Crazy Heart

Kurzkritik

Im Oscarrennen hatte bis Dezember so wirklich niemand den Film Crazy Heart auf der Rechnung. Still und heimlich nahm Scott Coopers Regiedebüt über einen abgehalfterten Country-Star den Weg von Venedig, wo er seine Premiere feierte, über zahlreiche Kritikerjahresbestlisten zu den Academy Awards, wo er am Sonntag mit gleich zwei Oscars ausgezeichnet wurde und damit noch vor Filmen wie Inglourious Basterds und Up In The Air lag. Viele vergleichen Crazy Heart mit dem letztjährigen Erfolg The Wrestler, da beide einen gefallen Star in den Mittelpunkt rücken. Und tatsächlich, die Parallelen zwischen den Filmen sind nicht von der Hand zu weisen. Nicht nur inhaltlich verfolgen sie grob denselben Leitfaden, auch ihre Hauptdarsteller konnten mit ihrer Performance jeweils endlich die Aufmerksamkeit auf sich lenken, die sie verdient haben. So spielte sich im letzten Jahr Mickey Rourke mit seiner Rolle als Randy “The Ram” Robinson zurück nach Hollywood und wurde mit einem Golden Globe und einer Oscarnominierung bedacht. Besser lief es noch für Jeff Bridges, dessen Leistung als Bad Blake beide Preise wert war. Jeff Bridges ist endlich angekommen im Olymp der Schauspieler – und das völlig berechtigt. Er trägt den Film, der einzig und allein auf seine Figur zugeschnitten ist, mit Leichtigkeit. Bad Blake, der früher Hits am Band produzierte, ist mittlerweile nur noch ein Schatten seiner selbst. Alkoholkrank, spielt Blake zwar noch regelmäßig in versifften Kneipen in den Südstaaten, doch seine Kosten kann er damit schon lange nicht mehr decken. Er ist alt, krank und pleite. Konsequent zeichnet Regisseur Cooper das Bild des abgehalfterten Stars, der zwischen Whiskey, Kippen und Groupie-Sex mit alten Frauen den Sinn seines Daseins zu suchen scheint. Dabei verfolgt er trotzdem konsequent seine strikte Linie – als Vorband aufzutreten kommt ihm nicht in den Sinn. Wenn er scheitert, dann wenigstens ohne sich selbst zu verkaufen und seine eigenen Moralvorstellungen zu untergraben. Bridges spielt seinen Blake mit einer unglaublich wuchtigen Präsenz, einer präzisen Darstellung voller Melancholie und Natürlichkeit. Cooper wie auch Bridges gehen die Figur aber auch gleichzeitig mit einem Augenzwinkern an, die wichtig ist, um den Film nicht zu einer zweistündigen Moralpredigt verkommen zu lassen, sondern zu einem atmosphärischen und dichten Porträt eines gefallenen Country-Musikers. Auch die Nebenrollen sind überraschend stark besetzt. So überzeugt Maggie Gyllenhaal als junge Journalistin, die eine zeitweise innige Beziehung mit Blake eingeht. Gyllenhaal, nicht gerade bekannt für außergewöhnliche schauspielerische Leistungen, schafft es endlich einmal, aus ihrem sonst versteinerten Körper auszubrechen und sich nicht nur auf ihre Rehaugen zu verlassen. Zwar schafft sie es nie, auf Augenhöhe mit Bridges zu spielen, doch das ist ob der Fokussierung auf Blake gar nicht weiter schlimm. Robert Duvall und Colin Farrell als Blakes musikalischer Ziehsohn runden das positive Gesamtbild ab. Dass Crazy Heart letztlich trotzdem nicht an die Brillanz von The Wrestler heranreichen kann, liegt an seinem Drehbuch. Man merkt diesem deutlich an, dass es von einem Debütanten geschrieben wurde. Zwar enthält es zahlreiche tolle Einfälle und interessante Figuren, doch zwischendurch schleichen sich immer mal wieder Längen ein. Es ist, als ob die Geschichte im Mittelteil Szenen enthält, die die Geschichte nicht nach vorne bringen, sondern für kurzzeitigen Stillstand sorgen. Gut, dass die von Bridges und Farrell selbst gesungenen Songs aus einem der stärksten Soundtracks des Jahres da über die eine oder andere Länge hinwegtrösten. Crazy Heart ist ein tolles Porträt eines gefallenen Country-Sängers mit einem brillianten Hauptdarsteller und einem außergewöhnlich guten Soundtrack. Eine echte Überraschung eben. (7/10)

