baut sie einen undurchsichtigen Charakter auf, der den Zuschauer voll in seinen Bann zieht. Die Rolle als leicht verrückte, geheimnisvolle Frau konnte sie schon in den “Harry Potter”-Filmen als Beatrix Lestrange voll ausfüllen. Gewohnt stark ist auch Alan Rickman. Der vielbeschäftige Darsteller scheint genau der richtige zu sein, um den fiesen Richter Turpin zu spielen. Er erzeugt einen skrupellosen Mann, der alles für seine große Liebe tut – und schafft dabei das Kunststück, seine Figur immernoch in einer gewissen Weise charmant rüberkommen zu lassen. Überrascht hat viele der Name Sacha Baron Cohen, bekannt als Borat, im Cast. Doch auch ihm gelingt eine gute Darstellung eines zwielichtigen Barbiers.
Ein besonderes Augenmerk liegt in der Gestaltung der Szenerie und der Kostüme. Beides wurde perfekt nach den Vorgaben des Musicals und des Regisseurs umgesetzt. So wird die atmosphärische Darstellung eines düsteren und schmuddeligen Londons noch weiter verstärkt. Auch die Make-Up-Effekte können sich sehen lassen. Die Gesichter der Menschen sind stark weißlich stilisiert. Dies ist nicht etwas ein Kontrast zur Außenwelt – vielmehr hilft es, die Figuren noch besser in das dargestellte London einzufügen.
Ein Kommentar muss ich jedoch noch zur FSK-Freigabe machen. Wie “Sweeney Todd” ein FSK16-Siegel bekommen konnte, bleibt mir bis jetzt ein Rätsel. Ständig wird gemordet, es gibt viele Splattereffekte und aus den Leichen macht man Pastete. Dazu kommt, dass alles aus dem Grund der Rache geschieht. Vergleiche ich da mit Filmen, die in letzter Zeit mit einem FSK18-Siegel liefen, ist die Musical-Verfilmung in der Gewaltdarstellung vielmals noch krasser. Das gibt dem Kino-Fan zu denken, ob die FSK wirklich so unabhängig ist und doch nicht mit zweierlei Maß misst…
Mein Fazit:
“Sweeney Todd – Der Teuflische Barbier Aus Der Fleet Street” ist die beste Musical-Verfilmung, die ich je gesehen habe. Regisseur Tim Burton erschafft ein düsteres und gewaltvolles Märchen für Erwachsene, in dem alle Darsteller zu Höchstform auflaufen. Die Spannung wird von Anfang an hochgehalten und befindet sich bis zur Endsequenz auf einem ungewöhnlich hohen Niveau. Besser gehts kaum. (9,5/10)










BLOGSPIEGEL:
Intermoviession: 10/10
Symparanekronemoi: 8/10
Equilibrium: 9/10
From Beyond: 9/10
MoviezKult: 9,5/10
Durchschnittwertung: 9/10
1 Comment