★★★★★★★☆☆☆

Bad Lieutenant – Cop Ohne Gewissen

Kurzkritik

Das Geschrei im Vorfeld war groß. Werner Herzog, ausgerechnet der eigenwillige deutsche Regisseur, vergreife sich an Abel Ferraras Kriminaldrama Bad Lieutenant von 1992 mit Harvey Keitel in der Hauptrolle. Und wenn das nicht schon schlimm genug wäre, castet Herzog auch noch Schauspieler wie Nicolas Cage, Eva Mendes, Val Kilmer und Xzibit. Die Fachwelt prophezeite einen Megaflop – und Ferrara setzte noch einen drauf. In einem Interview in Cannes wünschte er allen Beteiligten am Remake einen grausamen Tod, am besten per Autounfall. Doch nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird, und als der Film beim Filmfestival in Venedig vorgestellt wurde, war alles auf einmal halb so schlimm. Die Fachpresse jubelte und überschlug sich mit Lobpreisungen auf Herzog und vor allem auf Cage, der nach Jahren mittelmäßiger Leistungen in mittelmäßigen Filmen endlich mal wieder zeigen darf, was er schauspielerisch so alles auf dem Kasten hat. Ein Grund für den schnellen Meinungsumschwung war letztlich auch die Tatsache, dass Bad Lieutenant – Port Of Call New Orleans mit Ferraras Vorlage fast gar nichts zu tun hat. Wie auch, denn Herzog erklärte als Reaktion auf Ferraras Drohungen, das Original wie auch den Regisseur überhaupt nicht zu kennen. Sowieso, der Regisseur versuchte mehrmals vergeblich, den Titel seines Films ändern zu lassen. Doch seine Produzenten bestanden darauf, ihn bei Bad Lieutenant zu belassen. Was für die Promotion des Films sicherlich auch besser ist, für die Rezeption aber hinderlich sein kann, weil viele Kritiker trotz alledem den Vergleich zum Film von 1992 heranziehen. Doch dieser Vergleich hinkt in jeder Hinsicht, denn wer sich in Herzogs Œuvre auskennt, erkennt in nahezu jeder Szene die Handschrift des Regisseurs und weiß Bad Lieutenant sofort einzuordnen. Es lassen sich zahlreiche Parallelen zu Altwerken Herzogs ausmachen, und inszenatorisch wie auch inhaltlich scheint er an seine großen Filme aus den 70ern und 80ern anknüpfen zu wollen. Herzog baut seinen Film um die Figur des abgefuckten Lieutenants McDonagh (Cage) auf, konzentriert sich nicht vordergründig auf den Krimiplot, sondern präsentiert eine zweistündige Charakterstudie eines Mannes, der wie eine Mischung aus Hauptfiguren Herzogs Klassiker erscheint. McDonagh ist exzentrisch, gar wahnsinnig, aber auch voller Melancholie und juveniler Quirligkeit. Herzog deutet gar nicht mit dem erhobenen Zeigefinger auf McDonagh, nimmt keinerlei Wertung seiner Drogen-/ und Gewaltexzesse vor, sondern dringt tief in die Persönlichkeit seines Protagonisten ein, um dem Zuschauer den Rest zu überlassen. Hier liegt eine große Stärke des Films, der Freiheiten lässt für eigene Gedanken und Wertungen – als wäre Bad Lieutenant ein letztes Relikt aus großartigen Zeiten des Neuen Deutschen Films. Dass das letztlich funktioniert, liegt an der grandiosen Performance von Nicolas Cage, der seine beste Leistung seit Leaving Las Vegas abliefert. Cage formt den Charakter mit explosivem, für Herzogs Filme typischen overacting, ohne jemals lächerlich oder aufgesetzt zu wirken. Sein McDonagh bleibt stets, trotz aller Ausbrüche, verschlossen. Und aus dieser Verschlossenheit, diesem an den richtigen Stellen nuancierten Einsatz expressiver Mimik, resultiert die Bedrohung, die der Zuschauer empfindet, eine Bedrohung McDonaghs gegenüber seiner Umwelt, vor allem aber gegenüber sich selbst. Diesen tiefen Blick in die Figur McDonaghs bricht Herzog regelmäßig auf, wenn er, wohl dosiert, groteske und humorvolle Szenen einbaut. Bad Lieutenant ist deshalb kein runder Film, aber das war noch kein Werk von Werner Herzog. Bad Lieutenant ist sperrig von der ersten Sekunde an. Man darf dankbar sein, dass Produzenten heutzutage Regisseuren wie Herzog noch die Chance geben, derartige Filme zu drehen, die sich von ihrer Machart her von vornherein ausschließen für den Massenmarkt. Und man darf den Regisseuren wie Herzog schließlich dankbar sein, wenn sie derartig großartige Arthaus-Perlen in die Kinos bringen wie Bad Lieutenant. (8/10)

★★★★★★★★☆☆

82nd Annual Academy Awards – Die Gewinner

Das waren sie nun, die 82ten Acedemy Awards. Pro7 hat mal wieder sein Expertenteam um Annemarie Warnkross und Steven Gätjen nach Los Angeles geschickt, um den Zuschauern mit geballtem Fachwissen Hollywood zu erklären. Die screentime von Warnkross wurde glücklicherweise im Vergleich zum letzten Jahr eingeschränkt, den Gätjen ließ man trotzdem 30 Minuten lang live am roten Teppich auf die Stars los. Bekam er dann mal einen vor sein Mikrophon, waren die Fragen unter aller Sau und total irrelevant. Nunja. Die diesjährigen Hosts der Veleihung waren Alec Baldwin und Steve Martin, die zwar den einen oder anderen Witz zustande brachten, aber über den Abend hinweg total blass blieben. Ich wünsche mir hiermit offiziell Jon Stewart oder Billy Crystal als Moderatoren im nächsten Jahr. Auch die Laudatoren waren schlecht ausgewählt, von den lustlosen Twilight-Stars bishin zu Ben Stiller, dessen Avatar-Auftritt eher peinlich als lustig war. Wie im letzten Jahr gilt trotzdem: Preise wurden auch vergeben, hier die Gewinner und ein kleines Fazit.

BESTER FILM

The Hurt Locker – Großer Favorit im Vorfeld. Trotzdem kein Film, der würdig den Titel Best Picture tragen darf, da waren sechs bessere Filme mitnominiert. In 20 Jahren wird man sich wohl fragen, warum ausgerechnet der Film an dem Abend ausgezeichnet wurde. Findige Filmfans verweise ich auf die Oscars von 1976.

BESTER HAUPTDARSTELLER

Jeff Bridges (Crazy Heart) – War abzusehen, ist absolut gerechtfertigt.

BESTE HAUPTDARSTELLERIN

Sandra Bullock (The Blind Side) – Siehe Jeff Bridges. Obschon Gabourey Sidibe und Carey Mulligan eine bessere Performance abgegeben haben.

BESTER NEBENDARSTELLER

Christoph Waltz (Inglourious Basterds) – ’nuff said.

BESTE NEBENDARSTELLERIN

Mo’Nique (Precious) – Hier gibts auch nichts zu mäkeln. Gerechtfertigt.

BESTE REGIE

Kathryn Bigelow (The Hurt Locker) – Der Preis geht klar. Bigelows Regie war famos.

BESTES ORIGINAL DREHBUCH

The Hurt Locker – Skandal. Schiebung. Schande. Der Preis hätte an Tarantino gehen müssen. Oder zumindest an die Coens. Treppenwitz des Abends.

BESTES ADAPTIERTES DREHBUCH

Precious – Freut mich. Obschon Up In The Air den Preis verdient hatte. Dass dieser Film ohne Goldjungen blieb, ist ein schlechter Witz.

BESTE KAMERA

Avatar – Da habe ich mich gefragt, ob hier jetzt die Fotografien oder die Technik gewonnen haben.Das Weiße Band und Inglourious Basterds wären die besseren Sieger gewesen.

BESTER SCHNITT

The Hurt Locker – Völlig in Ordnung.

BESTES KÜNSTLERISCHES DESIGN

Avatar – Unverständlich, dass CGI-Welten hier vor Realbauten gewinnen.

BESTE KOSTÜME

The Young Victoria – Keine große Überraschung. Hat ja quasi als Kostümfilm seine Daseinsberechtigung. Wie The Duchess im letzten Jahr.

BESTES MAKEUP

Star Trek – Völlig verdient. Das Make-Up war groß – obschon Il Divo interessant aussah. Muss ich mal nachholen.

BESTER SOUNDTRACK

Up – Der mit Abstand beste Soundtrack des Jahres. Keine wirkliche Überraschung.

BESTER SONG

The Weary Kind (Crazy Heart) – Von den Nominierten das beste Lied.

BESTER TON

The Hurt Locker – Ungerechtfertigt. Eine neue Welt zu erschaffen (Avatar) ist sicherlich anspruchsvoller als ein paar Schussgeräusche aufzunehmen.

BESTER TONSCHNITT

The Hurt Locker – War zwar sehr gut abgemischt – aber Avatar und Transformers 2 hatten mehr Bumms.

BESTE VISUELLE EFFEKTE

Avatar – Sicher und verdient. Die Effekte waren state of art.

BESTER ANIMATIONSFILM

Up - Pixar gewinnt, auch mit mittelmäßigen Filmen. Schade eigentlich.

BESTER NICHTENGLISCHSPRACHIGER FILM

El Secreto De Sus Ojos -Wie von mir vorhergesagt. Das Weiße Band ist einfach zu sperrig, El Secreto De Sus Ojos dagegen sehr mainstreamig.

Alles in allem ist The Hurt Locker mit übertriebenen sechs Auszeichnungen der Gewinner des Abends. Ob man sich in 20 Jahren noch an ihn erinnert, wird sich zeigen. Dass aber Inglourious Basterds mit einer Auszeichnung und Up In The Air, der keinen Oscar gewann, so untergegangen sind, ist ein Skandal. In your face, academy!

Countdown to Oscars 2010

Wie auch schon im letzten Jahr will ich kurz vor der Verleihung des wichtigsten Filmpreises der Welt am Sonntag hier meine Gewinnerprognose abgeben und außerdem meine persönlichen Oscars verleihen. Gleichzeitig nehmen meine Tips an einem Wettbewerb teil, zu dem Gutschein-Codes.de Film-Blogger per eMail aufgefordert hat. Eine komplette Übersicht aller Nominierten findet Ihr übrigens hier zum Nachschauen!

BESTER FILM

Eine schwierige Kategorie in diesem Jahr. Zum ersten mal seit 1944 treten in der Hauptkategorie wieder zehn Nominierte gegeneinander an. Was für höhere Einschaltquoten sorgen soll, entpuppt sich letztlich als peinliche Angelegenheit. Denn Filme wie DISTRICT 9 oder UP haben nichts in der Sparte Bester Film zu suchen. Hier gilt wohl die Faustregel, dass die Filme, deren Regisseure nominiert sind, die eigentlichen Nominierten sind und der Rest nur Auffüller. Nichtsdestotrotz verspricht die Kategorie Bester Film durch den neuen Wahlmodus mit Punktevergabe besonders viel Spannung. Ich persönlich sehe die beiden polarisierenden Favoriten AVATAR und THE HURT LOCKER nicht vorne, da sie bei vielen Academy-Mitgliedern wohl nicht an erster Stelle ihrer Liste stehen werden. Konsensfilme haben durch das neue Verfahrung noch größere Chancen – und so sehe ich die Favoritenrolle bei einem lachenden Dritten, bei UP IN THE AIR, INGLOURIOUS BASTERDS oder auch THE BLIND SIDE, der thematisch und inhaltlich voll den Nerv der Academy treffen könnte.

Tipp: Up In The Air

Mein Oscar: Inglourious Basterds

BESTE REGIE

Tipp: Kathryn Bigelow (The Hurt Locker)

Mein Oscar: Kathryn Bigelow (The Hurt Locker)

BESTER HAUPTDARSTELLER

Tipp: Jeff Bridges (Crazy Heart)

Mein Oscar: Jeff Bridges (Crazy Heart)

BESTE HAUPTDARSTELLERIN

Eine interessante Kategorie. Vier Darstellerinnen dürfen sich ernsthafte Gedanken über eine Dankesrede machen. Eine große Favoritin zeichnet sich nicht ab, lediglich Helen Mirren dürfte wohl keine Chance haben. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Academy für die Dauernominierte Meryl Streep (für den falschen Film wohlgemerkt) entscheidet, für die Überraschungskandidatin Sandra Bullock oder für die beiden Jungdarstellerinnen Carey Mulligan und Gabourey Sidibe.

Tipp: Sandra Bullock (The Blind Side)

Mein Oscar: Gabourey Sidibe (Precious)

BESTER NEBENDARSTELLER

Tipp: Christoph Waltz (Inglourious Basterds)

Mein Oscar: Christoph Waltz (Inglourious Basterds)

BESTE NEBENDARSTELLERIN

Tipp: Mo’Nique (Precious)

Mein Oscar: Mo’Nique (Precious)

BESTES ORIGINALDREHBUCH

Tipp: Quentin Tarantino (Inglourious Basterds) (alles andere wäre wohl eine Farce)

Mein Oscar: Quentin Tarantino (Inglourious Basterds)

BESTES ADAPTIERTES DREHBUCH

Tipp: Jason Reitman & Sheldon Turner (Up In The Air)

Mein Oscar: Jason Reitman & Sheldon Turner (Up In The Air)

BESTER ANIMATIONSFILM

Diese Kategorie ist seit Jahren für Pixar gebucht – und sie werden mit dem für Pixar-Verhältnisse leidlich mittelmäßigen UP den Oscar wohl auch holen. Richtig herausragend ist dieses Jahr kein Animationsfilm gewesen. Der beste aber ganz klar KÜSS DEN FROSCH. Vielleicht wird ja Disneys Mut doch belohnt, wieder einen Film zu zeichnen, anstatt ihn zu animieren.

Tipp: Up

Mein Oscar: Küss Den Frosch

BESTER FREMDSPRACHIGER FILM

Die wohl am schwierigsten einzuschätzende Kategorie. Klarer Favorit ist DAS WEIßE BAND, der Academy könnte der Film aber zu sperrig sein. Persönlich sehe ich deshalb zwei andere Favoriten: AJAMI, der israelische Beitrag, ist inhaltlich wie geschaffen für den Auslandsoscar. EL SECRETO DE SUS OJOS aus Argentinien hingegen ist ein recht eingänglicher Thriller, der genauso den Nerv der Mitglieder treffen könnte. Es bleibt spannend.

Tipp: El Secreto De Sus Ojos (Argentinien)

Mein Oscar: Das Weiße Band (Deutschland) und La Teta Asustada (Peru)

BESTES SZENENBILD

Tipp: Dave Warren, Anastasia Masaro & Carline Smith (The Imaginarium Of Dr. Parnassus)

Mein Oscar: Dave Warren, Anastasia Masaro & Carline Smith (The Imaginarium Of Dr. Parnassus)

BESTE KAMERA

Auch hier sehe ich vier mögliche Gewinner. Es wird sich zeigen, was die Academy honoriert: neuartige 3D-Kameras (AVATAR), moderne Handkameras (THE HURT LOCKER), klassische Schwarzweiß-Bilder (DAS WEIßE BAND) oder gewöhnliche, aber großartige Fotografien bei INGLOURIOUS BASTERDS.

Tipp: Christian Berger (Das Weiße Band)

Mein Oscar: Christian Berger (Das Weiße Band) oder Bob Richardson (Inglourious Basterds)

BESTES KOSTÜMDESIGN

Tipp: Sandy Powell (The Young Victoria)

Mein Oscar: Sandy Powell (The Young Victoria)

BESTER DOKUMENTARFILM

Tipp: Louie Psihoyos & Fisher Stevens (Die Bucht)

Mein Oscar: Louie Psihoyos & Fisher Stevens (Die Bucht)

BESTER SCHNITT

Tipp: Bob Murawski & Chris Innis (The Hurt Locker)

Mein Oscar: Bob Murawski & Chris Innis (The Hurt Locker)

BESTES MAKE-UP

Tipp: Barney Burman, Mindy Hall & Joel Harlow (Star Trek)

Mein Oscar: Barney Burman, Mindy Hall & Joel Harlow (Star Trek)

BESTER SOUNDTRACK

Tipp: Michael Giacchino (Up)

Mein Oscar: Michael Giacchino (Up)

BESTER FILMSONG

Tipp: Ryan Bingham & T-Bone Burnett – “The Weary Kind” (Crazy Heart)

Mein Oscar: Ryan Bingham & T-Bone Burnett – “The Weary Kind” (Crazy Heart)

BESTER TON

Tipp: Christopher Boyes, Gary Summers, Andy Nelson & Tony Johnson (Avatar)

Mein Oscar: Christopher Boyes, Gary Summers, Andy Nelson & Tony Johnson (Avatar)

BESTER TONSCHNITT

Tipp: Christopher Boyes & Gwendolyn Yates Whittle (Avatar)

Mein Oscar: Christopher Boyes & Gwendolyn Yates Whittle (Avatar)

BESTE VISUELLE EFFEKTE

Tipp: Joe Letteri, Stephen Rosenbaum, Richard Baneham & Andrew R. Jones (Avatar)

Mein Oscar: Joe Letteri, Stephen Rosenbaum, Richard Baneham & Andrew R. Jones (Avatar)

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An Education

Kurzkritik

Jenny Miller (Carey Mulligan) hat ein großes Ziel. Die 16-jährige, hochintelligente Schülerin will nach Oxford, erreichen, was ihrer Familie bisher vergönnt war. Angetrieben von ihrem dominanten Vater (Alfred Molina) schreibt Jenny in ihrer Schule Bestnoten und gilt als aussichtsreichste Kandidatin für einen Platz an der Eliteuniversität. Als sie eines Tages jedoch den charmanten Freigeist David (Peter Sarsgaard) kennenlernt, ändert sich ihr Leben schlagartig. Aus der eifrigen Ja-Sagerin wird ein aufmüpfiger Teenager, der das Leben genießen und nicht mit Lernerei verschwenden will. Doch in ihrer Rebellion sieht sie nicht, wohin ihr Weg schließlich  führen wird. An Education ist ein feinfühliges coming of age-Drama aus der Feder des britischen Starautoren Nick Hornby. Gespickt mit liebevoll gezeichneten Figuren präsentiert die dänische Regisseurin Lone Scherfig einen Film, der vor allem durch sein stark aufspielendes Schauspielensemble zu begeistern weiß. Carey Mulligan als Zentrum des Films trägt diesen mit einer wunderschönen Leichtigkeit, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte spinnt. Ob als sich unterordnende Einserschülerin oder rebellierender Teenager, Mulligan sorgt stets dafür, dass das Handeln ihrer Jenny als logische Konsequenz ihrer Umwelt erscheint und so die Sympathie nie in Antipathie umschlägt. Sie spielt eine sehr ambivalente Figur, stets auf der Gradwanderung zwischen erwachsenem Weitblick und kindlicher Naivität. Und diese zwei Seiten ihrer Figur kann sie in An Education voll ausspielen. Mit der Liebe für französische Musik und Filme der nouvelle vague stößt sie vor allem bei ihrem strengen Vater auf strikte Gegenwehr. Ihre Zeit soll sie nicht mit Kunst vergeuden, schon gar nicht mit französischer. Er drängt seine Tochter zu Höchstleistungen in der Schule, da er in einem Studium in Oxford den einzigen Weg für sie erkennt, aus der proletarischen Mittelschicht auszubrechen. Jenny ordnet sich dem unter, nicht nur, weil sie nicht anders kann, sondern auch weil sie erkennt, dass ihr Vater letztendlich Recht hat. Sie hat einen Weg für sich gefunden, die Strenge ihres Elternhauses, den Leistungsdruck und ihre Vorliebe für alles Französische unter einen Hut zu bekommen. Als sie aber den geheimnisvollen David kennenlernt, entzieht sie sich immer mehr dem Bann ihrer Eltern. Hier zeigt sich endgültig, dass in Jenny trotz ihrer erwachsenen Schale immer noch ein Kind schlummert, das geführt werden will, das sich den Fängen eines Stärkeren nicht entgegenwehren kann. Und so führt die David ein in eine Welt voller Partys, voller Konzerte und durchgezechten Nächten in Clubs. Der Charmeur verzaubert sie, entführt sie in eine neue Welt, die für Jenny immer ein Traum war. Sie realisiert für sich, dass das ganze Lernen in der Schule nur vergeudete Zeit ist, dass das Leben da draußen spielt in den Theatern Londons, in den Bars und in den Gassen. Peter Sarsgaards Leistung in dem Film ist, seiner Figur durch die Verschlossenheit, die er ihr gibt, durch das Geheimnisvolle und Doppeldeutige, einen starken Gegenpol zu Carey Mulligan zu schaffen. Es ist die knisternde Spannung zwischen den beiden gegensätzlichen Figuren, aus der die Geschichte eine enorme Kraft zieht, der schier endlose Wechsel zwischen Harmonie und Disharmonie. Doch auch neben den beiden Hauptdarstellern spinnt das Drehbuch ein Netz aus unterschiedlichen Figuren, die alle ihre Funktion in ihrer Wirkung auf Jenny erfüllen. Ihr strenger Vater, der ihre Zügel in der ersten Hälfte des Films in der Hand hält, stark gespielt von Alfred Molina, Davids Freund Danny, der als eine Art Zwischenstück zwischen Jenny und David geschrieben ist, mit einer großen Note Arroganz gespielt von Dominic Cooper und Dannys Freundin Helen, gespielt von Rosamund Pike, die zwar intellektuell nicht mit ihrem Umfeld mithalten kann, aber Jenny einen gewissen Halt gibt – es ist die Vielseitigkeit der Charaktere, die einen herausragenden Anteil an der Geschichte hat. Das Ende inszeniert Scherfig letztlich konsequent, obschon sich der eine oder andere Zuschauer da vielleicht mehr Mut bei Hornby und der Regisseurin gewünscht hätte. An Education ist eine wunderschöne Romanze und ein mit liebevoll gezeichneten Figuren bestücktes coming of age-Drama, das von Regisseurin Scherfig mit tollen Bildern in Szene gesetzt wurde. An Education ist aber auch eines – Schauspielkino par excellence mit einer Hauptdarstellerin, die sich mit dieser Rolle einen festen Platz in Hollywood erarbeitet haben dürfte. (8/10)

★★★★★★★★☆☆

Wolfman

Kurzkritik

Unter keinem guten Vorzeichen stand von Anfang an das Remake zum Horrorklassiker The Wolf Man von 1941. Angekündigt im März 2006, sollten der Drehbuchautor Andrew Kevin Walker sowie Hauptdarsteller Benicio Del Toro und Regisseur Mark Romanek (One Hour Photo) die Arbeiten an dem Projekt übernehmen. Wegen kreativer Differenzen schied Romanek aber kurz darauf aus. Mit Brett Ratner, Frank Darabont, James Mangold, Joe Johnston, Bill Condon und Martin Campbell bemühte sich Universal um eine Reihe prominenter Regisseure, die aber alle nicht mit dem bisherigen Drehbuchentwurf von Walker zufrieden waren. 2008 schließlich sagte Joe Johnston zu unter der Bedingung, dass David Self das Drehbuch überarbeitet. Viele Köche verderben den Brei, sagt ein altes Sprichwort. Und so merkt man Wolfman auch an, dass das Drehbuch durch mehrere Hände gewandert ist und die ursprüngliche Version nach und nach durch Zugeständnisse an die Regisseure zerpflückt wurde. Wer einen durch und durch dramaturgisch stimmigen Film mit einer kohärenten Handlung und tiefgründigen Figurenstudien erwartet, wird von Wolfman enttäuscht werden. Nebenhandlungen werden zum Teil nicht auserzählt, wichtige Vorgeschichten höchstens angedeutet und immer mal wieder lediglich Versatzstücke guter Ideen eingestreut. Das Drehbuch ist eine wahre Katastrophe, oberflächlich, inhaltsleer und klischeebeladen. Dass Wolfman aber trotzdem funktioniert, liegt an seiner audiovisuell hervorragenden Inszenierung. Die Bilder von Shelly Johnson sind eine Wucht, erzeugen mit ihrem Spiel aus Licht und Dunkelheit, Grau-/ und Schwarztönen eine ungeheure Atmosphäre. Das akribisch erarbeitete Set Design bringt mit sehr viel Liebe zum Detail das Viktorianische Zeitalter zurück auf die Leinwand. Es sind die Bilder, die in Wolfman zu fesseln vermögen und nicht die Geschichte, die letzlich eher als Aufhänger dient. Optisch erinnert der Film gar an Werke von Tim Burton – was durch den hervorragenden Score von Burtons Hauskomponisten Danny Elfman unterstrichen wird. Elfman, dessen Musik ursprünglich aus dem Film herausgenommen wurde, weil sie dem Testpublikum missfiel und später dann nach dem für das Studio enttäuschendem Score von Paul Haslinger wieder integriert wurde, untermalt mit der typisch Elfman’uesquen Düsterheit und musikalischen Virtuosität perfekt die Fotografien und trägt so einen großen Teil an der Atmosphäre des Films bei. Auch Del Toro sorgt mit seiner fast animalischen Präsenz dafür, dass die Drehbuchschwächen nicht groß ins Gewicht fallen. Sowieso, der Cast besticht durch Schauspieler, die auch ohne ausgefeilte Figuren ein gewisses Charisma auf der Leinwand versprühen. Wolfman ist ein harter Horrorfilm, bei dem, überraschend für eine Studioproduktion, nicht mit Gore-Effekten gegeizt wird. Das Drehbuch ist löchrig wie ein Schweizer Käse und kommt deshalb manchmal sogar etwas trashig daher. Die Inszenierung aber reißt es komplett raus – die Fotografien sind wunderschön und stimmig, Elfman Score famos und die Darsteller perfekt besetzt. Man darf gespannt sein, was der knapp 20 Minuten längere Extended Cut auf DVD & Blu-ray noch so bereit hält. (7/10)

★★★★★★★☆☆☆

Wer Bist Du Im Wunderland?

Invictus

Kurzkritik

Es ist immer wieder erstaunlich, wie es Clint Eastwood mit mittlerweile fast 80 Jahren schafft, nahezu jährlich einen Film zu veröffentlichen. Dieser Mann ist arbeitswütig und voller Ideen, und seine Filme scheinen mit wachsendem Alter immer besser zu werden. Mystic River, Million Dollar Baby, Letters From Iwo Jima oder Gran Torino – ein Auszug aus der Filmografie Eastwoods der letzten zehn Jahre lässt jeden Cineasten mit der Zunge schnalzen. Umso freudiger waren die Erwartungen, als Eastwood, einer der größten Regisseure unserer Zeit, ein Biopic zu Nelson Mandela, einem der größten Persönlichkeiten unserer Zeit, ankündigte. Ein Film der Superlativen sollte es werden, und mit seinem guten Freund Morgan Freeman fand Clint Eastwood die Idealbesetzung für den früheren südafrikanischen Präsidenten. Doch qualitativ will sich Invictus nicht nahtlos einfügen in die Liste großartiger Filme Eastwoods. Denn anstatt der Komplexität der Figur Nelson Mandela in einem Land voller Rassenwahn an den Leib zu rücken, konzentriert sich das Drehbuch auf einen kurzen Zeitraum von Mandelas Wahl zum Präsidenten 1994 bis zur Rugby-WM im eigenen Land 1995. So ist Invictus eher Sportdrama als Politdrama und zeigt somit einen limitierten Blick auf Mandela. Sicherlich, Eastwood deutet in vielen Szenen die Diskrepanz zwischen der weißen und schwarzen Bevölkerung in Südafrika an. Doch die bedrohliche Stimmung, die in dem Land nach Mandelas Machtübernahme herrschte, die Vergeltungsanschläge der ehemals unterdrückten Schwarzen, die horrende Staatsverschuldung oder die Landstreitigkeiten zwischen weißen Großgrundbesitzern und kleinen schwarzen Bauern thematisiert der Film gar nicht. Das Pulverfass Südafrika, das stetig zu explodieren drohte, fängt Eastwood nicht ein. Vielmehr konzentriert er sich auf den geschickten diplomatischen Schachzug des Präsidenten, die Bevölkerung mit einer erfolgreichen Rugby-WM zu vereinen. Dieser konzentrierte Blick erlaubt zwar eine tiefgründigere Charakterisierung der Nebenfiguren, verschenkt aber von vornherein ein ungeheures Potential. Betrachtet man Invictus dann als reines Sportdrama und blendet den Rest aus, erwartet den Zuschauer ein vor allem in den Rugby-Szenen toll inszenierter Film, der trotz des allseits bekannten Endes nie an Spannung verliert. Eastwoods Bilder begeistern wie eh und je, schlicht aber effektiv, pathetisch aber nie übertrieben. Es ist aber vor allem Morgan Freeman, dessen beeindruckende Performance den ganzen Film zusammenhält. Nicht nur optisch ähnelt Freeman dem Friedensnobelpreisträger von 1993, auch seine Mimik und Gestik zeugen von seiner großen schauspielerischen Brillanz. Freeman verschmilzt mit seiner Rolle und geht in ihr auf – sogar mit passablem südafrikanischem Akzent. Matt Damon als südafrikanischer Teamkapitän Francois Pienaar zeigt hingegen, dass seine schauspielerischen Fähigkeiten stärker limitiert sind als die seines Kollegen Freeman. Seine beschränkte Mimik ist zwar perfekt für Actionfilme, doch als Zentrum einer Mannschaft, deren Leistung über das Schicksal der Bevölkerung entscheiden kann, ist seine Präsenz zu klein. Invictus ist in seiner Summe ein feiner Sportfilm, der die politischen Hintergründe nicht tiefgründig genug abhandelt und so seinem Anspruch, ein Biopic Nelson Mandelas zu sein, nicht gerecht wird. Anschauen sollte man sich Invictus trotzdem – allein wegen der großartigen Performance von Morgan Freeman. (5/10)

★★★★★☆☆☆☆☆

The Lovely Bones – In Meinem Himmel

Kurzkritik

Schon weit vor seiner Veröffentlichung galt Peter Jacksons The Lovely Bones als einer der großen Favoriten auf die kommenden Oscars. Die Vorzeichen hätten auch nicht besser sein können: ein Regisseur, der nach vier opulenten Werken endlich wieder zu seinen Wurzeln zurückkehrt, eine hoch gelobte Romanvorlage und ein interessanter Cast rund um Jungstar Saoirse Ronan versprachen einiges. Versprechungen, die Jackson letztendlich aber nicht halten konnte. Zu offensichtlich zeigen sich die Probleme, welche die Komplexität des Stoffes dem Regisseur bereiteten. The Lovely Bones ist ein unrunder Film, bei dem sich in 140 Minuten Laufzeit kein roter Faden in der Geschichte zu erkennen gibt. Zu abrupt sind die steten Wechsel zwischen Drama und Thriller, zu ungestüm die Versuche, Elemente aus Mystery und Komik zu integrieren. Man könnte fast meinen, Jackson inszeniert mit dem Holzhammer, seelenlos, um den Facettenreichtum der Vorlage gerecht zu werden. Der Regisseur verpasste es, den Fokus auf einen Handlungsstrang zu legen, um entweder ein feinfühliges Drama oder einen spannenden Thriller zu inszenieren. So ist The Lovely Bones ein kruder Mischmasch aus beidem, aber nichts Halbes und nichts Ganzes. Jackson lässt dem Zuschauer keine Chance, die ohne Frage ästhetisch inszenierten Szenen auf sich wirken zu lassen, lässt ihm kein Freiraum für eigene Gedanken. Eine Sequenz jagt die nächste, auf eine Aktion folgt eine sofortige Reaktion, ohne Pause, untypisch für dieses Genre. Der Regisseur will die Geschichte schnell nach vorne treiben, will viel erzählen und erzählt doch so wenig. Die Trauerarbeit der Eltern (Mark Wahlberg & Rachel Weisz) zum Beispiel deutet er nur an, ohne jedoch jemals auf sie einzugehen. Er verpasst es, den Figuren Gefühle, gar eine Seele zu geben. Die so erzeugte Antipathie raubt den Thriller-/ und Krimielementen, der Suche des Vaters nach Susies Mörder schließlich den Nährboden. Inhaltlich fehlt dem Film eine klare Linie, die Peter Jackson inszenatorisch hingegen radikal entlang schreitet. Das Set-Design des Films ist grandios, der Regisseur setzt das Amerika der 70er formidabel in Szene. Dabei heben sich seine Bilder von denen seiner Kollegen ab, denn die gefilterten digitalen Bilder erzeugen einen neorealistischen Charme, der anfangs fesselt und im Verlaufe der Geschichte trotz des lückenhaften Inhalts immer wieder den Zugang zum Film erleichtern. Sowieso, der Wechsel zwischen Realität und den Bildern aus dem Himmel ist rund, die Bilder verschmelzen zu einer Einheit, wie es die Geschichte an keiner Stelle erreicht. Neben den Bildern sind es vor allem die zwei Schauspieler, deren Rollen weitaus weniger limitiert und denen Jackson Gestaltungsfreiraum lässt, deren Präsenz noch nachhaltig in Erinnerung bleibt. Stanley Tucci spielt den Serienkiller George Harvey mit einer komplexen Subtilität, zeichnet das Bild eines Psychokillers, in dem das Böse unter der scheinbar gut bürgerlichen Oberfläche brodelt. Die komplette Spannung des Films entwickelt sich aus seiner Figur, er ist ihr eigentlicher Star. Auch Saoirse Ronan, die schon bei Abbitte eine großartige schauspielerische Leistung ablieferte, darf vor allem in den coming of age-Elementen ihr breit gefächertes Potential andeuten. Mark Wahlberg, Rachel Weisz und Susan Sarandon hingegen haben so eingeschränkte Rollen, dass sie ihnen nichts weiter bleibt als vom Drehbuch abzulesen. Jackson lässt ihnen keinen Freiraum für Interpretationen, was im Anbetracht des Potentials der Rollen und Schauspieler ein riesiges Ärgernis ist. Sowieso, Potential hatte der Film. Wenn Jackson seine visuelle Vision  auch auf die inhaltliche Ebene übertragen hätte, sich konzentriert hätte auf wenige Hauptstränge der Geschichte, hätten wir mit Sicherheit einen großartigen Film sehen dürfen. So bleibt der fade Beigeschmack, dass Peter Jackson The Lovely Bones fast gewaltsam auf die Awardseason getrimmt hat. Ohne Blick aufs Wesentliche. (4/10)

★★★★☆☆☆☆☆☆

Up In The Air

Kurzkritik

Die Wirtschaftskrise hat endgültig Hollywood erreicht. Nicht nur monetär, sondern auch inhaltlich. Denn Ryan Bingham (George Clooney) arbeitet für eine Firma in Omaha, die im Auftrag von Managern deren Angestellte feuert – quer durch Amerika. Gerade in diesen Zeiten ein lukrativer Job. Bingham ist ein Vorzeigebeispiel eines typisch modernen Beschäftigten, mobil, selbstbewusst, eiskalt. Er liebt seinen Job, den er sich mit Zynismus erträglicher zu gestalten versucht. Bingham ist kein Familienmensch, ist Single, mit seinem Beruf verheiratet. Dementsprechend setzt er sich andere Ziele im Leben als Frau und Kinder: er will als erst siebter Mensch überhaupt die magische Zehn-Millionen-Meilen-Grenze überschreiten. Umso mehr gerät sein Leben ins Wanken, als die junge Studienabgängerin Natalie (Anna Kendrick) zusammen mit seinem Chef (Jason Bateman) das Firmenkonzept revolutionieren will: keine persönlichen Entlassungen mehr, sondern Entlassungen per Videochat übers Internet. Bingham kann seinen Chef überzeugen, die unerfahrene Anna erst einmal auf ein paar Touren mitzunehmen. Denn mit der firmlichen Strukturänderung würde Bingham so ziemlich alles verlieren, was sein Leben ausmacht.

Es ist schwierig, Up In The Air einem bestimmten Genre zuzuordnen. Jason Reitmans Film ist manchmal ein feinfühliges Drama, manchmal eine scharfzüngige Komödie, mal charmant, doch in der nächsten Szene schon wieder voller Zynismus. Er ist von der ersten Sekunde an voller Abwechslungsreichtum und voller Ideen und möchte von vornherein in keine Schublade gesteckt werden. Reitman und sein Co-Autor Sheldon Turner legen mit der Adaption von Walter Kirns Roman “Der Vielflieger” eines der besten Drehbücher der letzten Jahre vor, mit einer Präzision und Bissigkeit, wie es nur wenige Filme in den letzten Jahren hatten. Sie schaffen mit Leichtigkeit den Spagat zwischen den Genres, aber auch den Spagat zwischen Unterhaltung und Anspruch. Die klugen Dialoge sind wie geschaffen für George Clooney, der mit einer schwebenden Leichtigkeit Ryan Bingham mimt und zurecht einer der großen Anwärter auf den Hauptdarstelleroscar ist. Nur Clooney schafft es wohl, seine Figur trotz deren Berufes derart charmant herüberzubringen und dem Zuschauern nicht zu missfallen. Dies, die Sympathie des Zuschauers gegenüber Bingham, ist eine tragende Stütze des Films, um dessen subtile Zerrissenheit und heimliche Suche nach einem normaleren Leben zu demonstrieren. Neben Clooney glänzen in dem bis in die kleinste Nebenrolle stark besetzten Film vor allem Anna Kendrick und Vera Farmiga, in deren Figur Alex Bingham im Verlauf der Geschichte eine Seelenverwandte zu finden scheint. Es wäre zu wünschen, dass Up In The Air bei den Oscars mit dem ein oder anderen Preis ausgezeichnet werden würde, was bei der Übermacht von The Hurt Locker und Avatar aber schwierig werden sollte. Reitman hat zumindest eines gezeigt – er ist als Autor und als Regisseur endlich an der Spitze Hollywoods angekommen. Mit einem der besten Filme des Jahres. (9.5/10)

★★★★★★★★★½

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